20.03.2013 13:00
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Im Test: Welche Biotechs ein Investment wert sind

Biotech: Deutsches Langzeit-Experiment
Deutsche Biotech-Aktien
Fehlschläge, Finanzklemme: Die Biotech-Branche hat’s nicht leicht in Deutschland. Trotzdem gibt es Erfolgsmodelle mit ­großem Potenzial. Die Kandidaten.
€uro am Sonntag

von Julia Groß, Euro am Sonntag

Erinnert sich noch jemand an Lion Bioscience, das „SAP der Gesundheitsbranche“? Oder den „Senkrechtstarter aus Ebersberg“, MWG Biotech? 13, 14 Jahre ist es her, dass die Biotechnologie zu einer der wichtigsten Zukunftsbranchen Deutschlands ausgerufen wurde. Von 1999 bis 2001 feierten allein elf Unternehmen ihr Börsendebüt.

Schon bald sollte eine florierende Industrie entstehen, nach dem Vorbild der USA, wo Amgen und Genentech bereits Milliarden scheffelten. Es war die Zeit des Neuen Markts, nichts schien unmöglich. „Die Erwartungen waren hoch, die Kursziele ebenso“, erinnert sich Elmar Kraus, Analyst bei der DZ Bank. Geblieben ist davon: wenig. Deutsche Anleger haben sich mehr als ein blaues Auge mit den Biotechaktien geholt, es gab Fehlschläge, Fälle von eklatantem Missmanagement und diverse Strategiewechsel. Aber: Gerade in der jüngsten Vergangenheit konnten einige Unternehmen auch respektable Erfolge verbuchen. Morphosys, Evotec, Mologen und Biotest haben sich eine Position erarbeitet, die viel Potenzial für die kommenden Jahre bietet. Qiagen spielt als etablierter Zulieferer von Labor- und Testtechnologien ohnehin in einer anderen Liga.

Dass ausgerechnet diese Firmen so weit gekommen sind, hat nicht nur mit brillanter Wissenschaft zu tun, sondern auch mit den deutschen Verhältnissen. Denn seit dem Crash des Neuen Markts hat die Bereitschaft von Geldgebern, hierzulande Kapital in Biotechnologie zu investieren, stark abgenommen und sich — auch infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise — nie wieder erholt. 2011 rückten Venture-Capital-Firmen nur noch magere 87 Millionen Euro heraus. Zum Vergleich: In den USA waren es über drei Milliarden. Private Investoren wie Dietmar Hopp (Ex-SAP) oder Hexal-Gründer Strüngmann versuchen, die Lücken zu füllen.

Doch seit 2006 gab es in Deutschland keinen Biotech-Börsengang mehr. „Der Kapitalmarkt in Europa ist nach wie vor gar nicht bereit für das Segment“, beklagt Siegfried Bialojan, Leiter des European Life Science Centers von Ernst & Young und Herausgeber des deutschen Biotechnologiereports. Neben der Größe und der längeren Geschichte der Branche sei in den USA auch die Risikobereitschaft der Investoren eine andere.

Auch viele Institutionelle machen einen großen Bogen um die deutschen Unternehmen. Kaum ein Biotechfonds hält mehr als ein Prozent deutsche Biotechaktien im Portfolio. „In den USA finden wir einfach attraktivere Investments und auch ­andere Biotech-affinere Investoren“, sagt Thomas Egger von der Beteiligungsgesellschaft BB Biotech.

Schwierige Finanzierung
Die Folge: Für deutsche Firmen ist es vergleichsweise schwierig, frisches Kapital aufzutreiben. Das trifft speziell reine Medikamentenentwickler wie GPC/Agennix oder Sygnis. Denn die nötigen klinischen Studien sind teuer, Fehlschläge — die in diesem Business ganz normal sind — wirken sich besonders heftig aus, wenn es nicht genug andere Projekte in der Pipeline gibt. „Die meisten dieser Unternehmen haben aber weder das Geld noch die Zeit, ihr Produktportfolio entsprechend zu erweitern“, sagt Siegfried Bialojan. Ironischerweise waren es genau diese reinen Entwickler von Medikamenten, deren Geschäftsmodell Analysten seinerzeit als überlegen priesen. Die Firmen, die heute besser dastehen, gründen sich fast alle auf damals häufig als „eher langweilig“ bezeichnete Technologieplattformen.

