04.04.2013 03:00
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Schiefergas-Boom: Neuer Dampf für Old Economy

Energierevolution in den USA
Texas statt China, Louisiana statt Mexiko — weil Energie plötzlich so billig ist, steht Amerika vor einem neuen Industrieboom. Ganze Branchen werden davon profitieren.
€uro am Sonntag

von Oliver Ristau, Euro am Sonntag

Diese Energie ist in jeder Hinsicht unkonventionell. Denn sie hilft einer ganzen Volkswirtschaft wieder auf die Beine. Schiefergas und -öl, die sogenannten unkonventionellen Erdgas- und Ölvorkommen, die durch Aufbrechen (Fracking) von Tiefengestein erschlossen werden, haben die USA nicht nur zu einer neuen Energienation gemacht und ihre Importabhängigkeit sehr reduziert. Die Flut neuer Vorkommen hat vor allem die Energiepreise kräftig ins Rutschen gebracht.

Kostete 2008 Gas in den USA noch fast 14 Dollar je Energieeinheit BTU, fiel der Preis bis Mitte vergangenen Jahres auf unter drei Dollar. Mit aktuell knapp vier Dollar ist Erdgas um 60 Prozent billiger als in Europa und um 80 Prozent als in China.

Die Industrie jubelt: Billige Energie habe das Potenzial, die Wirtschaft weltweit, vor allem aber in den USA, neu unter Dampf zu setzen, sagt Andrew Liveris, Chef des US-Chemiekonzerns Dow Chemical. Überall im Land entstehen neue Fabriken und Fertigungsanlagen. Selbst abgewirtschaftete Industrieregionen wie Detroit könnten dank der Energie, die den Stahl für Automobile billiger macht, mittelfristig in neuem Glanz erstrahlen.

Auftragslage zieht schon an
Dow Chemical, das vier Milliarden Dollar in den Bau neuer US-Fabriken steckt, beziffert die Summe aller durch die neue Energieschwemme ausgelösten Investitionsvorhaben in neue Produktionsstätten auf 90 Milliarden Dollar. Die Auftragslage in der Industrie verbessert sich bereits. Im Februar war der viel beachtete ISM-Index im dritten Monat in Folge überraschend stark gestiegen. „Unkonventionelles Gas ist eine Lokomotive für die US-Wirtschaft“, sagt Sebastian Werner, verantwortlicher Manager des US Growth Fund von DWS. Das werde sich in den kommenden Jahren immer deutlicher zeigen. „Die gewachsene heimische Öl- und Gasproduktion hat bereits Jobs geschaffen und die übergeordneten Wirtschaftsaktivitäten angekurbelt. Wir glauben aber, dass das Gros der positiven Auswirkungen noch vor uns liegt“, sagt auch Goldman Sachs.

Zu den Branchen, die als erste von den billigen Energiepreisen im Land profitieren, zählen jene mit extrem hohen Strom- und Gasrechnungen wie die Papierindustrie. Die sinkenden Energiekosten wirken sich unmittelbar auf die Profitabilität aus. „Die US-Papierhersteller werden ihre Margen verbessern und in neue Kapazitäten investieren.“ Davon ist Commerzbank-Analyst Hans-Peter Muntzke überzeugt.

Stahlbranche profitiert zweifach
In der Stahlbranche bringt billiges Gas noch einen weiteren Vorteil. So kündigte der größte börsennotierte US-Stahlkocher, Nucor, für Mitte des Jahres die Inbetriebnahme eines neuen Hüttenwerks an, das Eisen mit billigem Gas statt wie üblich mit Kokskohle aus Eisenerz herauslösen will. Eine Tonne Eisen würde laut Nucor dann bei einem Gaspreis von vier Dollar 324 Dollar kosten, und damit rund 20 Prozent weniger als beim Einsatz von Kokskohle.

Nucor will das Schiefergas für die neue Fabrik künftig zudem selbst aus der Erde holen und hat ein entsprechendes Gemeinschaftsunternehmen mit dem Energieexperten Encana Oil & Gas gegründet.
Auch der seit Jahren mit Verlusten kämpfende Wettbewerber US Steel setzt auf Low-Cost-Stahl und wechselt von Kohle zu Gas. Manche Beobachter sehen schon die Trendwende für die schwer gebeutelte Branche, die unter globalen Überkapazitäten und an einem massiven Preiskampf leidet.

Für die Chemieindustrie wiederum ist der Preisverfall bei Ethan, einem zentralen Bestandteil von Erdgas, ein Segen. Die Substanz, die inzwischen 70 Prozent weniger kostet als noch vor wenigen Jahren, ist der wichtigste Rohstoff für Polyethylen. Die Herstellung einer Tonne dieses Massenkunststoffs kostet in den USA nur noch 300 Dollar. Damit ist die US-Fertigung deutlich günstiger als in Asien mit über 1.500 Dollar oder in Katar mit 450 Dollar. „Plötzlich wird es billiger, Plastiktüten in den USA herzustellen, als in China“, bringt DWS-Manager Werner die Lage auf den Punkt.

Der Effekt: Neue Fabriken werden in den USA statt in Fernost aufgemacht, die Profitabilität steigt deutlich. Beispiel Lyondell Basell: Der Chemiespezialist stand 2009 kurz vor dem Konkurs. Dank der günstigen Rohstoffe aus den USA geht es seitdem ständig aufwärts. Verkehrte Welt nicht nur in der Chemiebranche: Wegen der billigen Erdgaspreise wird der brasilianische Bekleidungskonzern Santana Textiles seine Jeansfabrik nun in Texas bauen — und nicht wie geplant in Mexiko.

