von Stephan Bauer und Oliver Ristau, Euro am Sonntag
Der Manager eines großen europäischen Energiekonzerns ballt die Faust. „Unsere Anlagen sind trotz eines Restrisikos gut gesichert. Wir wollen nicht raus aus der Atomkraft. Wir dürfen doch jetzt nicht wie kopflose Hühner herumlaufen.“ Es sind markige Sätze, die im vertraulichen Gespräch fallen. Man lässt sich ungern namentlich zitieren in einer Situation, die für die Branche angesichts der Lage in der Atomkraftanlage Fukushima dramatisch ist.Aus den Worten des hochrangigen Managers spricht Fassungslosigkeit. Jahrelang hat die Energiewirtschaft ihr Credo von der sicheren Atomkraft verbreitet.
Das sogenannte Restrisiko ließ man mit einer Unzahl von Expertisen gen nichts schrumpfen. Doch 25 Jahre nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl wird dieses angeblich winzige Teilchen Unsicherheit vor den Augen einer schockierten Weltöffentlichkeit wieder zum Monstrum.
Das nackte Grausen hat auch die schwarz-gelbe Bundesregierung gepackt. Die Koalitionäre um Bundeskanzlerin Angela Merkel standen bislang fest zur Atomkraft. Im Herbst verlängerte Berlin die Laufzeit der 17 deutschen Kernkraftwerke teils um 14 Jahre. Jetzt ist die Verlängerung für drei Monate ausgesetzt. Acht Meiler, die bis vor wenigen Tagen noch als sicher galten, sollen vom Netz, mindestens drei davon werden wohl endgültig stillgelegt. Der Anfang vom Ende der Atomkraft?
Peking, gut 2000 Kilometer westlich von Fukushima: Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao steuerte noch vergangenen Montag hart auf Kernkraftkurs. Der neue Fünfjahresplan des Volkskongresses sieht bis 2015 den Baubeginn von weiteren 40 Gigawatt nuklearer Kraftwerkskapazität vor. Derzeit betreibt China 13 Reaktoren mit rund zehn Gigawatt Leistung und baut bereits 27 weitere. Die Kernenergie, verkündet Wen Jiabao nach dem Beschluss, werde „beständig vorangetrieben“. Nur drei Tage später lenkt das für seine Härte bekannte Pekinger Regime ein. Der Ausbau, so die Zentralregierung, liege einstweilen auf Eis. Man wolle die Sicherheit der Projekte eingehend prüfen und aus den Erfahrungen der Nachbarn lernen.
Es ist kein Zynismus, der hieraus spricht. Es sind wirtschaftliche Zwänge. Schon jetzt ist China der größte Energieverbraucher der Welt. Das Land mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern will in den kommenden Jahren jeweils um acht Prozent wachsen. Dafür braucht man Energie.
In einer ähnlichen Lage ist Indien. Um den Aufschwung mit Strom zu versorgen, plant die Regierung bis 2030 rund 175 Milliarden Dollar an Investitionen in die Kernkraft. Jetzt stehen einige Projekte an der Küste unter Revision.
China und Indien – diese beiden Staaten standen bislang für das Comeback der Atomkraft. 110 Neubauprojekte hat Peking langfristig ins Auge gefasst, 40 die Regierung in Mumbai. Insgesamt ist das die Hälfte dessen, was weltweit avisiert ist. Ein grundlegender Richtungswandel wäre in der Tat ein Meilenstein einer weltweiten Energiewende. Die Frage ist bloß, ob es für die Wachstumsstaaten eine echte Alternative gibt. In China wird der überwiegende Teil der Energie mit Kohle erzeugt. Der Preis sind hohe Schadstoffbelastungen und Treibhausgasemissionen.
Der Ausbau von Wasserkraftwerken stößt an geografische Grenzen, die Windkraft macht erst rund zwei Prozent der Kapazitäten aus. Unter Experten herrscht deshalb Skepsis, ob Peking das Atomprogramm tatsächlich zurückfahren wird. „Ohne Kernkraft ist das Wachstum schlicht nicht realisierbar“, sagt James Stettler, Energieexperte der Bank Unicredit in London.
Frankreich, die zivile Atommacht Nummer 2 der Erde, demonstriert nukleare Entschlossenheit – ähnlich wie Großbritannien und die USA. „Es wäre falsch, den Menschen zu sagen, dass wir auf Kernkraft verzichten können“, sagt Frankreichs Außenminister Alain Juppé. Das ist nichts als die Wahrheit: Rund 78 Prozent des französischen Stroms kommen aus Atomkraftwerken. Frankreichs Atommeiler werden nach heutigem Stand noch 40 bis 60 Jahre laufen.
Deutschland und Frankreich trennen in der Atomfrage zweifelsohne Welten. Nur ein knappes Viertel des hierzulande produzierten Stroms ist nuklearen Ursprungs. Das Entsetzen in der deutschen Energieindustrie nach dem Umfaller der Bundesregierung ist gleichwohlgroß – schließlich fühlte man sich bei Eon oder RWE von Berlin bislang politisch gut vertreten. Beide Konzerne prüfen jetzt offenbar rechtliche Schritte gegen die Entscheidung.

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Atomkraftwerke sind für die großen Kraftwerksbetreiber schließlich bedeutende Gewinnbringer. Die meisten Anlagen, vor allem die älteren, sind bereits abgeschrieben, der Strom wird günstig produziert. Laut Peter Wirtz, Analyst bei der West LB, verdienen die Betreiber je Kraftwerk jährlich rund 100 bis 125 Millionen Euro – netto. Besonders hart trifft es Eon. In Deutschland basiert die Stromerzeugung des zweitgrößten Kernkraftbetreibers Europas zur Hälfte auf der Atomenergie. An vier der acht vom Moratorium betroffenen Meilern ist Eon beteiligt, mit der Umsetzung des Moratoriums werden den Düsseldorfern künftig rund ein Drittel ihrer nuklearen Kapazitäten fehlen. Pro Monat drohen aufgrund des Berliner Richtungswechsels Ausfälle in einer Größenordnung von 20 Millionen Euro.
Bei RWE geht es mit Biblis A und B um zwei Standorte. Ohnehin macht die Kernkraft für die Essener nur ein Viertel der Produktion aus. Der Fokus liegt mit mehr als zwei Dritteln auf der Kohle. Im Vergleich zu Eon dürften die abschaltbedingten Umsatz- und Ergebniseinbußen niedriger ausfallen.
Eon-Chef Johannes Teyssen hält dennoch am erst wenige Tage vor der Japan-Katastrophe veröffentlichten Gewinnziel für 2011 fest. Dieses liegt aufgrund höherer Steuern und schwacher Margen im Gasgeschäft ohnehin 20 bis 30 Prozent unter den fast fünf Milliarden Euro aus dem Jahr 2010. Die Hoffnung des Energiemanagers liegt darin, dass das Minus in der Stromproduktion zumindest teilweise durch höhere Verkaufspreise ausgeglichen werden kann.
Bildquellen: E.ON Kernkraft GmbH