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27.10.2011 08:54

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Alles klar zur Energiewende 2.0!


Erneuerbaren Energien gehört die Zukunft. Mit 20 Prozent Anteil erneuerbarer Energien am Strombedarf ...

... im ersten Halbjahr 2011 steht Deutschland bereits gut da. Bis der Umstieg komplett gelingt, sind noch einige Investitionen nötig. Welche Unternehmen profitieren.

Eine ordentliche Wende will gut vorbereitet sein. Nach dem Segel-Lehrbuch läuft das so ab: Der Steuermann kündigt die Wende an und die Crew trifft daraufhin alle nötigen Vorbereitungen. Was beim Segeln zu den Grundlagen gehört, ist auch in anderen Lebenslagen bedeutsam. Zum Beispiel bei gesellschaftlich relevanten Themen wie Nachhaltigkeit. „Klar zur Energiewende?“, fragt die Politik – und Gesellschaft und Wirtschaft antworten idealerweise: „Ist klar!“ So viel zur Theorie.

Quelle: onemarkets Magazin HypoVereinsbank, Oktober 2011

Doch wie sieht es tatsächlich aus in Deutschland, das alle Atommeiler bis zum Jahr 2022 abgeschaltet haben will? In der Gesellschaft ist das Thema Energiewende längst angekommen, belegen Umfragen. Nicht zuletzt die Atomkatastrophe im japanischen Fukushima nach einem Erdbeben hat die Öffentlichkeit aufgerüttelt. TNS Infratest erfragte jüngst im Auftrag der Agentur für Erneuerbare Energien die Einstellung der Bundesbürger zu Ökostrom. Das Ergebnis: 94 Prozent halten den Ausbau der erneuerbaren Energien für wichtig oder sehr wichtig. Auch die Bereitschaft, etwas zur Energiewendebeizutragen, scheint vorhanden zu sein: 79 Prozent der Befragten halten den Zuschlag für Ökostrom von 3,5 Cent je Kilowattstunde für angemessen oder sogar für zu niedrig. Zudem sind zwei Drittel der Deutschen laut der Umfrage bereit, Ökostrom-Anlagen in ihrer nahen Umgebung zu akzeptieren.

Umweltfreundliches Musterland

Die Ziele, die mit der Energiewende verfolgt werden, sind mannigfaltig: Die Abkehr von der Atomkraft soll ein höheres Maß an Sicherheit und weniger Endlagerprobleme bringen. Zudem soll der Einsatz regenerativer Energien die Umwelt schonen. Spätestens wenn auch Kohlekraftwerke ersetzt werden können – welche kurzfristig fehlende Kapazitäten durch wegfallende Atomkraftwerke auffangen sollen –, verbessert sich die CO2-Bilanz. Auch Kosten zu sparen ist langfristig ein Ziel, denn Sonne, Wind und weitere Naturgewalten sind kostenlose Produktionsfaktoren bei der Energieerzeugung.

Grundsätzlich ist Deutschland bereits auf einem guten Weg zum Öko-Musterland: Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) veröffentlichte jüngst neue Schätzungen, nach denen grüner Strom im ersten Halbjahr 2011 20,8 Prozent des deutschen Strombedarfs deckte – so viel wie noch nie. In Summe kamen 57,3 Milliarden Kilowattstunden aus Quellen wie Windkraft, Solarenergie, Wasserkraft und Biomasse. Im ersten Halbjahr 2010 waren es noch 18,3 Prozent des Strombedarfs. Damit scheint das im Zuge des vor wenigen Monaten novellierten Erneuerbare-Energien-Gesetzes von der Bundesregierung erklärte Ziel von 35 Prozent Ökostromanteil bis zum Jahr 2020 erreichbar.

Quelle: onemarkets Magazin HypoVereinsbank, Oktober 2011

Ganz ohne Brückentechnologien ist die Energiewende allerdings nicht zu schaffen: Die fossilen Energieträger Gas und Kohle erleben ein vorübergehendes Revival. Bis zum Jahr 2022 soll ein deutsches Atomkraftwerk nach dem anderen heruntergefahren werden. Wind-, Sonnen-, Wasserkraft sowie weitere regenerative Energieformen tragen zwar bis dahin laut den Zielen der Bundesregierung bereits deutlich mehr als ein Drittel zur Stromversorgung bei. Bis sie die Kernkraft komplett ersetzen können, dürften aber noch einige Jahre ins Land gehen und Investitionen nötig sein. Solange setzen die Stromversorger wieder verstärkt auf fossile Brennstoffe.

