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15.12.2009 12:30

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BERGBAU

Minenkonzerne nehmen Fahrt auf



Minenkonzerne sind auf die chinesische Wirtschaft angewiesen.
Die großen Minenkonzerne haben in der Krise abgespeckt und Schulden ­abgebaut. Sie hängen aber weiter stark von der Zugkraft Chinas ab.

von Oliver Ristau, Euro am Sonntag

Australien ist ein Land, das reich an Kohle und Erzen ist. Bei nahezu allen wichtigen Industrie- und Edelmetallen zählt es zu den fünf größten Produzenten der Welt. Auch die Rohstoffunternehmen des Landes gehören zur internationalen Spitze. BHP Billiton und Rio Tinto sind die beiden weltweit umsatzstärksten Bergbaukonzerne.

Das hat schon lang die Begehrlichkeiten Chinas geweckt, sind in Down Under doch die Stoffe im Überfluss zu finden, die die heimische Wirtschaft unter Dampf setzen und zu Hause knapp sind – allen voran Kohle und Eisenerz. Der Versuch von Chinas Metallriesen Chinalco jedoch, vergangenen Sommer mit einer Mitgift von 19,5 Milliarden Dollar seinen Einfluss als Aktionär bei der klammen Rio Tinto auszubauen, scheiterte nicht zuletzt am politischen Widerstand. Stattdessen rückten BHP und Rio Tinto durch ein Joint Venture zur Eisenerzförderung enger zusammen.

Doch die australischen Kumpel bleiben wie überall auf der Welt abhängig von China. Denn ohne den Heißhunger der Volksrepublik nach Rohstoffen wäre es den Minengesellschaften kaum gelungen, im zweiten und dritten Quartal dieses Jahres beim Absatz wieder Tritt zu fassen. So legte die Produktion von zentralen Metallen wie Zink, Blei, Nickel und Eisenerz bei BHP von Juni bis September im Vergleich zum Vorjahr teils zweistellig zu. Bei Rio Tinto waren Kupfer, Uran und die Edelmetalle besonders gefragt. Zugleich haben sich die Preise wieder deutlich erholt. Nach Auskunft von BHP-Chef Marius Kloppers gab es dafür nur einen Grund: „China war die größte und teilweise einzige Quelle für die Rohstoffnachfrage.“

 

Die Nachfragemacht der Chinesen ist auch entsprechend groß. So haben die Stahlkocher in der Volksrepublik bis heute noch nicht die Benchmark-Preise von Rio Tinto und BHP für die laufende Eisenerzsaison akzeptiert, obwohl sie deren Rohstoffe bereits verarbeiten. Denn die Preisabschläge von bis zu 40 Prozent, die die drei Riesen BHP, Rio Tinto und die brasilianische Vale do Rio Doce – die zusammen drei Viertel des Eisenerzmarkts kontrollieren – im Frühjahr mit Stahlerzeugern in Europa, Japan und Südkorea ausgehandelt hatten, reichen den Chinesen nicht aus. Für ihre Sicht der Dinge spricht, dass sie an Rio Tinto und BHP vorbei mit dem drittgrößten australischen Erzan­bieter Fortescue Preise vereinbaren konnten, die teils um 50 Prozent unter dem Niveau von 2008 lagen.

„Der Lageraufbau in China ist beendet“, sagt Kloppers. Die bange Frage ist, ob mittelfristig neue Impulse aus Europa, den USA und Indien eine chinesische Abkühlung kompensieren werden. Für die großen Minenkonzerne ist die Zeit der Aufräumarbeiten deshalb noch nicht vorbei. Nachdem sie in den Boomjahren enorme Kapazitäten aufgebaut hatten und selbst wenig rentable Minen und Nebengeschäfte führen konnten, mussten sie mit dem radikalen Verfall der Rohstoffpreise ab Mitte 2008 umdenken.
Es ging darum, die aufgeblähten Strukturen auch unter Inkaufnahme von Verlusten zu verschlanken. Ein Prozess, der noch andauert: Der schweizerisch-britische Bergbauspezialist Xstrata etwa kündigte Mitte der Woche die Schließung einer Zink- und Kupferschmelzhütte in Kanada an, was den Konzern einmalig 375 Millionen Dollar kostet. Außerdem wurden im Lauf des Jahres Minen in Kanada und der Karibik dichtgemacht.

