18.09.2012 18:21
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Auf dem Weg in die kollektive Korruption

Eine der klügsten Analysen zu unserer Finanzmalaise, die ich in den vergangenen Monaten gelesen habe, stammt...
... von Thorsten Polleit, dem Chefvolkswirt von Degussa Goldhandel. Er erklärt anschaulich, warum wir trotz offensichtlicher Fehlkonstruktionen immer weiter an unserem Fiat-Geldsystem festhalten und die Mängel und Ungleichgewichte sogar noch verstärken. Polleit prägt dabei den Begriff der „kollektiven Korruption“. Damit ist gemeint, dass immer größere Teile der Bevölkerung von der unbegrenzten Vervielfältigung von Geld profitieren.

Vor einiger Zeit durfte ich eine Diskussionsrunde mit drei hochkarätigen Bankern leiten. Es ging um die Finanzkrise, es ging um den Euro und immer wieder versuchte ich zu hinterfragen, ob nicht eine Auflösung der Währungsgemeinschaft oder eine Reform des Geldsystems der bessere – wenn auch zunächst schmerzhaftere – Weg sei. Dabei lief ich allerdings gegen eine Wand, denn alle Teilnehmer lehnten diese Überlegungen strikt ab, zeigten sich als gute Europäer, die ihre Währung gerne erhalten wollen und traten vehement für weitere Hilfen der Politik und Notenbanken ein. Zumindest einem Teilnehmer – dem Chef einer kleinen Privatbank - unterstelle ich, dass er bewusst wider besseres Wissen argumentiert hat – aus Sorge um seine Bank und vermutlich auch aus Sorge um seinen persönlichen Posten.

Das ist nur ein Beispiel für „kollektive Korruption“. Dieses Phänomen wird sich in den kommenden Monaten und Jahren vermutlich massiv ausweiten, schreibt Polleit völlig zu recht. Es wird Bevölkerungsschichten erreichen, die sich davon eine Sicherung ihres Arbeitsplatzes versprechen, weil ihre Unternehmen nur in einem System ständiger Stimulierungen und künstlicher Aufschwünge bestehen kann. Es wird Staatsbedienstete und Beamte erreichen, die davon profitieren, dass die Rolle des Staates immer stärker und mächtiger wird. Und natürlich wird es jene treffen, die mittelbar oder unmittelbar von staatlichen Leistungen abhängig sind, sei es als Rentner, Pensionär oder als Sozialhilfeempfänger.

Auch ich habe mich am vergangenen Mittwoch dabei ertappt, wie ich mich über die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts gefreut habe, weil dadurch die Kurse meiner Aktien gestiegen sind. Natürlich bin ich mir bewusst, dass dieses Urteil, genauso wie das Anleihekaufprogramm der EZB, Schritte in die falsche Richtung sind. Beide Maßnahmen zementieren Vertragsbrüche, beide sind nur in einer Welt des grenzenlosen Fiat Money möglich. Aber indem wir in der eigenen Brieftasche von diesen „Rettungsmechanismen“ profitieren, wird auch jeder einzelne von uns korrumpiert. Dies ist der Grund dafür, dass die Rettungsmaßnahmen, die wir seit Jahren sehen, noch viel länger dauern und viel weiter gehen werden, als wir uns das heute vorstellen können. Denn sie werden von einer steigenden Zahl von Begünstigten begleitet.

Im Grunde haben wir dabei nur zwei Möglichkeiten: Wir können erstens versuchen, das System zu verlassen. Das bedeutet konsequenterweise Auswanderung. Ernstzunehmende Alternativen zu Fiat-Geldsystemen gibt es zwar weltweit nicht. Aber es gibt eine Reihe von Ländern, in denen dieses System aufgrund von demografisch bedingtem Wirtschaftswachstum auf absehbare Zeit noch funktionieren wird. Und es gibt Länder, in denen die Politik mit soviel Augenmass agiert, dass sie lokale Vorteile (beispielsweise Rohstoffvorkommen) nutzt, um das System stabil zu halten. Eine Reihe dieser Länder habe ich in meinem Buch „Wirtschaftliche Selbstverteidigung“ vorgestellt.

Wir können zweitens versuchen, von den absehbaren Entwicklungen zu profitieren. Das bedeutet, das Spiel mitzuspielen. Aktien kaufen, Gold kaufen, Immobilien und Ackerland kaufen, möglichst auf Kredit, um die nach unten manipulierten Zinsen zu nutzen. Das mag eine Weile gut gehen, dürfte dann aber immer schwieriger werden, weil die Politik im Zuge der Umverteilung den vermeintlichen Profiteuren (die im Grund nur Selbstverteidigung betreiben) ans Leder gehen wird. Und es gibt eine weitere Gefahr bei diesem zweiten Weg: Dass wir irgendwann nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden können, weil wir selbst zu Opfern der kollektiven Korruption geworden sind.

Roland Klaus arbeitet als freier Autor in Frankfurt/Main und ist aktiver Investor. Für den amerikanischen Finanzsender CNBC und den deutschen Nachrichtenkanal N24 berichtete er von 2004 bis 2009 von der Frankfurter Börse. Bekannt wurde er durch seine fast zehnjährige Tätigkeit als Moderator und Börsenreporter für die Telebörse auf n-tv. In seinem Buch „Wirtschaftliche Selbstverteidigung“ entwirft er eine Analyse der Schuldenkrise und liefert Ratschläge, wie man sich auf die entstehenden Risiken einstellen kann. Sie erreichen Ihn unter www.wirtschaftliche-selbstverteidigung.de

Der obige Text spiegelt die Meinung des jeweiligen Kolumnisten wider. Die finanzen.net GmbH übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche Regressansprüche aus.

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