14.12.2012 03:00
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Mexiko: Für Investoren lohnt sich der Blick

Emerging Markets
Trotz Drogenkrieg und Korruption ist das Land wirtschaftlich sehr erfolgreich. Reformen könnten das Wachstum weiter ankurbeln.
€uro am Sonntag

von Andreas Hohenadl, Euro am Sonntag

Copete“ nennen die Mexikaner ihren neuen Präsidenten, „Haartolle“. Keine Frage, Enrique Peña Nieto ist eine telegene Erscheinung. Perfekt sitzender Anzug, die grau melierten Haare schwungvoll nach hinten gegelt. Der 46-Jährige wirkt wie aus einer mexikanischen Seifenoper entsprungen. Dazu passt sein Privat­leben: Verheiratet ist der Beau mit der Schauspielerin Angélica Rivera, einem ehemaligen Telenovela-Star.

Als das Paar 2010 heiratete, inszenierte der Fernsehsender Televisa die Vermählung wie eine royale Hochzeit. Bereits seit vielen Jahren sorgt Televisa dafür, dass Peña Nieto stets in bestem Licht erscheint. Der Privatsender, der von Kritikern als langer Arm der Regierungspartei PRI gesehen wird, kontrolliert rund 80 Prozent des mexikanischen Fernsehmarkts. Eine breite Protestbewegung wirft Peña Nieto vor, im Wahlkampf massiv von dem Sender unterstützt worden zu sein. Dafür seien Gelder von Unternehmern, die dem neuen Präsidenten nahestehen, an Televisa geflossen, so der Vorwurf.

Die Querelen um Peña Nietos Wahl sind symptomatisch für Mexiko. Unter der Oberfläche von Glanz und Erfolg bestimmen Günstlingswirtschaft, Korruption und verkrustete Strukturen das Land. Und im Ausland nimmt man Mexiko meist nur im Zusammenhang mit Drogen, Gewalt und Bandenkriminalität wahr. Ende November starb eine mexikanische Schönheitskönigin, die sich mit einer Drogenbande eingelassen hatte, im Kugelhagel. Wenige Tage später wurde eine Umwelt­aktivistin erschossen, die sich den Rauschgiftkartellen in den Weg gestellt hatte. Zuvor waren schon ihr Mann und zwei Kinder von Verbrecherbanden getötet worden.

Schätzungen zufolge sind in den vergangenen sechs Jahren rund 60 000 Menschen im mexikanischen Drogenkrieg ums Leben gekommen. Peña Nietos Vorgänger Felipe Calderón setzte die Armee im Kampf gegen die Kartelle ein — mit zweifelhaftem Erfolg. Zwar konnte das Militär zahlreiche Drogenbosse ausschalten, doch das führte nur zu immer blutigeren Konflikten. 2009 warnte das Pentagon, dass Mexiko ein „failed state“, ein „gescheiterter Staat“ zu werden drohe.

Doch davon ist das Land heute weit entfernt. Denn trotz Korruption und Drogenkrieg hat sich Mexiko stabilisiert. Viel mehr noch: „Die zweitgrößte Volkswirtschaft Lateinamerikas gewinnt politisch und wirtschaftlich immer mehr an Gewicht“, sagt Angel Ortiz, Lateinamerika-Experte bei der Fondsgesellschaft Fidelity. Für ihn ist Mexiko ein „Musterschüler unter den Emerging Markets“. 2012 dürfte das Bruttoinlandsprodukt des Landes um 3,8 Prozent zulegen. Das ist mehr als doppelt so viel wie in der größten ­lateinamerikanischen Volkswirtschaft Brasilien, für die 1,5 Prozent vorausgesagt werden. Auch für 2013 und 2014 er­wartet die OECD in Mexiko ein stabiles Wachstum um die 3,5-Prozent-Marke.

Boom im Automobilsektor
Treiber dieser Entwicklung ist die verarbeitende Industrie, vor allem der Automobilsektor. Niedrige Löhne, günstige Energie und die Nähe zum großen US-Markt ziehen immer mehr Kfz-Hersteller nach Mexiko. Noch vor sechs Jahren war das Land der neuntgrößte Fahrzeugexporteur der Welt, heute steht Mexiko — hinter Deutschland, Japan und Südkorea — an 4. Stelle.

In den kommenden Jahren wollen Autohersteller 7,8 Milliarden US-Dollar für zusätzliche Fertigungskapazitäten in Mexiko ausgeben. Die VW-Tochter Audi beispielsweise investiert rund eine Milliarde Euro, um ein Werk in San José Chiapa im Bundesstaat Puebla zu errichten. Ab 2016 soll dort der Nachfolger des aktuellen Geländewagens Q5 vom Band laufen. Daneben haben auch Ford, Nissan, Honda, Mazda, General Motors und Daimler Ausbaupläne bekannt gegeben.

Der Grund: Angesichts hoher Spritpreise werden von den Kunden vermehrt kleinere, sparsame Fahrzeuge nachgefragt. In der Kompaktklasse sind jedoch die Gewinnspannen der Hersteller kleiner als bei den großen Modellen, sodass sich die Autobauer verstärkt nach kostengünstigeren Produktionsstandorten wie Mexiko umschauen.

