16.11.2009 11:50
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Aktienexperte Ajay Kapur: „Die Reichen werden für Wachstum sorgen"

Kopf der Woche: Aktienexperte Ajay Kapur: „Die Reichen werden für Wachstum sorgen" | Nachricht | finanzen.net
Ajay Kapur, Aktienstratege von Mirae Asset Bank
Kopf der Woche
Im März hatte Ajay Kapur, Aktienstratege von Mirae Asset Bank, die Aktienrally pünktlich vorausgesagt. Nun ist er davon überzeugt, dass die Reichen der US-Wirtschaft 2010 deutliches Wachstum bringen werden.
€uro am Sonntag
von Klaus Schachinger, Euro am Sonntag

Ajay Kapurs These provoziert. Kapur, bis März 2007 Chefaktienstratege der US-Bank Citigroup und heute in gleicher Position bei der Mirae Asset Bank: „Vergessen Sie die Arbeitslosenquote. Das Konsum- und das Investitionsverhalten der Reichen werden als Faktoren zur Einschätzung des Wirtschaftswachstums stark unterschätzt.“ Das gilt für Volkswirtschaften mit einer starken Konzentration des Vermögens und stark deregulierten Finanzmärkten.

Kapur nennt sie Plutonomies. Plutos ist das griechische Wort für Reichtum. Sein Team bei der Citigroup prägte den Begriff 2005 als These für das damals starke Wachstum der US-Wirtschaft trotz steigender Leitzinsen, Rohstoffpreise und Staatsschulden. In Amerika verfügen die reichsten 20 Prozent der Haushalte über 60 Prozent, die reichsten zehn über 47 Prozent – das reichste Prozent davon allein über 23 Prozent – des Gesamtvermögens.

„Deshalb glauben wir, dass die Art, wie und wie viel Geld diese Menschen ausgeben und wie sie ihr Vermögen aufbauen, einen starken Einfluss auf die Entwicklung der US-Wirtschaft hat“, sagt Kapur. „Die Reichen werden 2010 deutlich zum Wachstum beitragen.“ Überraschend für die USA ist, dass die­se Gruppe nur einen geringen Anteil ihres Vermögens, ein Siebtel, in Immobilien angelegt hat. Wesentlich höhere Vermögensanteile seien in Aktien, Hedgefonds sowie in Unternehmen und Beteiligungen, die nicht börsennotiert sind, angelegt, so Kapur. Die­se Investoren legen einen größeren Anteil in Anlagen mit höherem Risiko an und sorgen damit für zusätzliches Wirtschaftswachstum.

€uro am Sonntag: Herr Kapur, wie ticken die Superreichen?
Ajay Kapur: Als wir Menschen mit mehr als 50 Millionen Dollar Ver­mögen während des Abschwungs fragten, warum sie ihren Konsum gedrosselt haben, war eine der häufigsten Antworten, weil ihr Vermögen deutlich geschrumpft sei. Obwohl viele dieser Menschen über sechsstellige Jahreseinkommen verfügen, investierten sie spontan weniger. Ihre Entscheidung, Geld auszugeben, leiten viele aus der Wertentwicklung ihres Vermögens ab und nicht wie die meisten anderen Menschen aus der Höhe des regelmäßigen Einkommens.

Und weil die Vermögen vieler Superreicher mit der Erholung der Märkte gestiegen sind, rechnen Sie für 2010 gegen den Trend mit positiven Überraschungen beim Wachstum der US-Wirtschaft?
Ja. Denn die meisten Volkswirte unterschätzen erstens den starken Einfluss der Plutonomists und zweitens die starken Schwankungen im Konsumverhalten dieser gesellschaftlichen Gruppe. US-Bürger mit Durchschnittseinkommen haben als Gruppe im Vergleich zur den Vermögenden nicht genügend Geld, um aus ihrem Konsumverhalten die Trends für das Wachstums einer Plutonomy-Wirtschaft zu bestimmen. Die hohen Boni, die an der Wall Street jetzt bezahlt werden, sind in diesem Zusammenhang wesentlich aussagekräftiger. Die Bedeutung der Arbeitslosenquote und der Konsumentenindizes für die Einschätzung des Wirtschaftswachstums in Amerika wird überschätzt.

