06.02.2013 16:00
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Schwarmfinanzierung boomt: Die Chancen und Risiken

Crowdinvesting 
Immer mehr Start-ups sammeln per Internet Geld von der Masse ein. Die Anleger sind damit an möglichen Gewinnen, aber auch Verlusten beteiligt.
€uro am Sonntag

von Astrid Zehbe, Euro am Sonntag

Blumen waren schon immer die große Leidenschaft von Franziska von Hardenberg. Nicht nur in ihrer Wohnung arrangierte die 28-Jährige farbenfrohe Sträuße, auch die Büros der Unternehmen, für die sie arbeitete, dekorierte sie auf eigene Kosten. Mittlerweile hat sich ihr Arbeitsplatz zu einem wahren Blumenmeer gewandelt. Die junge Frau hat ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht und im Frühjahr 2012 das Start-up Bloomy Days gegründet, den ersten bundesweiten Aboservice für Schnittblumen. Das nötige Start­kapital sammelte sie im Internet zusammen — mittels Crowdinvesting.

Das kollektive Geldeinsammeln via Internet wird immer beliebter. In den vergangenen zwei Jahren sind zahlreiche Onlineplattformen entstanden, auf denen angehende Unternehmer für ihre Geschäftsideen Investoren suchen können.

Für beide Seiten kann das ein lu­kratives Geschäft sein: Anlegern bietet sich die Chance, auch mit kleinen Beträgen in vielversprechende Firmen zu investieren. Gründer wiederum können ihre Geschäftsideen verwirklichen, auch wenn keine Bank bereit ist, ihnen Kredite zu gewähren.

Franziska von Hardenberg kann ein Lied davon singen. „Das Thema war den Beratern der Bank damals fremd“, sagt die Unternehmerin. Weil sie das Startkapital von mindestens 50.000 Euro nicht selbst aufbringen konnte, wagte sie schließlich den Schritt ins Internet. Auf der Crowdinvesting-Plattform Seedmatch, einem der größten deutschen Anbieter, stellte sie im Juni ihren Businessplan online, bezifferte den Kapitalbedarf und konnte die Internetgemeinde überzeugen: In 19 Minuten hatte sie das Geld zusammen, nicht mal zwei Stunden später waren es gar 100.000 Euro. Insgesamt 167 Anleger investierten im Schnitt rund 600 Euro in Bloomy Days. Sie alle sind stille Teilhaber an dem Berliner Start-up. Das heißt, sie werden am Erfolg beteiligt, sind jedoch keine Anteilseigner. Ein Mitsprache- oder Kontrollrecht entfällt.

Dennoch ist der Austausch zwischen Gründern und Teilhabern oft sehr rege. „Unsere Investoren geben uns Ratschläge, vermitteln Kontakte und potenzielle Kunden oder haben Ideen für neue Produkte“, sagt Franziska von Hardenberg.

Von der Hilfe profitiert nicht nur sie, sondern auch der Anleger selbst. Denn wenn das Start-up wächst und Gewinn abwirft, zahlt sich das Investment am Ende auch aus. Die Rückzahlung ist meist nach einem festgelegten Zeitraum, in der Regel vier bis sieben Jahre, fällig. Die Investoren werden im besten Fall zweifach honoriert — einerseits über zuvor ausgeschüttete Gewinne, andererseits über die vom Unternehmenswert abhängige Rückzahlung des eingesetzten Kapitals. Dieser wird üblicherweise nach vorher vertraglich festgelegten Kennzahlen wie dem Gewinn berechnet.

Hohes Ausfallrisiko bei Start-ups
Von diesen traumhaften Aussichten sollten sich Anleger jedoch nicht blenden lassen. Oft sind die Investments mit hohen Ausfallrisiken verbunden. Firmenpleiten haben zwar abgenommen, die Insolvenzen von Neugründungen sind hingegen gestiegen: Ein Jahr nach Gründung sind im Schnitt noch 86 Prozent aller Start-ups am Markt, nach drei Jahren sind es nur noch zwei Drittel. Im Pleitefall ist das Geld weg.