Wettbewerber Anglo American trennte sich von Randaktivitäten wie der Stahlverarbeitung und der Düngemittelproduktion, die insgesamt elf Prozent des operativen Geschäfts ausmachten. Doch noch immer ist der Londoner Konzern nach Analystenmeinung nicht konzentriert genug. Rio Tinto will Sparten für mehr als fünf Milliarden Dollar 2009 verkaufen und hat rund 16 000 Mitarbeiter entlassen. „Die großen Bergbaufirmen haben in der Krise ihre Hausaufgaben gemacht“, sagt Gerold Deppisch, Minenanalyst von der Landesbank Baden-Württemberg, „und ihre teils hohe Verschuldung in den Griff bekommen.“ Das gelang nicht allein über Unternehmensverkäufe. So musste Rio Tinto mit Ablehnung der China-Offerte eine 15,2 Milliarden Dollar schwere Kapitalerhöhung stemmen, um das nach der Übernahme des kanadischen Wettbewerbers Alcan dringend benötigte Eigenkapital aufzubringen. Bereits nach vier Wochen waren die neuen Aktien platziert, was die Nettoverschuldung auf 22 Milliarden Dollar und die Schuldenquote auf 33 Prozent drückte.

Auch Wettbewerber Xstrata spülte eine Kapitalerhöhung Anfang des Jahres 5,9 Milliarden Dollar in die Kasse. Der Verschuldungsgrad des insbesondere auf Kohle, Zink und Kupfer fokussierten Unternehmens sank um rund zehn Prozentpunkte auf 30 Prozent. Dass die Unternehmen selbst in den ärgsten Zeiten der Baisse keine Probleme hatten, neue Aktien zu platzieren, zeige, so Deppisch, „dass Rohstoff­titel bei Investoren nach wie vor hoch im Kurs stehen“. Der brasilianische Bergbaugigant Vale do Rio Doce besorgt sich derzeit am Bondmarkt durch die Ausgabe neuer Langfristanleihen eine Milliarde Dollar.

Unter den Minengiganten steht BHP am besten da. Der Konzern hat die Nettoverschuldung in den vergangenen fünf Jahren von 30 auf zwölf Prozent gedrückt, auch weil er sich mit Fusionen zurückgehalten hat.

Analyst Deppisch rechnet nicht damit, dass das Fusionskarussell unter den Großen in Kürze wieder in Schwung kommt. Nicht nur, dass der Zusammenschluss von Rio Tinto und BHP derzeit kein Thema ist. „Es läuft eher auf Joint Ventures wie beim Eisenerz hinaus.“ Auch bei dem vor zwei Monaten gescheiterten Übernahmeversuch von Anglo American durch Xstrata ist die Luft raus. „Veränderung wird bei uns künftig aus eigenen Projekten kommen“, beschreibt Xstrata-Chef Mick Davis die neue Wachstumsstrategie. Anders sieht die Situation bei spezialisierten Bergbauunternehmen aus der zweiten Reihe aus. Da tummelt sich eine Vielzahl notierter Minenwerte, die oft nur auf einen Rohstoff konzentriert sind. „Dort dürften Übernahmefantasien mittelfristig eher angesiedelt sein“, schätzt Deppisch.

Insbesondere dann, wenn die Rohstoffnachfrage nicht nur in China, sondern auch global wieder wächst. „Große Rohstoffunternehmen, die über eine bewährte Basis an Reserven verfügen, sind für die ­Zukunft am besten gerüstet“, sagt Kamal Naqvi, Rohstoffexperte von Credit Suisse. Denn der Anstieg der Rohstoffpreise wird langfristig anhalten. „Die Herausforderung für ­Unternehmen ist, bedeutende neue Vorkommen zu erschließen und gleichzeitig die Gewinnmargen zu halten.“ Die technischen und geopolitischen Anforderungen zur Realisierung von Minenprojekten nehmen laut Naqvi zu.

Naqvi sieht bei Kupfer und Kohle 2010 Preisaufschläge. Während das Metall für Infrastrukturprojekte weltweit wichtig bleibe, könnte die Nachfrage nach Kohle infolge eines wachsenden chinesischen Bedarfs steigen. Die Verfügbarkeit beider Rohstoffe sei zudem begrenzt. In der Aluminium- und Nickelerzeugung hingegen existierten mehr als ausreichend Kapazitäten.

Rio Tinto und BHP haben ihrer Eisenerz-Ehe kürzlich Brief und Siegel verliehen. Die Unternehmen werden damit in der Produktion Weltmarktführer Vale überholen und rechnen mit Einsparungen von zehn Milliarden Dollar. Ob das reicht, die Marktmacht gegen renitente Chinesen entscheidend zu stärken, bleibt abzuwarten. Die Stahlwerke leiden unter Überkapazitäten, Eisenerz ist deshalb momentan wenig gefragt.

„Manche Beobachter schätzen, dass die Rohstoffkonzerne im nächsten Jahr wieder Preisaufschläge beim Eisenerz von 20 bis 30 Prozent durchsetzen könnten. Ich glaube das nicht“, sagt Eugen Weinberg, Chef der Commodity-Abteilung bei der Commerzbank. Sicher ist wohl nur, dass der Rohstoffkampf zwischen China und Australien 2010 in eine neue Runde gehen wird.

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Bildquellen: K+S KALI GmbH
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