Experten sehen insbesondere neue Gaskraftwerke als geeignete Übergangslösung. Denn diese sind effizienter als andere fossile Kraftwerke. Der Brennstoffnutzungsgrad, der angibt, in welchem Verhältnis der Brennstoffeinsatz und der daraus erzeugte Strom stehen, liegt bei modernen Gaskraftwerken nach Berechnungen des Umweltbundesamts bei 51,1 Prozent. So viel Strom lässt sich mit keinem anderen fossilen Stoff mit der gleichen eingesetzten Menge an Primärenergie erzeugen: Bei Steinkohlekraftwerken liegt der Brutto-Brennstoffnutzungsgrad bei rund 42 Prozent, bei Braunkohleanlagen sogar nur bei 38,3 Prozent.

Umstellung schafft Arbeitsplätze

Eine Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) belegt, dass bis 2020 in Europa mit rund 2,8 Millionen Beschäftigten im Sektor erneuerbare Energien zu rechnen ist. Grund seien die ambitionierten Ziele zur Stärkung der regenerativen Energien der Mitgliedsländer der Europäischen Union (EU). Nach Herausrechnen aller negativen Effekte wie etwa Stellen, die im Zuge der Umstellung wegfallen, prognostizieren die ISI-Forscher rund 400.000 neue Arbeitsplätze und einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um etwa 35 Milliarden Euro innerhalb der EU. Für Deutschland sind die Auswirkungen ebenfalls positiv, ergab eine weitere Studie des ISI und des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Der Saldo kurz-und langfristiger Effekte auf dem deutschen Arbeitsmarkt liegt demnach bei mehr als 200.000 zusätzlichen Beschäftigten.

Der Ausbau der erneuerbaren Energien verursacht zwar zunächst Mehrkosten. Die Fraunhofer-Experten rechnen damit, dass die Investitionen im Jahr 2015 ihren Höhepunkt erreichen. Danach würden die Kosten aber voraussichtlich wieder sinken. Langfristig seien nicht nur die Effekte bei Sicherheit und Umwelt, sondern auch bei den Finanzen positiv. Von 2010 bis 2050 könnten in den Sektoren Strom und Wärme Kosten von insgesamt 730 Milliarden Euro eingespart werden, so Schätzungen der Fraunhofer-Forscher.

Bei den Photovoltaik-Modulen hat der Trend sinkender Kosten bereits eingesetzt. Die Solarenergie war maßgeblich am Beginn des Umschwungs hin zu erneuerbaren Energien beteiligt. Heute spürt die Branche weltweit steigenden Wettbewerbsdruck. Einige deutsche Hersteller hatten allzu sehr auf Subventionen vom Staat gebaut und leiden nun unter den sinkenden Preisen. Doch gleichzeitig eröffnen die niedrigeren Preise Zugang zu breiteren Nachfrageschichten. Nach Meinung der Fraunhofer-Experten könnten die Preise noch weiter fallen, von derzeit zwischen 1,50 Euro und 2 Euro je Watt peak (Wp) netto bis unter 1 Euro je Wp im Jahr 2016. Das würde die Stromerzeugung deutlich vergünstigen, nämlich auf rund 11 bis 14 Cent je Kilowattstunde. Voraussetzungen hierfür sind der weitere Ausbau der Fertigung, die Auslastung der Produktionskapazitäten sowie Produktionsinnovationen und eine Senkung der Herstellungskosten. Die Vorteile der Sonnenenergie: Sie ist emissionsfrei und geräuschlos und ermöglicht eine dezentrale Stromerzeugung.

