02.12.2012 14:00
Bewerten
 (0)

Griechenland: Ein Quantum Wahrheit

Eurokrise
Die Hellenen bekommen eine Art weiche Umschuldung. Auch Deutschland verzichtet auf Milliarden an vereinbarten Zahlungen.
€uro am Sonntag

von Andreas Höß, Euro am Sonntag

Das Geschacher um Griechenland ähnelt oft einem Wirtschaftskrimi: Ständig gibt es Überraschungen, das Geschehen lässt Raum für Verschwörungstheorien. Die Handlung wird bevölkert von reichen Spekulanten und mächtigen Männern in grauen Anzügen. Dauernd wird man von bösen Vorahnungen gequält, es bleibt spannend bis zum Schluss.

Nach dem nervenaufreibenden Höhepunkt im Frühsommer geht der Griechen-Krimi nun in ein weiteres, etwas ruhigeres Kapitel. Der Austritt des Landes aus der ­Euro­zone ist vom Tisch, stattdessen haben seine Gläubiger vergangene Woche die aufgelaufenen 44 Milliarden Euro aus den letzten Kredittranchen freigegeben und neue Hilfen für Athen beschlossen. Dieser Akt offenbart ein Stückchen Wahrheit: Die Hellenen werden die Forderungen ihrer Gläubiger nicht vollständig bedienen. Obwohl auch Deutschland auf Milliarden verzichtet, will man die Maßnahmen in ­Berlin dennoch nicht Umschuldung oder Schuldenschnitt nennen.

Mehr Zeit, bessere Konditionen
Faktisch gleichen die neuen Hilfen aber jenen Maßnahmen, über die noch 2011 unter dem Begriff „weiche Umschuldung“ diskutiert wurde. So senkt die Staatengemeinschaft die Zinsen auf bilaterale Kredite aus den Hilfspaketen um einen Prozentpunkt. Die Zinsen auf die Kredite aus dem Rettungsschirm EFSF (European Financial Stability Facility) werden für die kommenden zehn Jahre komplett gestundet. Gleichzeitig werden die Laufzeiten in beiden Fällen um 15 Jahre verlängert. Die Europäer verzichten also auf Geld.

Um Griechenlands Schulden abzubauen, ist auch ein Schuldenrückkauf geplant. Dafür sollen Anleihen weit unter dem Ausgabewert mit frischen Krediten zurückgekauft werden, die wohl aus dem EFSF stammen werden. „Auch das ist streng genommen ein Schuldenschnitt“, sagt Anleiheexperte Michael Hünseler von Assenagon.

Sollte Griechenland ausstehende Anleihen mit einem Abschlag von ­ 70 Prozent zurückkaufen, reduziere das die griechischen Schulden um 23 Milliarden Euro, hat Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer errechnet. Noch ist aber unklar, wie das Angebot aufgenommen wird.

Um Spekulanten abzuschrecken, werden aber wohl nur die Marktpreise vom Tag der Rückkaufankündigung geboten. Krämer erwartet dennoch eine ausreichende Beteiligung. „Einige Hedgefonds haben im Sommer auf eine solche Situation spekuliert und konservativen Anlegern ihre Anleihen abgekauft“, sagt er. „Daraufhin sind die Kurse griechischer Staatsanleihen gestiegen. Die Hedgefonds dürften jetzt bereit sein, ihre Gewinne realisieren.“

Deutschland verzichtet auf Geld
Zudem wird die Europäische Zent­ralbank (EZB) Geld nach Griechenland weiterleiten. Die EZB besitzt griechische Staatsanleihen, die schätzungsweise 45 Milliarden Euro wert sind, sollten sie vollständig zurückgezahlt werden. Zinszahlungen und künftige Gewinne sollten an jene Regierungen fließen, die Anteile an der EZB haben. Nun werden sie nach Athen überwiesen.

Finanzminister Wolfgang Schäuble räumte deshalb erstmals ein, dass die Hilfen den Bundeshaushalt 2013 mit 730 Millionen Euro belasten werden — es fehlen 600 Millionen an EZB-Umlagen und 130 Millionen an Zinseinnahmen. Bis 2030 könnten sich diese Posten auf fast fünf Milliarden Euro summieren.

Die neuen Hilfen könnten Griechenlands Schuldenstand bis 2020 auf 124 Prozent der Wirtschaftsleistung senken. Dieser Wert gilt als Voraussetzung, dass der Internationale Währungsfonds (IWF) Athen weiter Kredite gewährt. Bis vor wenigen Tagen hatte der IWF noch einen niedrigeren Schuldenstand gefordert.

Experten bezweifeln dennoch, dass die Probleme damit gelöst sind. „Griechenlands Schulden sind vermutlich nur auf dem Papier tragfähig geworden“, befürchtet Jörg Krämer von der Commerzbank. „Die Annahmen über das griechische Wirtschaftswachstum sind zu optimistisch. Außerdem wurden Reformen wie die Privati­sierung zwar versprochen, aber nie umgesetzt. Einen weiteren Schuldenschnitt kann man nicht ausschließen.“

Der Griechen-Krimi wird also weiter für Spannung sorgen. Anders als im Kino sollte man aber darauf hoffen, dass es in Griechenland kein explosives Finale gibt.

Bildquellen: iStock

Heute im Fokus

DAX schließt im Plus -- US-Börsen markant höher -- S&P stuft Kreditwürdigkeit der EU herab -- Monsanto verlangt wohl deutlich mehr von Bayer -- LEONI, Deutsche Bank im Fokus

Osram-Finanzvorstand macht Rückzug wahr. Telekom baut Vorstand um. Mondelez interessiert sich für Hershey. Störungen im Vodafone-Kabelnetz. Britischer Notenbankchef signalisiert geldpolitische Lockerung. Auch in Spanien Razzia bei Google. Der Brexit wird die Briten wohl Milliarden kosten. JPMorgan: Schottland ist bis 2019 unabhängig und hat eine eigene Währung.
Anzeige
Börse Stuttgart Anlegerclub
Bayer: Monsanto-Deal würde ein neues Burg­graben-Unter­nehmen ergeben!
Mit der Übernahme des US-Saatgutspezialisten Monsanto will Bayer im Agrarchemie-Geschäft den großen Wurf landen und zur weltweiten Nummer Eins aufsteigen. Der strategisch sinnvolle Megadeal ist allerdings mit großen Unsicherheiten behaftet. Lesen Sie in der neuen Ausgabe des Anleger­magazins, warum der Life-Science-Konzern dennoch einen näheren Blick wert ist.
Welcher Spieler ist am meisten wert?
Diese Aktien stehen auf den Kauflisten der Experten
So hoch sind die Bundesländer verschuldet

Umfrage

Nach dem Brexit-Votum der Briten werden in Europa Stimmen laut, die auch in anderen EU-Ländern Referenden über die Zugehörigkeit zur EU fordern. Sehen Sie unsere Zukunft in der EU?