von Christoph Platt und Andreas Höß
Immerhin – ihren Humor hat Carol Bartz nicht verloren. „Das Jahr ist gut gelaufen – bis mich die Blogger als Opfer entdeckt haben“, witzelte die Chefin der Internetplattform Yahoo kurz vor Weihnachten auf einer Investorenkonferenz in New York. Bekanntlich kursieren seit einiger Zeit Gerüchte, dass die 61-jährige Managerin um ihren Job fürchten muss.
Börsianer ärgert vor allem die schlechte Kursentwicklung der Aktie des Portalbetreibers: Seit anderthalb Jahren verläuft der Kurs seitwärts. Branchenkenner verweisen auf den verschärften Konkurrenzkampf um Werbeerlöse im Internet und mangelnde strategische Visionen des Managements. Auch Yahoos Geschäftszahlen bringen die Chefin in Erklärungsnot: Der Umsatz stagniert, Margen werden fast nur noch über Kostensenkungen verbessert. Im krassen Gegensatz zu Yahoo steht der dynamisch wachsende Rivale Baidu, dessen Aktienkurs sich allein im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt hat. Obwohl die Chinesen 2009 erst 651 Millionen Dollar Umsatz erzielten, billigen die Aktienmärkte dem Unternehmen 33 Milliarden Dollar Börsenwert zu – Yahoo kommt bei einem zehnmal so hohen Umsatz nur auf 21 Milliarden Dollar. Die niedrige Marktkapitalisierung ist nicht nur für Yahoos Vorstandschefin ein Problem. Finanzinvestoren und sogar die viel kleinere Internetfirma AOL werden als potenzielle Aufkäufer von Yahoo gehandelt.
Kaum ein Handelsplatz der Welt ist so extrem wie die Nasdaq: In den 90er-Jahren jagten die Aktien aufstrebender Technologietitel von einem Rekordhoch zum nächsten. Anders als der Neue Markt in Deutschland hat sich die Nasdaq vom Crash der Jahrtausendwende erholt.Denn die Topunternehmen unter Amerikas Techies haben nicht nur Visionen, sondern auch tragfähige Geschäftsmodelle. Urgesteine wie Cisco Systems, Google oder Apple sind so profitabel, dass sie Cashbestände in zweistelliger Milliardenhöhe horten. Zudem rücken immer wieder neue Unternehmen mit kreativen Ideen nach: Der Topwert des vergangenen Jahres ist der Videoverleiher Netflix, der Filme nicht über Filialen, sondern per Post an den Kunden bringt und jetzt auch das Internet als Vertriebsweg erobern will. Der Börsenwert von Netflix hat sich 2010 mehr als verdreifacht.
Die Helden von heute müssen nicht unbedingt die Stars von morgen sein. Das Internetgeschäft ändere sich rasend schnell, sagt Ebay-Chef John Donahoe: „Vor nicht langer Zeit sah es so aus, als ob Google die Welt gehören würde.“ 2010 aber zählte der Gigant – ebenso wie Yahoo – zu den Enttäuschungen. Alle zwei Jahre, so Donahoes Beobachtung, übernehme ein neues Unternehmen die Vorherrschaft im Netz und an der Wall Street. Aktuell gehören die Schlagzeilen Facebook. Das Social-Media-Unternehmen ist nicht börsennotiert, aber dennoch der Star der Wall Street: Goldman Sachs, die am besten funktionierende Gewinnmaschinerie, hat gerade 500 Millionen Dollar in eine Beteiligung investiert. Rechnet man den Wert des Pakets hoch, wäre Facebook insgesamt 50 Milliarden Dollar wert – fast so viel wie BASF, der weltgrößte Chemiekonzern.