Die Kraft der Natur ist unverzichtbar

Auch die Windkraft hat bereits einen festen Platz in der Riege der erneuerbaren Energien eingenommen. Sie ist heute schon relativ günstig, Experten beziffern die Erzeugungskosten auf rund 3 bis 6 Cent je Kilowattstunde. Eine Studie des Bundesverbands WindEnergie weist rund 8 Prozent der deutschen Landfläche außerhalb von Wäldern und Schutzgebieten als nutzbar für diese Art der Energieerzeugung aus. Würden 2 Prozent dieser Fläche in jedem Bundesland mit Windrädern bewirtschaftet, ergäbe sich ein möglicher Beitrag von rund 390 Terrawattstunden zum deutschen Jahresstromverbrauch von insgesamt etwa 600 Terrawattstunden. Derzeit sind rund 28 Gigawatt Windenergieleistung installiert. Zusätzlich gibt es riesiges Potenzial durch Windparks im Meer, die nach Plänen des Bundesumweltministeriums bis zum Jahr 2030 bis zu 25 Gigawatt und damit 15 Prozent des deutschen Strombedarfs decken sollen. Bei solchen Offshore-Anlagen besteht zudem ein besonderer Innovationsdruck: Die Anlagen müssen so geplant und gebaut werden, dass sie über eine Laufzeit von rund 20 Jahren Wind, Salzwasser, UV-Strahlung und Wellenkraft überstehen, so die Fraunhofer-Forscher.

Stromnetze von morgen sind intelligent

Ebenfalls investitionsträchtig ist der Ausbau der Netzstruktur in ganz Europa. Denn erneuerbare Energien, deren Anlagen über weite Gebiete verteilt sind, stellen andere Anforderungen ans Stromnetz als wenige Großkraftwerke, die den Strom zentral einspeisen. Die Solar-, Wind- und Biokraftwerke müssen sinnvoll aufeinander abgestimmt werden. Denn sie liefern nicht konstant Strom, sondern haben Ertragsspitzen und Versorgungslücken. Diese Unregelmäßigkeiten müssen Zwischenspeicher und Regelsysteme ausgleichen – das Stichwort ist Smart Grid, ein intelligentes Stromnetz. Die Abstimmung von Stromerzeugung aus verschiedenen Quellen einerseits und der Stromnachfrage andererseits stellt Forschung und Unternehmen vor Herausforderungen. ENTSO-E, der Zusammenschluss von 42 europäischen Übertragungsnetzbetreibern, erwartet bis 2020 einen Bedarf von 35.300 Kilometern neuer Überlandleitungen und 6.900 Kilometern Netzerneuerung. Allein in den ersten fünf Jahren beziffert ENTSO-E die Kosten für diesen Ausbau auf 23 bis 28 Milliarden Euro.

Flankiert werden die Entwicklungen hinsichtlich einer nachhaltigen Energieproduktion durch Bestrebungen hin zu einer effizienteren Energienutzung. Dafür entwickeln Unternehmen stromsparendere Technologien und Geräte. Zudem befinden sich noch viele Wohnungen auf einem alten Energiestandard. Somit stehen in den kommenden Jahren zahlreiche Sanierungen an. Dämmstoffe, Solarmodule und Kraftwärmekopplung bilden damit einen weiteren Wachstumsmarkt. Auf all diesen Gebieten bieten sich Forschungs-, Investitions- und letztlich Gewinnmöglichkeiten für Unternehmen.

Innovateure sind gefragt

Dabei sind die Hauptprofiteure der Energiewende oftmals weniger unter den Energieproduzenten direkt als vielmehr in der zweiten Reihe zu suchen: Gute Aussichten haben etwa Unternehmen, die die nötigen neuen Technologien entwickeln, um Energie effizienter zu nutzen. Oder Zulieferer von Materialien und Vorprodukten, zum Beispiel der neuesten Klasse von Rotorblättern für Windräder oder spezieller Batterien für Elektromotoren, welche unter anderem im Bereich der Mobilität zu einer ökologischeren Energieverwendung beitragen.

