25.11.2012 03:00

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von Markus Hinterberger und Martin Reim, €uro am Sonntag

KEINE PANIK

Lebensversicherer in Not? Was Versicherte jetzt wissen müssen



Niedrige Zinsen: Lebensversicherer in Not?
Zündeln die Zeitungen zu Recht? Fakt ist, die Assekuranz hat Probleme, hohe Zinsen zu erwirtschaften. Doch Pleiten sind unwahrscheinlich, und wer seine Police vorschnell kündigt, zahlt meist drauf.

von Markus Hinterberger und Martin Reim, Euro am Sonntag

Lesen bildet, sagt der Volksmund. In diesen Tagen aber könnte es für Besitzer einer Lebensversicherung — und das ist statistisch jeder Bundesbürger — heißen: Lesen verunsichert. Kaum ein Morgen vergeht, an dem nicht eine Zeitung auf die Misere der Versicherungswirtschaft hinweist.

Stein des Anstoßes war ein Schreiben von Finanzstaatssekretär Hartmut Koschyk an den Finanzausschuss des Bundestages, das €uro am Sonntag vorliegt. Demnach sei nicht auszuschließen, „dass einzelne Unternehmen künftig in Schwierigkeiten geraten können“. Die Gründe für diese besorgniserregende Nachricht sind nicht von der Hand zu weisen. Trotz niedriger Zinsen — das meiste Kundengeld hat die Assekuranz in festverzinsliche, als sicher geltende Papier investiert — müssen Versicherer hohe Garantiezinsen erwirtschaften.

Policen aus den Jahren 1994 bis 2000 müssen mit jährlich vier Prozent auf den Sparanteil, also auf Einzahlungen minus Kosten, verzinst werden. Bereits Anfang dieses Jahres lagen die Überschussbeteiligungen — also das, was die Gesellschaften ihren Kunden jährlich gutschreiben — unter vier Prozent. Demnach müssen die Unternehmen bei einigen ihrer Kunden draufzahlen.

So etwas kann auf Dauer nicht gut gehen — oder etwa doch? Axel Kleinlein, Chef des Bundes der Versicherten (BdV), beruhigt: „Unseres Erachtens steht momentan kein Unternehmen mit dem Rücken zur Wand. Die Garantieverzinsung ist sicher.“ Er warnt Kunden davor, ihre Verträge vorschnell zu kündigen. Dass der sonst so kritische BdV-Chef fast wie ein Vertreter der Versicherungsbranche spricht, zeigt den Ernst der Lage. Denn eine Panik würde diese wirklich verschärfen. €uro am Sonntag beantwortet die wichtigsten Fragen und erklärt, was Versicherte jetzt tun können.

Was taugen die Garantien?
Ein Versicherer kann seine Garantien nicht einfach kippen. Wie ein Bafin-Sprecher erklärt, müsste ein Versicherer schon nahe an der Insolvenz stehen und seine Kundenbestände der Versichererauffang- gesellschaft Protektor überantwortet haben, damit die Kunden ihr Geld verlieren (siehe nächste Frage).

Können Versicherer pleitegehen?
Die Bafin versucht mit regelmäßigen Untersuchungen und Tests die Versicherer so zu überwachen, dass böse Überraschungen ausbleiben. Sollte eine Gesellschaft dennoch am Rand der Insolvenz stehen, übernimmt die Bafin das Ruder und versucht, den Versicherer mit dessen eigenen Mitteln zu sanieren. Schlägt dies fehl, versuchen die Aufseher die Verträge an eine andere Gesellschaft weiterzugeben. Funktioniert auch das nicht, werden die Verträge auf Protektor übertragen.

Diese Sicherungseinrichtung der Versicherungswirtschaft wurde von den Unternehmen mit mehr als 760 Millionen Euro ausgestattet. Reicht das Geld nicht, müssen die Versicherer noch einmal so viel nachschießen. Erst dann könnten auf Geheiß der Bafin die Renten der Versicherten der betroffenen Gesellschaft um maximal fünf Prozent sinken — also auch unter ihren garantierten Wert. Bleiben auch dann noch finanzielle Lücken, haben sich die Versicherer verpflichtet, freiwillig weiteres Geld nachzulegen.

Wie reagiert die Politik?
Der Finanzausschuss des Bundestags schlägt vor, dass die Versicherer ihren Kunden weniger von ihren Bewertungsreserven ausschütten. Diese machen bis zu zehn Prozent der Überschussbeteiligungen aus und entstehen, wenn Aktien, Anleihen oder Immobilien am Markt höher bewertet sind als in den Büchern der Versicherer. Falls der Bundestag zustimmt, müssten die Anbieter die Reserven, die bei festverzinslichen Wertpapieren entstehen, nicht mehr an die Kunden weitergeben. Bislang steht Versicherten die Hälfte zu.

Soll ich meine Police kündigen?
Ob es sich lohnt, einen Vertrag zu kündigen, kann am besten ein Aktuar, also ein Versicherungsmathematiker, beantworten. Denn dank Provisionen, Risikoreserven — falls Versicherte länger leben, als die Statistik vorhersagt — und Verwaltungskosten sind die Policen sehr kompliziert. Ein Aktuar rechnet gegen ein Stundenhonorar von 50 bis 100 Euro den Vertrag durch.

