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30.11.2010 12:00

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RECYCLING

Alles andere als Schrott-Aktien

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Bei Schrott-Handys lassen sich pro Tonne bis zu 350 Gramm Gold recyclen
Ohne Recycling ist der wachsende Metallhunger der Welt nicht zu stillen. Die Politik hat das längst erkannt – und die Firmen verdienen gut daran.

von Oliver Ristau, Euro am Sonntag

Auf den Kais im Hamburger Hafen lagern bunte Ballen. Die Pakete bestehen aus alten Bierdosen – zusammengepresst und verschnürt. Geleert wurden die Dosen in Osteuropa, wie die verkratzten Embleme zeigen. Jetzt warten sie auf den Abtransport in das nächste Aluminiumwerk, wo sie wieder eingeschmolzen werden. „In Deutschland liegt die Recyclingquote von Aluminium bei 90 Prozent“, erklärt Michael Steffen, Sprecher von Norsk Hydro, einem der größten Aluminiumproduzenten der Welt. In Ländern, wie etwa den osteuropäischen, wo die Nachfrage nach Aluprodukten wie Dosen kräftig steigt, werde bei Weitem noch nicht so fleißig gesammelt wie hierzulande. „Deshalb wird gebrauchtes Aluminium aus diesen Ländern auf den globalen Schrottmärkten eine zunehmend wichtige Rolle spielen.“ Und landet so im Hamburger Hafen.

Der weltweite Hunger nach Metallen, die für die Fortsetzung des Wirtschaftsaufschwungs in Schwellen- und Entwicklungsländern sowie für technologische Innovationen wichtig sind, fördert auch den Bedarf nach Schrott und Recycling. „Sekundärrohstoffe werden zur Deckung der internationalen Nachfrage immer wichtiger“, sagt Martin Schmitz von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) aus Hannover. Ausrangierte Produkte müssen deshalb verstärkt wieder­aufbereitet werden, um an ihre wertvollen Inhaltsstoffe zu gelangen.

Aluminiumriese Norsk Hydro wird im laufenden Jahr 280 000 Tonnen extern eingekauften Aluminiumschrott einschmelzen – so viel wie noch nie und 40 Prozent mehr als im Vorjahr. In den nächsten zehn Jahren wollen die Norweger den Schrott­einsatz noch einmal vervierfachen. Für Norsk-Hydro-Chef Svein Richard Brandtzag ist der Aluabfall ein hochwertiger Rohstoff, der geschäftliches Wachstum sichert. Denn mit dem prognostizierten Anstieg der Nachfrage aus den Schwellenländern hält die Produktion von sogenanntem Primäraluminium allein – also aus Erzen erstmals hergestelltes Metall – nicht Schritt.

Das Internationale Aluminium-Institut (IAI) erwartet, dass 2020 rund 80 Prozent mehr Aluschrott zu Aluminium recycelt werden wird als heute. Das Angebot werde von 9,5 auf 17 Millionen Tonnen steigen. Zugleich rechnet die Organisation bei der Erzeugung von Primäralumini­um mit einem Wachstum von „nur“ 70 Prozent auf 68 Millionen Tonnen.


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Langfristig wird der Anteil von Schrott an der Gesamterzeugung noch weiter zunehmen. So dürfte die Erschließung neuer Minen für das Aluminiumerz Bauxit bei anhaltendem Aluboom ab 2020 immer schwieriger werden, warnte Mitte November Klaus Kleinfeld, Chef des US-Aluminiumkonzerns Alcoa. Während Recycling in den traditionellen Metallbranchen wie der Aluminium-, Kupfer- und Stahlindustrie seit Jahren zum Geschäft ­gehört und auch bei Blei, Zink und Zinn an der Tagesordnung ist, wird das Gros der übrigen Metalle, die in einer Vielzahl von Konsumprodukten und Maschinen vorkommen, bisher kaum aufbereitet. Das will die EU ändern.

Anlass sind Sorgen, bei wichtigen Metallen wie Seltenen Erden künftig ins Hintertreffen zu geraten, wenn Förderländer wie China keine Primärmaterialien mehr rausrücken wollen. Eine der zentralen Rohstoffbasen Europas sei das Recycling, heißt es nun aus Brüssel. Bundeswirtschaftsminister Brüderle fordert insbesondere beim Elektroschrott ein Umdenken. Die hochwertigen Abfälle müssten viel stärker als bisher gesammelt und verwertet werden.

Nach einem Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen UNEP wird Elektronikschrott bisher vielfach noch illegal in Länder der Dritten Welt exportiert, wo zum Beispiel ausrangierte Platinen auf wilden Müllkippen verrotten oder unter Einsatz primitivster Feuer aufgeschmolzen werden. So zählen etwa der Senegal und Uganda zu den Ländern mit hohem Elektroschrottaufkommen, obwohl der inländische Bedarf an intakter Elektronikware relativ gering ist.

Nach Berechnungen von UNEP und dem belgischen Chemie- und Metallkonzern Umicore kostet der Bau eines auf Elektroschrott spezialisierten Schmelzofens in Europa mit einer Jahreskapazität von 350 000 Tonnen rund eine Milliarde Euro. Ein reiner Aluminiumschrott-Ofen ist schon für die Hälfte zu haben. Trotz des höheren Investments lohnt sich die Aufbereitung des von Umicore als „urbane Minen“ bezeichneten Elektroschrotts wegen des enorm ­hohen Anteils wertvoller Metalle. Während der Goldgehalt in den Erzen klassischer Minen nur bei rund fünf Gramm je Tonne liegt, beträgt er beim Schrott aus alten Computerplatinen bis zu 250 und bei Mobiltelefonschrott bis zu 350 Gramm pro Tonne, machen die Belgier die Rechnung.