In solche Unternehmen, die die nötigen Basistechnologien, Produktionsverfahren und -materialien entwickeln und produzieren, investiert ein neuer Index: der HVB Energie 2.0 Index. Dabei wählen die Research-Experten der UniCredit gezielt Aktien von europäischen Konzernen aus, die bereits in der Wirtschaft und an der Börse etabliert sind und eine hohe Marktkapitalisierung aufweisen. Die Unsicherheiten, die junge Unternehmen oftmals haben – etwa Finanzierungsprobleme oder Verdrängungswettbewerb – werden so umgangen.

Quelle: onemarkets Magazin HypoVereinsbank, Oktober 2011

Die im Index gelisteten Werte lassen sich in vier Untersektoren gliedern. Sie kommen aus den Bereichen Produktionsgüter, Chemie, erneuerbare Energien sowie Öl und Gas. „Bei der Zusammenstellung des Baskets werden in erster Linie Werte ausgewählt, die ein überschaubares Risiko darstellen. Das bedeutet: Uns sind ein etabliertes Geschäftsmodell sowie nachhaltig hohe Umsätze und Erträge wichtig“, erklärt Anlagestratege Stocker. Auf kleinere Spezialisten wird daher verzichtet.

Im Bereich Produktionsgüter ist beispielsweise Siemens global als Hersteller von Gas- und Windturbinen und Ausrüster für T&D (Transmission & Distribution, also Durchleitung und Verteilung von Elektrizität) gut aufgestellt. „Die starke Stellung in Technologien zur Steigerung der Energieeffizienz in Gebäuden, Industrie und Infrastruktur sowie die Fähigkeit, Komplettlösungen anzubieten, sind weitere Vorzüge von Siemens“, erläutert Stocker. Entsprechend ist Siemens aktuell mit 15 Prozent der größte Einzelwert im HVB Energie 2.0 Index. Profiteur von Investitionen im deutschen und europäischen Stromnetz, um die zahlreichen neuen Offshore-Windfarmen anzuschließen, dürfte nach Meinung der UniCredit-Experten ABB sein.

Im Untersektor Chemie setzt der HVB Energie 2.0 Index unter anderem auf Clariant, deren Tochter Süd-Chemie führender Hersteller von Prozess- und Raffinerie-Katalysatoren ist, welche für Verfahren zu CO2-Reduktion und die Erzeugung sauberer Kraftstoffe wichtig sind. Zudem produziert das Unternehmen Materialien für Lithium-Kathoden, die in neuen leistungsfähigen Batterien zum Einsatz kommen. Weitere Chemieunternehmen im Index sind BASF und Wacker Chemie. „Sie sind wichtige Hersteller für Dämm- und Isoliermaterialien zur Energieeinsparung“, erklärt Stocker.

Im Bereich der regenerativen Energien ist unter anderem die österreichische Verbund AG im HVB Energie 2.0 Index vertreten. Der Versorger erzeugt 90 Prozent des Stroms über Wasserkraft. Ebenfalls gut aufgestellt ist die Red Eléctrica Corporación, die das spanische Hochspannungsnetz besitzt und betreibt. „Das Unternehmen dürfte in den kommenden Jahren durch den Anschluss weiterer Windfarmen profitieren“, ist sich Stocker von der UniCredit sicher. Im Indexbereich Öl und Gas weitet das global operierende Unternehmen Total seine Präsenz weiter aus. Unter anderem setzt der Konzern auf die Forschung und Entwicklung bei Solartechnologien.

Die ersten Regattaboote segeln bereits erfolgreich auf Ökokurs. Um den Kompass des Großtankers Deutschland und des Megatankers Europa aber endgültig in Richtung Nachhaltigkeit auszurichten, bedarf es noch einiger Investitionen und Innovationen. Das eröffnet Potenzial für Unternehmen, die sich im weiten Ozean der Energiewende tummeln – und damit auch Investmentchancen für zukunftsorientierte Anleger.

Weitere Infos: www.onemarkets.de

Dominik Auricht befasst sich im Bereich Corporate & Investment Banking der UniCredit mit der strategischen Entwicklung von strukturierten Anlageprodukten unter der Marke HypoVereinsbank onemarkets: Zertifikate, Anleihen und Fonds. www.onemarkets.de
Der obige Text spiegelt die Meinung des jeweiligen Kolumnisten wider. Die finanzen.net GmbH i.G. übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche Regressansprüche aus.

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