Sie sagen auch, die starke Zurückhaltung der Reichen bei Konsum und Investitionen habe den jüngsten wirtschaftlichen Abschwung in Amerika und an den Kapitalmärkten wesentlich geprägt. Warum sollte diese Gruppe mit großem politischem und wirtschaftlichem Einfluss eine stärkere Regulierung der Märkte zulassen?
Weil die Banken bei den Hebeln für höhere Gewinne durch kreditfinanziertes Wachstum überzogen haben. Bei einer kreditfinanzierten Anlage mit einem Gewinnhebel von 30 löst sich das investierte Kapital schon bei drei Prozent Wertverlust in Luft auf. Mit der jüngsten Finanzkrise hat der Einfluss des US-Finanzsektors auf die Wirtschaft seinen Höhepunkt überschritten. Die Wall Street wird nach ihrem Kräftemessen mit der US-Regierung und der Börsenaufsicht Macht abgeben.

Dennoch sollen Konsum und Investitionen der Reichen der US-Wirtschaft 2010 deutliches Wachstum bringen?
Ja. Denn von Regulierung der Märkte wird 2010 noch nichts zu spüren sein. Durch die vielen Garantien des Staats und der Notenbank liegen zudem viele kostenlose Geschenke auf dem Tisch.

Die von den Vermögenden jetzt gern eingesammelt werden, auch weil die Zinsen in den USA auf niedrigem Niveau bleiben?
Davon gehe ich aus. Das Vermögen dieser Gruppe schätzen wir auf fünf Billionen Dollar. Das Gesamtvermögen der durchschnittlichen US-Anleger liegt bei ungefähr zwei Billionen Dollar. Damit haben die Entscheidungen der Superreichen wesentlich mehr Einfluss auf die Märkte. Wenn der durchschnittliche Anleger wegen einer höheren Verschuldung sein Engagement bei Konsum und Aktien zurückfährt, wird das 2010 leicht ausgeglichen.

Also erwarten Sie ein solides Wirtschaftswachstum, obwohl die Effekte der Konjunkturhilfen stark nachlassen werden?
Kapur: Ja. Denn auch die US-Konzerne haben wieder hohe Cashreserven. Das Niveau der frei verfügbaren Mittel ist hoch. Wenn die Unternehmen davon ausgehen, dass das wirtschaftliche Umfeld stabil ist, und die Volkswirtschaften der Schwellenländer Wachstumstreiber bleiben, müssen sie mehr investieren.

Sie gehen davon aus, dass einige Schwellenländer stark ausgeprägte Plutonomy-Volkswirtschaften werden. Warum?
In Ländern wie China befinden sich Banken, Unternehmen und Investoren in Bezug auf Leverage, kreditfinanzierte Investitionen mit einem geringeren Einsatz von Eigenkapital als Hebel für höhere Gewin­ne, erst am Anfang des wirtschaftlichen Zyklus. Die nach der Finanzkrise als „good old days“ verklärte Zeit, in der sich Banken Geld für drei Prozent Zinsen liehen, um es für sechs Prozent weiterzuverleihen, ist allerdings auch dort Geschichte. Mit zunehmendem Reichtum und wachsenden Ansprüchen wächst auch in den Schwellenländern der Bedarf an komplexen Bankprodukten, die mit einem geringeren Kapitaleinsatz höhere Gewinne möglich machen. Das ist eine zwangsläufige Entwicklung, die zusätzliches Potenzial für Wirtschaftswachstum bietet.

In China sind mehr als 32 Prozent der Superreichen Asiens zu Hause. Nur noch in Japan gibt es mit 43 Prozent mehr reiche Asiaten. Hat China bereits eine Plutonomy-Wirtschaft?
Noch lang nicht. Das mag angesichts dieser Zahlen so erscheinen. Aber im Vergleich zu Schwellenländern wie Brasilien oder Indien, bei denen der Konsum der Bevölkerung mehr als 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht und deutlich zum Wirtschaftswachstum beiträgt, sind es in China nur 37 Prozent. Das liegt aber nicht überwiegend an dem lückenhaften sozialen Netz, das auch in Indien und Brasilien nicht viel enger geknüpft ist, sondern auch an den Folgen der Ein-Kind-Politik.

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