Grob gesagt ist eine Lebens- oder Rentenversicherung so konstruiert, dass sie erst am Ende ihrer Laufzeit durch den Zinseszinseffekt und Schlussüberschüsse lukrativ wird. „Daher lohnt sich bei Verträgen, die nur ein oder zwei Jahre vor ihrem Ablauf stehen, der Ausstieg in der Regel nicht“, sagt Torsten Rudnik vom BdV. Dazu kommt: Bei Policen aus den Jahren vor 2005 sind die Erträge steuerfrei. Bei jüngeren unterliegt die Hälfte der Erträge dem persönlichen Steuersatz.

Kommt zu diesem Steuervorteil noch ein hoher Garantiezins von 3,3 Prozent und mehr, lohnt es sich am Ball zu bleiben. Ganz anders ist es bei Verträgen, die erst wenige Jahre laufen. Hier hat sich durch die auf die ersten Jahre verteilten Abschlusskosten recht wenig Geld angesammelt, sodass ein Versicherter, der seinen Vertrag nun kündigt, meist weniger herausbekommt, als er eingezahlt hat. Ganz gleich, wann ein Versicherter seinen Vertrag kündigt, es fallen immer Stornokosten an.

Gibt es Alternativen zur Kündigung?
Wer nicht weiterzahlen, aber auch nicht kündigen will, kann seinen Vertrag beitragsfrei stellen. Dabei wird das bereits angesparte Geld —vergleichbar einer Rentenpolice gegen Einmalbeitrag — weiter angelegt. Ein Todesfallschutz bleibt in diesem Fall erhalten. Hat die Police einen gewissen Rückkaufswert erreicht, was meist nach 15 bis 20 Jahren eintrifft, kann der Vertrag auch beliehen werden. Ob und für wen es sich lohnt, zeigt eine Auswertung der FMH-Finanzberatung von diesem Frühsommer.

Basis war ein Geldbedarf von 10.000 Euro. Hierbei kostete ein bonitätsunabhängiger Ratenkredit bei einer Laufzeit von drei Jahren im Durchschnitt 5,95 Prozent Zins. Die Rheinland-Versicherung als günstigster Versicherer verlangte über diese Laufzeit einen Effektivzins von 4,5 Prozent. Im Gegensatz zu Ratenkrediten sind Policendarlehen nicht sukzessive zu tilgen, sondern auf einen Schlag zurückzuzahlen. Nur die Zinsen sind kontinuierlich zu begleichen. Es werden keine Vorfälligkeitsentschädigungen berechnet —also Sonderzahlungen, die bei Ratenkrediten üblich sind. Doch sollten Kunden stets im Auge haben, dass sie mit ihrer Altersvorsorge spielen. Im Extremfall überweist der Versicherer am Ende der Laufzeit nur einen kleinen Differenzbetrag.

Das ist ein Grund, warum die Allianz empfiehlt, das Policendarlehen eher für kurzfristige Überbrückungen zu nutzen. Für eine relativ kurze Laufzeit von maximal zwei Jahren spricht auch, dass durch ein Policendarlehen Einkommensteuern auf die Erträge aus der Lebensversicherung fällig werden können. Das ist laut Rechtsprechung oft bei längeren Laufzeiten der Fall.

Weil das Thema steuerlich komplex ist, sollte man sich vor Beantragen eines Darlehens an sein Finanzamt oder seinen Steuerberater wenden. Grundsätzlich gilt: Wer seine Police beleiht, behält den kompletten Versicherungsschutz. Die Kreditsumme bemisst sich am Rückkaufswert — also dem, was der Versicherer auszahlt, wenn die Police gekündigt wird. Der Rückkaufswert gilt auch dann als Grenze, wenn die Police beitragsfrei gestellt ist, wenn also keine Prämien mehr fließen. Nicht beleihbar sind staatlich geförderte Policen à la Riester oder Rürup und betriebliche Altersvorsorge.

Was bringt die Zukunft?
Nach Ansicht von Experten wird die Branche für 2013 weniger ausschütten. „Wir erwarten eine erneute Absenkung der Überschussbeteiligung“, sagt Lars Heermann von der Ratingagentur Assekurata. Ähnlich hat sich bereits die Ratingagentur Standard & Poor’s geäußert. Traditionsgemäß geben die Lebensversicherer im Dezember bekannt, welche Rendite auf den Sparanteil sie für das kommende Jahr zuweisen. Für 2012 waren es laut Assekurata im Schnitt 3,94 Prozent im Jahr, davor waren es noch 4,11 Prozent.

Lohnt sich eine Lebens- oder Rentenpolice noch?
Fakt ist, dass Renten- und Lebensversicherungen viel an Charme eingebüßt haben. Da sind zum einen die stark gesunkenen Zinsen, zum anderen sind die Erträge auf Verträge, die nach 2005 abgeschlossen wurden, nicht mehr komplett steuerfrei. Andererseits wäre es zu kurz gedacht, die ganze Branche über einen Kamm zu scheren. Es gibt Gesellschaften, die auch in Zinstiefs wie dem aktuellen stabile Erträge über dem Marktschnitt erzielen und dies auch künftig schaffen. Zudem sind branchenweit die Kosten gesunken und viele arbeiten daran, die Verträge verständlicher zu machen.

Unterm Strich bleiben die Lebens- und Rentenversicherungen also Produkte, die sich erst lohnen, wenn man bis zum Ende durchhält. Dann winkt eine garantierte Rente bis zum Tod, ganz gleich, ob der Inhaber der Police drei Jahre nach Fälligkeit verstirbt oder 40 Jahre davon lebt.
Garantiezins in Prozent (pdf)


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