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Das Kapital von Facebook sind 550 Millionen registrierte, meist junge Nutzer, die als potenzielles Ziel vor allem für Werbekunden dienen. In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres erwirtschaftete Facebook laut inoffiziellen Zahlen bei 1,2 Milliarden Dollar Umsatz 355 Millionen Dollar Gewinn. Das entspricht einer für junge Unternehmen, die meist hohe Beträge investieren müssen, eindrucksvollen Marge von 30 Prozent. Zudem hat Facebook im vergangenen Jahr Google in den USA als die am meisten besuchte Internetseite abgelöst. Da Facebook-Aktien nur über schwer zugängliche und kaum transparente Sekundärmärkte gehandelt werden, bleibt den meisten Anlegern nur die Zuschauerrolle. Ein Börsengang wird frühestens für das Jahr 2012 erwartet, dann zu vermutlich noch höheren Bewertungen. Anleger suchen deshalb – im Sinn von Donahoes Zweijahrestheorie – schon jetzt nach dem nächsten Facebook. Als einer der heißesten Märkte im Netz gilt die lokale Suche. „In einem Umkreis von fünf Meilen um den eigenen Wohnsitz kaufen die Menschen die meisten Dinge“, erklärt Yahoo-Chefin Bartz die Attraktivität von lokalen Online-Anbietern, die dem örtlichen Gebrauchtwagenhändler, Metzger oder Restaurantbetreiber eine Plattform bieten. Marktforscher trauen dem Segment bis zum Jahr 2012 in den USA ein Wachstum von zwölf Milliarden auf 18 Milliarden Dollar zu. Wie groß die Bedeutung der lokalen Märkte schon jetzt ist, zeigt eine Statistik von Google: 20 Prozent der Suchanfragen dort gelten lokalen Themen.
Die alten Giganten versuchen, den neuen Markt so weit wie möglich mit ihren etablierten Serviceangeboten zu erobern. Neben Google lockt auch Amazon mit maßgeschneiderten Angeboten für regionale Händler und Dienstleister. Oft aber haben Nischenanbieter einen wichtigen Wettbewerbsvorteil erarbeitet – Local.com etwa erreicht nach eigenen Angaben mehr als 20 Millionen Konsumenten. Das macht das Unternehmen zum Übernahmekandidaten. Das nicht an der Börse notierte Unternehmen Groupon, ein zwei Jahre alter Online-Marktplatz für Rabattkarten mit einem Jahresumsatz von geschätzten 500 Millionen Dollar, schlug zuletzt sogar ein Sechs- Milliarden-Dollar-Gebot von Google aus. Die Groupon-Führung sammelte ähnlich wie Facebook Geld bei privaten Investoren ein.
Egal ob Google, Facebook oder Local.com – alle setzen auf die noch immer rasant wachsende Bedeutung des World Wide Web. Sowohl Handelsumsätze als auch Werbeerlöse sind im vergangenen Jahr dort dreimal so stark gewachsen wie in der physischen Welt. Die Citigroup sagt für das Geschäft im Internet für das neue Jahr erneut zweistellige Wachstumsraten voraus. „Es ist genügend Platz für uns alle“, glaubt Yahoo-Chefin Bartz. Andere Trends sind zwar nicht neu, dürften ihr Potenzial aber noch längst nicht ausgereizt haben. Besonders dramatisch ist das steigende Datenvolumen im Internet: Die rasante Verbreitung moderner Multimedia-Handys, der sogenannten Smartphones, und Minicomputern wie dem iPad von Apple werden den Verkehr auf der Datenautobahn weiter erhöhen. Cisco, der weltweit größte Hersteller von Datenweichen für den Verkehr im Web, erwartet, dass sich das Datenvolumen in den nächsten vier Jahren vervierfachen wird.
„Jugendliche Nutzer von Smartphones mit Zugang zu ihren selbst gedrehten Videos auf YouTube oder Facebook werden sehr schnell entdecken, dass es lässiger ist, statt einer Textmitteilung persönliche Videos zu verschicken oder anzuschauen“, sagt CSC-Insights-Marktforscher Ben Wood. Der Analyst ist überzeugt, dass solch neue Trends in den Mobilfunknetzen schnell zu Engpässen führen werden. „Die Anbieter werden über die Preisschraube schnell versuchen, dieses Verhalten zu zügeln“, glaubt Wood.Parallel dazu werden die Betreiber allerdings auch deutlich mehr Geld in den Ausbau ihrer Netze investieren müssen. Netzwerkspezialist F 5 Networks, dessen Technik in den Rechenzentren von Unternehmen und Telekomkonzernen für einen ungestörten Fluss der Daten sorgt, ist längst gut im Geschäft. Die Aktie gehörte im vergangenen Jahr zu den Top-Performern. Genau wie die Papiere von Akamai. Der Dienstleister von Firmenkunden wie Apple garantiert, dass die Käufer im iTunes- Store, unabhängig vom allgemeinen Verkehrsaufkommen auf der Datenautobahn, schnellen Zugriff auf Musik, Videos, Filme oder die populären Miniprogramme (Apps) haben.