Aus diesem Grund sollten sich Crowdinvestoren mit dem Projekt, in das sie investieren wollen, genau auseinandersetzen, also den Business- und Finanzplan verstehen und sich mit der jeweiligen Branche vertraut machen. Außerdem raten Experten, in mehrere Start-ups zu investieren, um das Risiko zu streuen. Denn nicht nur der Pleitefall, sondern auch fehlende Gewinne stellen ein Risiko für Investoren dar.

An­leger erhalten dann zwar das investierte Geld zurück, allerdings unverzinst. Denn Renditeversprechen geben die Gründer keine ab. Dass Banken sich angesichts dieser Risiken mit der Geldvergabe zurückhalten, ist nicht überraschend. Dabei ist ihr oft restriktives Verhalten ein Hauptgrund für das Scheitern von Jung­unternehmern. Denn selbst wenn ein Start-up vielversprechend läuft, kann eine fehlende Anschlussfinanzierung das Projekt in Schwierigkeiten bringen.

Boom der Schwarmfinanzierung
So wundert es kaum, dass Crowd­investing-Plattformen hierzulande wie Pilze aus dem Boden schießen. Gab es Anfang 2012 lediglich zwei Anbieter, sind mittlerweile mehr als ein Dutzend am Markt. Fünf weitere Portale befinden sich in der Umsetzungsphase. Marktführer ist das Dresdner Unternehmen Seedmatch. Die 2011 gegründete Plattform hat im vergangenen Jahr fast zwei Drittel des vermittelten Kapitals auf sich vereinigt — mehr als 2,6 Millionen Euro. Insgesamt sammelten 43 Start-ups 4,3 Millionen Euro mittels Crowd­investing ein. Im Vorjahr waren es gerade mal 450.000 Euro.

Die Idee der Schwarmfinanzierung kommt aus den USA. Unter dem Begriff Crowdfunding wurden dort zuerst soziale, kulturelle oder gemeinnützige Projekte von der Gemeinschaft gefördert. Statt einer Verzinsung erhielten die Geldgeber Sachwerte. Allein dieser Markt hat ein Volumen von mehreren Hundert Millionen Dollar. Reines Crowdinves­ting, also Unternehmensbeteiligungen mit Verzinsung, soll in den USA erst dieses Jahr möglich werden.

In Deutschland unterliegt das öffentliche Einsammeln von Geld der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin). Die Crowd­investing-Plattformen machen sich eine Ausnahme im Vermögensanlagegesetz zunutze: Danach ist erst ab einer Summe von über 100.000 Euro ein Wertpapierprospekt notwendig, der im Detail auf Risiken des Unternehmens eingeht.

Crowdinvesting entwickelt sich
Für Franziska von Hardenberg hat die Summe als Startkapital vorerst gereicht: „Ich brauchte mindestens 50.000 Euro, das war meine Fundingschwelle“, sagt die gebürtige Hamburgerin. Dass es dann 100.000 Euro wurden, hat ihr den Start erleichtert. Sie konnte Mitarbeiter einstellen und in neue Räume mit größerem Lager investieren.

Mittlerweile haben die Crowd­investing-Plattformen Wege gefunden, auch höhere Finanzierungen ohne die teure Prospektpflicht zu ermöglichen. Statt einer stillen Beteiligung erhalten Investoren bei Seedmatch seit November die von der Bafin bescheinigte Form eines partiarischen Nachrangdarlehens, das neben einer festen Mindestverzin­sung eine Gewinnbeteiligung vorsieht.

Franziska von Hardenberg arbeitet mittlerweile an einer zweiten Finanzierungsrunde, um zu expandieren. Weil ihr Geschäft so gut läuft, fällt es ihr nun leichter, Investoren zu überzeugen. Dass ihre Geschäfts­idee Anklang findet, merkt von Hardenberg aber auch an den sogenannten Copy Cats: „Es gibt mittlerweile drei Nachahmer unserer Idee“, sagt sie. Geärgert hat sie sich darüber nur am Anfang. „Solange die nur kopieren können, sind wir ihnen immer einen Schritt voraus.“

Bildquellen: amadorgs / Shutterstock.com
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