Beispiel Morphosys: Von Anfang an beharrte Vorstandschef Simon Moroney auf seinem Kurs, zunächst möglichst vielen Pharmakonzernen den Zugang zur firmeneigenen ­Antikörperbibliothek zu verkaufen. Erst wenn dadurch kontinuierlich Einnahmen generiert würden, wollte er selbst in die Wirkstoff­entwicklung einsteigen.

Heute sitzen die Martinsrieder auf 180 Millionen Euro Cash und einer Pipeline mit 70 laufenden Partnerprojekten, aus denen das erste Medikament eventuell 2015 oder 2016 auf den Markt kommt. Dazu hat Morphosys mittlerweile sechs eigene Wirkstoffe in der Entwicklung. Für einen davon, MOR103 gegen rheumatoide Arthritis, führt Moroney gerade Verhandlungen über eine Auslizenzierung. Ein Abschluss dürfte weitere Millionen in die Kasse spülen. „Ich sehe nicht, warum wir nicht wie andere Antikörper-Firmen eine Marktkapitalisierung von ein bis zwei Milliarden erreichen könnten“, sagt Moroney selbstbewusst.

Als wahrer Joker könnte sich die Kooperation mit Roche erweisen. Die Schweizer bekamen von Morphosys einen Wirkstoff, den sie an Alzheimer-Patienten testen. Die aktuell erhältlichen Medikamente gegen die Demenzerkrankung helfen kaum. 101 Produktkandidaten erwiesen sich in den vergangenen 13 Jahren als wirkungslos. Umso erstaun­licher, dass Roche nun Morphosys’ Produkt Gantenerumab in großen Phase-III-Studien testet — noch dazu auf Anregung der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA. Es wäre eine Sensation, wenn die Tests positiv ausfielen. Morphosys bekäme dann eine Umsatzbeteiligung an einem potenziellen Mega-Blockbuster.

Namhafte Pharmapartner
Auch Biotest generiert seit Langem Einnahmen und Gewinne. Das Unternehmen aus Dreieich bei Frankfurt verkaufte die Diagnostik- und Mikrobiologiesparte und setzt nun auf Neuentwicklungen für den Pharmamarkt. Auf Anhieb landeten die Hessen mit einem Wirkstoff gegen Rheuma einen Deal mit dem US-Konzern Abbott über 395 Millionen Euro plus Umsatzbeteiligung, wenn das Produkt zugelassen wird.

Äußerst erfolgreich präsentiert sich auch Evotec. Nachdem die Hamburger mit ihrer eigenen Medikamentenentwicklung beinahe gegen die Wand gefahren wären, bieten sie Forschungsdienstleistungen an und entwickeln Produkte, die sie zu einem sehr frühen Zeitpunkt auslizenzieren. Die Liste von Evotecs Partnern liest sich wie das "Who’s who" der internationalen Pharmaindustrie.

Mologen dagegen teilt seine Technologie, die das körpereigene Immunsystem zur Bekämpfung von Krebszellen animiert, nicht mit anderen. Stattdessen forschten die Berliner jahrelang mit wenig Personal- und Kostenaufwand, baten 2012 um zwei Kapitalerhöhungen, um klinische Studien durchzuführen — und präsentierten im Herbst hervorragende Ergebnisse zu zwei Krebsmedikamenten. „Noch in diesem Jahr könnte eine lukrative Pharmapartnerschaft abgeschlossen werden“, sagt DZ-Bank-Analyst Elmar Kraus.

Die Liste attraktiver Investments könnte länger sein, wenn der Gang an die Börse nicht seit Langem versperrt wäre. So profitieren andere vom eigentlich hohen wissenschaftlichen Potenzial Deutschlands: Allein im vergangenen Jahr übernahmen Amgen, Johnson & Johnson und GlaxoSmithKline drei private deutsche Biotechs — für insgesamt gut eine Milliarde Euro. 
Deutsche Biotechaktien im Überblick (pdf)

Bildquellen: Olivier Le Queinec / Shutterstock.com
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