Die Datenmenge verursacht ein Problem: Viele Nutzer wollen Musik oder Videos speichern und brauchen entsprechend immer mehr Platz. Hier helfen vor allem sogenannte Flash-Chips, wie man sie als Speicherkarten für Fotoapparate kennt. Sie sind wesentlich leichter und trotzdem robuster als herkömmliche Festplatten. Das Wachstum ist enorm. Ein Grund: 2011 werden massenhaft neue Kleinstcomputer (Tablets) auf den Markt kommen, um dem iPad Marktanteile streitig zu machen. Marktforscher rechnen damit, dass sich das Speichervolumen der Tablets-Flash-Chips dieses Jahr auf 1,7 Milliarden Gigabyte verdreifacht. Bis 2014 soll das jährliche Speichervolumen in Tablets knapp neun Milliarden Gigabyte erreichen. Die starke Nachfrage und höhere Stückzahlen machen die Massenware Flashspeicher kontinuierlich billiger. Experten gehen deshalb davon aus, dass Flash-Chips die klassische Festplatte auch in vielen Laptops verdrängen wird. Sandisk, die Nummer 1 im Flash-Speichermarkt, hält die meisten Patente dieser neuen Technologie. Damit dürfte es den Kaliforniern leichtfallen, die wachsende Konkurrenz auch auf Distanz zu halten.
Auch klassische Medien feiern dank digitaler Innovation ein Comeback. Bereits zwei Jahre in Folge ist die Aktie des britischen Kabelfernsehanbieters Virgin Media im Höhenrausch. Wer Anfang 2009 kaufte, liegt bei dem Nasdaq-Wert über 400 Prozent im Plus. Der Konzern, an dem Englands Unternehmerlegende Richard Branson zu fünf Prozent beteiligt ist, vermarktet Kabelzugänge, Breitbandinternet, Festnetzanschlüsse und Handys.Dabei gelingt es Virgin Media sehr gut, so vielen Abonnenten wie nur möglich ein Bündel an Produkten schmackhaft zu machen – am besten ein vierfaches Abo, bestehend aus TV, Internet, Festnetzanschluss und Handy.
Wer angesichts der schwindelerregenden Kursentwicklung des vergangenen Jahres den Glauben an weitere Zuwächse der Tech-Aktien verloren hat, dem bietet die Nasdaq auch altmodische Geschäftsmodelle. Die Apollo Group, Betreiber der University of Phoenix, hat im vergangenen Jahr fast ein Drittel ihres Börsenwerts verloren, gilt inzwischen aber als Turnaroundkandidat. Auslöser für den Kursverfall war die geplante Reform des Bildungswesens. Da die Uni-Ausbildung für viele Amerikaner finanziell nicht zu bewältigen ist, werden die Studiengebühren über staatlich subventionierte Kredite finanziert. Immer mehr Studenten schaffen es jedoch nicht, die Darlehen später zurückzuzahlen. Entweder finden die Amerikaner mit dem Abschluss nicht den Job, den sie sich erhofft hatten, oder sie brechen das Studium vorzeitig ab. Apollo dürfte aus den Turbulenzen gestärkt hervorgehen: „Wir haben mehr als 35 Jahre Innovationserfahrung. Seit über 20 Jahren sind wir eine Online-Universität. Schon in den 90er-Jahren benutzten wir eBooks. Jetzt sind diese elektronischen Bücher ein Massenphänomen“, begründet Co-Vorstandschef Gregory Cappelli seine Zuversicht.
Die Geschäftsentwicklung ist in der Tat positiv: Seit 2007 kletterte der Umsatz von 2,7 auf fast fünf Milliarden Dollar. Durch Skaleneffekte ist die Marge mit rund 40 Prozent außergewöhnlich hoch. Jeder neue Student, der sich an der Online-Uni einschreibt, verursacht nur geringe Zusatzkosten. Der Vorteil für die Studenten sind die geringeren Ausgaben gegenüber einer normalen Hochschule und die zeitliche Flexibilität. Dass Bildung auch an der Börse ein Megatrend sein kann, hat Apollo bereits bewiesen: Der Aktienkurs war in den Jahren 2000 bis 2004 zwischenzeitlich von 20 auf fast 100 Dollar gestiegen.
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Bildquellen: NASDAQ