Die niedrigen Lohnkosten in Mexiko machen das Land auch für andere fertigungsintensive Industrien interessant. Denn im Outsourcing-Wunderland China steigen die Löhne. In den Fabriken der Volks­republik haben sie sich in den vergangenen zehn Jahren verfünffacht. Und der Ölpreis hat sich in dieser Zeit verdreifacht, was weite Transportwege erheblich verteuert. Das bewegt viele Firmen, die ihre Produkte vorwiegend auf dem amerikanischen Markt absetzen, dazu, wieder näher an den USA zu produzieren. Immer mehr weicht das „Made in China“ dem „Hecho en México“.

Bereits 2009 haben die Mexikaner die Chinesen als führenden Produzenten von Flachbildschirmen überholt. Auch bei Flugzeugen, Autos und anderen Gütern klettert das Land die Ranglisten nach oben. Ein Vorteil Mexikos sind zweifellos die gut ausgebildeten Arbeiter. Nach Angaben der UNESCO hat sich der Anteil der Uni-Abgänger, die in der Produktion gesucht werden, seit 1999 verdoppelt. Cornel Bruhin, Lateinamerika-Experte der Fondsgesellschaft MainFirst, erwartet, dass sich Mexiko immer mehr zur „Drehscheibe auf dem amerikanischen Kontinent“ entwickelt. „Denn neben den USA und den südamerikanischen Staaten kommt auch aus den stark wachsenden mittelamerikanischen Ländern verstärkte Güternachfrage.“

Mittelfristig werden die Erwartungen aber von der Aussicht auf eine weitere wirtschaftliche Erholung der USA angefeuert, in die 80 Prozent der mexikanischen Exporte gehen. Das treibt auch den Aktienmarkt des Landes (siehe Investor-Info).

Mexiko profitiert klar von den vielen Handelsabkommen, die die Regierung in den vergangenen zwei Jahrzehnten abgeschlossen hat. Neben der Integration in die nordamerikanische Freihandelszone (Nafta) seit 1994 hat das Land mit 44 anderen Nationen Handelsvereinbarungen getroffen. Damit verfolgt Mexiko eine komplett andere Strategie als der auf Abschottung bedachte lateinamerikanische Rivale Brasilien.

Höheres Wachstum möglich
Der mexikanischen Wirtschaft traut MainFirst-Mann Bruhin ein ­Potenzialwachstum von weit mehr als drei bis vier Prozent zu. Doch dafür müssten die Reformen, die Präsident Peña Nieto angekündigt hat, auch umgesetzt werden. Neben der Bekämpfung der Drogenkartelle, für die der Staatschef eine 40 000 Mann starke nationale Gendarmerie aufbauen will, muss er vor allem verkrustete Strukturen aufbrechen.

Ein gewaltiger Schritt wäre es, wenn Peña Nieto den Ölmarkt des Landes öffnen könnte. Der ist seit 1938 fest in der Hand des Staatsmonopolisten Pemex — des „am unmarktwirtschaftlichsten geführten Ölunternehmens der Welt“, wie Bruhin sagt. Immense Ölreserven können nicht erschlossen werden, weil es dem Konzern an Geld und Know-how fehlt. Zumindest auf dem Fernsehmarkt will der Präsident für mehr Wettbewerb sorgen. In seiner Antrittsrede versprach er, zwei neue Sendelizenzen auszuschreiben. Ob der bisher so kooperative Sender Televisa Peña Nieto dann noch so gut ins Licht rückt, ist ungewiss.

Investor-Info

Börse Mexiko
Bei Anlegern beliebt
Die starke industrielle Entwicklung Mexikos zieht auch Anleger an. Auf Jahressicht ist der Leitindex IPC, der die 35 größten Unternehmen Mexikos enthält, um 15 Prozent gestiegen, seit März 2009 um rund 150 Prozent. Obwohl der Markt nun nicht mehr günstig ist, könnte es weiter aufwärtsgehen — wenn der größte Handelspartner USA im kommenden Jahr seine wirtschaftliche Erholung fortsetzt.

ETF auf MSCI Mexico TRN Index
Anlegen in Schwergewichte
Auf die größten Unternehmen der mexikanischen Börse können Anleger mit einem ETF von db X-trackers setzen. Rund 25 Prozent macht der Telekomriese América Móvil in dem Papier aus, rund 30 Prozent Firmen aus dem Bereich Basiskonsumgüter.
ISIN: LU0476289466

Fremdwährungsanleihe
Wette auf einen starken Peso
Die starke Nachfrage nach erstklassigen Schwellenländeranleihen hat die Renditen sinken lassen. Die zehnjährige Staatsanleihe Mexikos rentiert derzeit gerade mal bei 2,53 Prozent. Eine Alternative ist ein Bond des Landes Nordrhein-Westfalen, der in mexikanischen Pesos notiert (ISIN: XS0302236673). Die Anleihe läuft bis Juni 2027, hat einen Zinskupon von 7,5 Prozent und bringt derzeit eine Rendite von 7,34 Prozent. Mit diesem Papier können Anleger von einer weiteren Aufwertung des Peso profitieren, einer — darauf sei hingewiesen — sehr volatilen Währung.

Fidelity Latin America Fund
Breites Latino-Investment
Wer lieber breit gestreut in Lateinamerika-Aktien investieren möchte, greift zu einem Fonds wie dem ­Fidelity Latin America. Fondsmanager Angel Ortiz investiert zu rund 31 Prozent in mexikanische Firmen — sein zweitgrößter Posten nach Brasilien (50 Prozent). Der Note-2-Fonds hat über die vergangenen zehn Jahre ein Plus von 480 Prozent erzielt.
ISIN: LU0050427557

Bildquellen: iStockphoto
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