Die neue Wettbewerbsfähigkeit der USA weckt auch Übernahmefantasien. So hat der indische Mischkonzern Birla die Absicht verkündet, in den USA einen Düngemittelhersteller zu erwerben. Hintergrund: Die Produktion von Ammoniak, dem wichtigsten Dünger weltweit, ist in den USA nun deutlich billiger als in Indien. Es profitieren Firmen wie etwa CF Industries.

„Das Besondere an dem Schiefergasboom ist, dass er ökonomisch in der Breite wirkt und viele wachstumsfördernde Effekte hat“, sagt Werner. Er nennt eine Vielzahl weiterer Profiteure wie Maschinenbauer und Zubehörspezialisten, die Explorationsunternehmen beliefern und neue Fabriken ausstatten; Dienstleister, die die Manpower für die neuen Projekte zur Verfügung stellen, oder Infrastrukturunternehmen, die neue Transportwege und Pipelines sowie Prozessanlagen planen und bauen. „Die gestiegene Wettbewerbsfähigkeit in den USA wird durch ein verhältnismäßig moderates Lohnniveau unterstützt. Dagegen steigen die Personalkosten etwa in China an.“ Und je mehr Menschen in Lohn und Brot kommen, desto stärker kann der private Konsum zulegen, einer der wichtigsten Pfeiler der US-Wirtschaft.

Deshalb erwarten Analysten, dass die Billigenergie die ganze US-Wirtschaft stützen und nach oben ziehen wird. DWS-Manager Werner geht davon aus, dass durch den Energieeffekt Amerikas Wirtschaft jährlich um bis zu 0,5 Prozentpunkte stärker wachsen wird. Klingt wenig, ist aber enorm viel. Selbst die dämpfenden Effekte, die durch die Kürzung staatlicher Ausgaben im Zuge des Rekorddefizits entstehen, könnten dadurch kompensiert werden.

Aktien haussieren
Am Aktienmarkt hat der ökologisch umstrittene, weil die Ressourcen sehr schädigende und den Boden belastende Frackingboom bereits seine Spuren hinterlassen. Die Aktien vieler Chemie- und Industriewerte sind in den vergangenen Monaten sehr gut gelaufen. „Deshalb ist es wichtig, Konzerne zu identifizieren, die längerfristig und indirekt profitieren. Dort ist noch Aufwärtspotenzial zu finden“, sagt Werner. Anleger sollten zudem berücksichtigen, dass die derzeitige Euphorie um die Reindustrialisierung der USA auch schnell vorbei sein kann, sollten die Energieunternehmen viel Gas nach Asien und Europa exportieren — woran die Versorger ein großes Interesse haben. Doch das kann erst umgesetzt werden, wenn die Regierung neue Infrastrukturprojekte in den großen Häfen genehmigt, sodass dort Erdgas verflüssigt und per Schiff transportiert werden kann. Dagegen wiederum laufen Teile der Industrie Sturm, allen voran Chemiekonzerne wie Dow Chemical. Sie haben Sorge, durch den Export würden sich die Gaspreise international mehr und mehr angleichen. Und das würde Gas in den Vereinigten Staaten wieder teurer machen — die Wettbewerbsvorteile wären dahin.

Vorerst sieht aber alles danach aus, dass der unerwartete Aufschwung anhält. Die US-Regierung wird jedenfalls alles tun, damit es dabei bleibt.

Investor-Info

General Electric
Der Alleskönner

Der US-Gigant profitiert auf breiter Basis von der Energierevolution. Zum einen wird Gas attraktiv für die US-Stromerzeugung. GE liefert dafür Gasturbinen und Kompressoren für Gaspipelines. Außerdem ist GE in der Exploration des Gases tätig und liefert dafür Infrastruktur. Dazu passt, dass der Konzern sich stärker auf die Bereiche Energie und Industrie konzentrieren will. Das Gewinnwachstum dieses und nächstes Jahr liegt bei gut zehn Prozent.

Ecolab
Der Saubermann

Ohne Wasser läuft bei der Förderung von Schiefergas nichts. Und auch die Reinigung des eingesetzten Wassers zählt zu den notwendigen begleitenden Aktivitäten. Das Unternehmen aus Minnesota ist nicht nur dafür ein Spezialist, es liefert auch entsprechende Chemikalien und Sensoren für verarbeitende Raffinerien. Außerdem könnten auch die Haus- und Reinigungsservices und das Papiergeschäft vom Konjunkturaufschwung profitieren. Klarer Kauf.

United States Steel
Der Turnaround-Kandidat

Nach vier verlustreichen Jahren hofft der traditionsreiche US-Stahlkocher auf Besserung. Niedrige Gaspreise könnten die Wettbewerbsfähigkeit entscheidend verbessern und damit die Grundlage für einen nachhaltigen Turnaround bilden. Die Firma ist insgesamt solide und langfristig finanziert. Für das laufende Jahr wird ein leichter Gewinn von 175 Millionen Dollar bei 9,5 Milliarden Umsatz erwartet — Tendenz steigend. Chancenreich, aber spekulativ!

Quanta Services
Der Infrastrukturprofi

Die Firma mit Sitz in Houston ist spezialisiert auf den Bau, die Instandhaltung und Reparatur von Industrieinfrastruktur. Das betrifft Pipelines und Stromleitungen ebenso wie Fabrikinfrastruktur. Damit profitiert die Firma vom Bau neuer Schiefergasleitungen ebenso wie von der US-Reindustrialisierung. Nach einem Rekordjahr 2012 sieht die Firma 2013 als Jahr der Konsolidierung. Dennoch: aussichtsreich!

Bildquellen: Chepko Danil Vitalevich / Shutterstock.com
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