Allein die Menge an Palladium aller 2009 abgesetzten Mobiltelefone, PCs und Laptops machte 13 Prozent der weltweiten Minenförderung des Edelmetalls aus. Bei Gold und Silber lagen die Anteile bei je drei Prozent und bei Kupfer bei einem Prozent. Diese Mengen fallen natürlich irgendwann als Elektroschrott wieder an.

Das Geschäft mit dem Edelschrott läuft gut bei Umicore. So stieg der ­Gewinn vor Steuern im Recyclingbusiness im ersten Halbjahr 2010 ­gegenüber dem Vorjahr um über 50 Prozent auf 83 Millionen Euro an und steuerte gut 45 Prozent zum gesamten Konzerngewinn bei. Im dritten Quartal, für das die Belgier keine ­Finanzzahlen publizierten, hielt der Trend an. Bei den Anlegern kommt die erfolgreiche Ausbeutung der Schrottplätze gut an. Die Aktie hat seit Anfang des Jahres gut 50 Prozent an Wert gewonnen.

Auch bei Europas größtem Kup­fer­erzeuger Aurubis bringt das Recycling die Bilanz zum Leuchten. Mit der Aufbereitung von Kupferschrott machte der Hamburger Konzern eine deutlich bessere Marge als mit der Verarbeitung von Kupfererzen aus Bergwerken. Das Produkt ist am Ende das Gleiche, nur die Einkaufskosten variieren zugunsten des Schrotts. Denn anders als viele Primärrohstoffe haben die Altmetalle den Preiseinbruch der Wirtschaftskrise noch nicht wieder kompensiert. So waren zwar die Preise für Eisenschrott in den USA nach Auskunft des Metallunternehmens Commercial Metals im Sommerquartal im Vergleich zum Vorjahr wieder um 39 Prozent auf 270 Dollar je Tonne gestiegen. Doch 2008 hatte die Tonne Alteisen noch mehr als 450 Dollar ­gekostet.

Entsprechend düster sah die Welt für die Recycler im Jahr 2009 aus. Im Zuge fallender Rohstoffnotierun­gen und Überkapazitäten war gebrauchtes Metall kaum gefragt. Commercial Metals, einer der größten Verarbeiter von Nicht-Eisenschrott in den USA, musste einen Absatzrückgang von 40 Prozent gegenüber 2008 hinnehmen und einen Verlust im Recyclinggeschäft von 90 Millionen US-Dollar verbuchen. Mittlerweile ist der Turnaround geschafft. Im vergangenen Quartal erwirtschaftete das Unternehmen aus Texas wieder einen­ Gewinn von acht Millionen Dollar.

Ein anderes Beispiel für die gute Konjunktur des Metallrecyclings ist das an der Pariser Börse gelistete französische Verwertungsunternehmen Derichebourg. Der Umsatz mit aufbereitetem Metallschrott stieg im Geschäftsjahr 2009/2010 um knapp 50 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro.

„Für Investoren wird die Recyclingbranche wegen ihrer wachsenden Bedeutung im weltweiten Rohstoffmarkt immer interessanter“, sagt Commerzbank-Analyst Eugen Weinberg. Die Branche mache die großen Rohstoffzyklen mit und profitiere deshalb von der weltweiten Rohstoffhausse. „Allerdings sind viele spezialisierte Unternehmen nicht an der Börse notiert.“ Wer als Anleger von der Schrott-Rally profitieren will, muss deshalb Kompromisse machen. Das Recycling ist zumeist nur ein Teil des unternehmerischen Gesamtpakets, selbst bei Nebenwerten wie Commercial Metals und Derichebourg. Die Texaner sind vor allem ein Stahlerzeuger, die Franzosen im Flughafenservice aktiv. Daneben ­stehen Investoren Minengesellschaf­ten wie die Schweizer Xstrata oder große Metallverarbeiter wie Aurubis und Norsk Hydro zur Auswahl, bei denen das Recycling immer wichtiger wird.

Die Bierdosenpakete im Hamburger Hafen zeigen das.

Investor-Info

Zertifikat
SGI Global Waste Management

Ein breites Investment in den Wachstumsmarkt Müll und Recycling bietet das Indexzertifikat SGI Global Waste Management TR (ISIN: DE 000 SG0 2WM 9). Das Papier mit endloser Laufzeit beinhaltet die weltweit größten Unternehmen aus dem Bereich Müllentsorgung und -verarbeitung, -transport sowie Recycling. Mit insgesamt über 31 Prozent sind die beiden US-Konzerne Republic Services Inc. und Waste Management am stärksten gewichtet. In den vergangenen zwölf Monaten legte das Zertifikat um rund 22 Prozent zu. Die Managementgebühr beträgt ein Prozent jährlich.

Umicore
Der Metallspezialist

Unter Europas großen Metallproduzenten ist der belgische Konzern Umicore derjenige mit dem bedeutendsten Recyclinganteil. Mehr als 20 Spezialmetalle bereitet Umicore aus dem Elektroschrott profitabel wieder auf, da­runter Edelmetalle. Die jüngsten Kursziele reichen von 31,80 bis 41 Euro. Aktuell läuft die Aktie sehr gut. Interessanter Wert, aber nur als Beimischung.

Bildquellen: istockphoto

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