25.07.2012 03:00
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Chinesische Börsengänge: "Zu viele Ungereimtheiten"

Gemeinsamer Briefkasten am Deutschlandsitz von Youbisheng Green Paper und Kinghero in München.
Deutsche China-Aktien
Immer mehr Firmen aus China gehen in Frankfurt an die Börse. Doch undurchsichtige Firmenkonstrukte und lasche Kontrollen machen skeptisch. Worauf Anleger schauen sollten.
€uro

Von Sabine Gusbeth, €uro Magazin

Herr Cai gähnt laut und ungeniert. Vor ihm sitzen die deutschen Aktionäre seines Unternehmens. Doch das scheint den Mann aus der chinesischen Provinz Fujian nicht zu interessieren. Herr Cai ist Gründer und Vorstandschef des Sanitärherstellers Joyou, eine von zwölf chinesischen Firmen im Prime Standard der Deutschen Börse. Nimmt man die weniger streng regulierten Segmente dazu, sind bereits 36 chinesische Unternehmen in Frankfurt gelistet. Insgesamt erreichten sie ein Emissionsvolumen von mehr als 590 Millionen Euro.

Trotz schlechter Erfolgsaussichten — die jüngsten Börsengänge stießen kaum auf Interesse bei Anlegern — reißt die Nachfrage der Börsenanwärter aus China nicht ab. Allein 2012 gingen bisher fünf chinesische Firmen hierzulande an die Börse.

Kaum Vertrauen.

Doch das Misstrauen vieler Anleger gegenüber den Unternehmen aus dem Reich der Mitte ist groß. Angesichts zahlreicher Betrugs- und Bilanzskandale um chinesische Firmen, die in den USA und Kanada notiert sind, verwundert das nicht. Die schweren Verstöße seien eine Warnung gewesen, meint Jens Ehrhardt vom renommierten Vermögensverwalter DJE Kapital. „In die in Frankfurt gelisteten chinesischen Unternehmen haben wir nicht investiert, da sie einerseits für uns zu klein sind, andererseits es zu viele Ungereimtheiten bei mehreren dieser Aktien gab“, betont er.

Das Spektrum der hier notierten chinesischen Firmen könnte breiter nicht sein: Vom Müllverbrenner über Fischverarbeiter bis hin zum Schuhsohlenhersteller. Da fragen sich viele: Warum kommen sie ausgerechnet nach Frankfurt?

Fast alle sind kleine, familiengeführte Unternehmen aus der Provinz Fujian, bei denen ein Patriarch das Sagen hat, der kein Englisch spricht. Selbst in China sind diese Unternehmen unbekannt, auch wenn Herr Chen, seines Zeichens Gründer des Fischverarbeiters Haikui anderer Meinung ist. Unter seinem Spitznamen „Herr der Quallen“ kenne ihn in seinem Heimatort jeder, betont er. Doch im riesigen China sind all diese Firmen kleine Fische.

Höheres Ansehen.

Genau das wollen ihre Chefs ändern — mithilfe der Deutschen Börse und einem „listed in Germany“ als Qualitätssiegel. Ein IPO im Ausland „erhöht die Reputation in China und hilft, eine Marke mit internationalem Flair aufzubauen. Das verkauft sich besser“, glaubt Alexander von Preysing, verantwortlich für das IPO-Geschäft der Deutschen Börse. In Frankfurt sei das Listing schneller und günstiger als an vielen anderen Börsen zu erreichen.

Für das Fujian-Phänomen könnte es aber auch eine andere Erklärung geben: von Preysings Kollege Yuxing Ruan stammt ebenfalls aus der Provinz im Südwesten Chinas. Bei der Deutschen Börse arbeitet er seit 2007 — dem Jahr des ersten China-IPOs in Frankfurt. Beim Interview mit €uro trägt von Preysing einen Ledergürtel Marke Powerland, jener selbsternannten chinesischen Luxusmarke, deren Chef, Herr Guo, sich das Ziel gesetzt hat, „Chinas Louis Vuitton“ zu werden. Dass das Land längst etablierte Luxusmarken hat, ficht Herrn Guo, der früher in Südafrika Schuhe verkauft hat, nicht an.

Politische Unterstützung.

Auslandsbörsengänge von chinesischen Unternehmen werden politisch gefördert: „Die Provinzregierung von Fujian drängt derzeit viele lokale Unternehmen dazu, im Ausland an die Börse zu gehen“, weiß James Roy von China Market Research aus Shanghai. Manchmal würden sogar „chinesische Wirtschaftsprüfer von den lokalen Regierungen dazu gezwungen, Unternehmen der Region nach außen besonders gut aussehen zu lassen“, sagt Roy.

Doch eine schöne Bilanz allein genügt nicht, um auf internationalem Parkett zu reüssieren. Um mit den Investoren ausreichend kommunizieren zu können, wird oft noch kurz vor dem Börsengang ein externer Finanzchef eingekauft. Der spricht zwar wenigstens Englisch, kennt aber das Unternehmen kaum.

Die deutschen Aufsichtsräte, die die Unternehmen überwachen sollen, sprechen hingegen kein Chinesisch und sind nur selten in China vor Ort, um das operative Geschäft zu kontrollieren. So heißt es im Börsenprospekt von Fast Casualwear, einem Hersteller für Freizeitbekleidung, entlarvend: „Die angemessene Überwachung des Vorstandes durch den Aufsichtsrat könnte sich schwierig gestalten, da der Vorstand in der VR China und der Aufsichtsratsvorsitzende in Deutschland ansässig ist.“ Die deutschen Aufsichtsräte stammten meist aus „beratenden Unternehmen, die sich bei den China-Börsengängen verdient gemacht hätten“, lästert ein Pressesprecher am Rande einer Hauptversammlung.

So sitzen in den Kontrollgremien unter anderem Andreas Grosjean, Vorstand der VEM Aktienbank, die bereits China-Unternehmen in Deutschland an die Börse gebracht hat, Klaus Rainer Kirchhoff, dessen Kommunikationsagentur fast alle der in Frankfurt notierten chinesischen Unternehmen betreut, oder Volker Potthoff von der Anwaltskanzlei CMS Hasche Sigle, die ebenfalls einige der Unternehmen beraten hat.

Erfahren Sie auf der folgenden Seite, wie wenig deutsche Aufsichtsräte zum Teil über die Unternehmen wissen, die sie kontrollieren sollen und vor welchen Schwierigkeiten Wirtschaftsprüfer bei der Prüfung in China stehen.

Bildquellen: Julian Mezger
Seite: 12

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