07.06.2010 06:00
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Südafrikas Börsenchefin: „Finanzkrise? Für uns eine gute Zeit“

Börsenchefin Nicky Newton-King von der Johannesburg Stock Exchange (JSE)
Kopf der Woche
Mit Goldminen- und Rohstoffaktien ist die südafrikanische Börse zur größten des Kontinents geworden. Heute öffnet sich die JSE Investoren rund um den Globus. Dafür sorgt Börsenchefin Nicky Newton-King.
von Daniela Meyer, Johannesburg

Ende des 19. Jahrhunderts hatte der Goldboom in Südafrika unzählige Minen entstehen lassen. In einem Zelt in Johannesburg begann man 1887, Anteilscheine dieser Minen zu handeln – die Keimzelle der Johannesburg Stock Exchange (JSE). Von 1900 bis heute erreichten die Titel der ältesten und größten Börse Afrikas eine durchschnittliche Jahresrendite von 7,2 Prozent. Inzwischen zählt die JSE nicht nur zu den 20 größten Handelsplätzen der Welt, sondern sieht sich auch als Gewinner der Finanzkrise. €uro am Sonntag sprach mit Börsenchefin Nicky Newton-King über das grassierende WM-Fieber – und darüber, warum die JSE kein reiner Rohstoffspezialist mehr sein will.

€uro am Sonntag: Frau Newton-King, in Kürze beginnt die WM. Haben Sie schon Fußballfieber?
Nicky Newton-King: Klar, diesen Spaß lasse ich mir nicht entgehen. Wir haben Tickets für drei Spiele – mit Deutschland, da mein Mann Deutscher ist. Dann für Brasilien. Und natürlich für die südafrikanische Nationalmannschaft.

Die Vorfreude ist überall spürbar. Aber werden die zahlreichen Baustellen noch fertig?
Die Südafrikaner sind erst seit ein paar Wochen so richtig begeistert. Ich glaube, bei der WM in Deutschland waren die Menschen eher involviert. Aber die Freu­-de ist richtig und gut. Die Frage ist nur, ob man sie in nachhaltiges Wachstum transformieren kann. Es stimmt, einige Straßen und die Zugverbindung Johannesburg-Pretoria sind noch nicht fertig. Aber auch das kann man als Chance begreifen. Viele Leute wurden während der WM-Vorbereitungen ausgebildet. Sie wollen auch nach der WM weiterarbeiten.

Befürchten Sie denn, dass einige Projekte nach der WM nicht weitergeführt werden?
Die WM hat große Investitionen in die Infrastruktur mit entsprechenden Arbeitsplätzen gebracht. Ja, ich mache mir Sorgen. Es muss sichergestellt sein, dass wir das nachhaltig nutzen. Beispielsweise die Stadien – sie sollten nach der WM nicht leer stehen. Und noch wichtiger ist es, die Leute, die ausgebildet wurden, nicht einfach wieder nach Hause zu schicken. Leider bin ich nicht sicher, ob genug daran gedacht und vorausgeplant wird.

Aktuell scheint das Land aber von der WM-Stimmung zu profitieren. In den ersten neun Wochen des Jahres haben ausländische Investoren an der JSE Aktien im Wert von umgerechnet 7,7 Milliarden Euro gekauft.
Natürlich ist Südafrika durch die WM stark in den Fokus der Medien gerückt. Das weckt Interesse im Ausland, und davon werden einige Aktien profitieren. Insgesamt glaube ich aber, dass man die Auswirkungen an der Börse nicht direkt sehen wird. Die Aufmerksamkeit ist vielmehr gut für die nachhaltigere Wirtschaftsentwicklung.

Welche südafrikanischen Aktien kaufen Ausländer denn vorzugsweise?
Die meisten kaufen immer noch unsere 40 Toptitel – und von denen wiederum die 20 größten. Am meisten werden die Aktien der großen Mobilfunk- und Rohstoffkonzerne sowie Brauereien gehandelt, darunter MTN Group, Anglo American oder SAB Miller.


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Die JSE wurde während des Goldbooms gegründet. Steht Gold heute noch im Fokus – immerhin sind über 50 Prozent im Top-40-Index Rohstoffkonzerne?
Wir sind heute viel diversifizierter als früher. Unsere Hauptspieler kommen aus der Industrie, dem Finanz- und Versicherungswesen und natürlich auch der Rohstoffbranche. Aber wir sehen uns nicht mehr als Rohstoffspezialist.

Die Krise hat der JSE nicht so sehr zugesetzt wie manch anderer Börse. Was haben Sie anders gemacht?
Wir waren gut vorbereitet. Wir haben die vergangenen 15 Jahre damit verbracht, unsere DNA aufs Genaueste zu analysieren. Wir haben jeden Routinevorgang unter die Lupe genommen und uns immer gefragt: Ist unser Standard schon Weltklasse? Während der Krise haben wir nie unseren Markt geschlossen, wie etwa Russland. Wir haben Leerverkäufe nie verboten, so wie die Amerikaner und viele europäische Börsen.

War das nicht riskant?
Unsere Philosophie ist, dass Investoren zu jeder Zeit unserer Kompetenz und Technologie vertrauen können. Wenn sie kaufen und verkaufen wollen, dann muss das möglich sein. Wir haben auch nach dem 11. September nicht geschlossen. Wir glauben, der Markt muss aktiv bleiben – egal was passiert.

Also hat Ihnen die Krise sogar geholfen, Ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen?
Wir haben es geschafft, die Krise für uns zu nutzen. Es hat zum Beispiel keiner unserer Investoren durch die Lehman-Pleite Geld verloren. Und das, obwohl Lehman einer unserer größten Kunden war. Aber wir hatten klare Regeln für einen solchen Fall. Als es passierte, haben wir nicht lang diskutiert, sondern gehandelt und es geschafft, alle Positionen innerhalb von zwei Tagen zu schließen. In Europa knabbern einige Börsen immer noch an Lehman herum. Damit haben wir bewiesen, dass wir schnell und kompetent reagieren können.

Bildquellen: Daniela Meyer
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