18.12.2012 17:30
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Keine Lust auf Unisex

Neue Versicherungstarife
Die Deutschen interessieren sich nicht für die neuen Tarife der Versicherer. Das kann teuer werden.
€uro am Sonntag

Bei den Deutschen herrscht großes Unwissen über die Gründe für die bisherigen Tarifunterschiede. Das ergab eine Forsa-Studie im Auftrag des Direktversicherers Asstel. 51 Prozent haben kein Interesse an den neuen sogenannten Unisextarifen. Die Branche muss sich also noch mehr für Verständlichkeit und Einfachheit einsetzen. Das fordert Gastautor von Euro am Sonntag, Mathias Bühring-Uhle

Über die Hälfte der Deutschen gibt im Schnitt monatlich mehr als 50 Euro für die private Absicherung und Altersvorsorge aus. Zwei von drei Deutschen wissen zwar, dass die Höhe ihrer Versicherungsbeiträge vom Geschlecht abhängt. Wie sich aber die Tarifhöhe konkret bemisst, dafür haben die Bundesbürger verschiedene Erklärungen: Für 43 Prozent ist der Hang des männlichen Geschlechts zum risikoreichen Leben verantwortlich für bisher unterschiedliche Prämien. Jeder Vierte denkt, dass Frauen weniger zahlen, weil sie sich gesünder ernähren und damit auch resistenter ­gegen Krankheiten sind. Bereits hier wird einmal mehr deutlich, dass es die Versicherungsbranche weiterhin nicht in ausreichendem Maß schafft, Tarifhintergründe und damit einhergehende Prämienunterschiede dem Verbraucher verständlich nahezubringen.

Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Umfrage, die das Forsa-Institut im Auftrag des Direktversicherers Asstel durchgeführt hat. Weitere Erkenntnisse: Nur jeder Dritte der über 60-Jährigen kannte den richtigen Grund für die Unisextarife. Bei den Jüngeren war es etwa die Hälfte, die wusste, dass bei neu abgeschlossenen Versicherungen das Geschlecht des Versicherten die Beitragshöhe nicht mehr beeinflussen darf.

Fragen zum Hintergrund von Unisex wussten viele also keine Antwort. Dabei wäre das für jeden Verbraucher durchaus wünschenswert, da die geschlechtsunabhängige Beitragskalkulation bei Versicherungs­tarifen ab dem 21. Dezember 2012 verpflichtend ist. Aufgrund des Urteils des Europäischen Gerichtshofs vom März 2011 wird die Gleichstellung von Mann und Frau mit der Einführung der neuen Tarife auf die Versicherungswirtschaft ausgeweitet. Faktoren wie Herkunft oder Geschlecht spielen in der ­Ri­sikokalkulation für Versicherungsprämien keine Rolle mehr. Künftig gilt für alle Lebens-, Renten-, Kranken-, Unfall- und Kfz-Versicherungsverträge eine neue, geschlechtsunabhängige Beitragskalkulation. Durch die Umstellung kommt es teilweise zu erheblichen Beitragsänderungen — nach unten wie nach oben. So werden Unfallversicherungen für Frauen künftig bis zu 50 Prozent teurer. Bei Risikolebensversicherungen werden sie im Schnitt ein Drittel mehr zahlen.

Unkenntnis führt zu wenig Verständnis für neue Tarife
Für Männer wird unter anderem der Berufsunfähigkeitsschutz teurer. Dort steigen die Beiträge aufgrund des Urteils des Europäischen Gerichtshofs um durchschnittlich 13 Prozent. Doch auch umgekehrte Fälle gibt es: Bislang basieren die Beiträge auf den tatsächlichen Risiken, wodurch einige Versicherungen für Frauen aufgrund ihrer längeren Lebenserwartung um einiges teurer sind. Mit dem 21. Dezember profitieren Frauen unter anderem bei den Policen für die private Rentenversicherung mit circa vier Prozent Beitragssenkung. Männer haben einen großen Vorteil in der Risikolebensversicherung, da hier die geringere Lebenserwartung bislang eine starke Auswirkung auf die Beitragshöhe hat und nun angepasst wird.

Alles durchaus wichtige Informationen für den Verbraucher, die bei diesem jedoch noch nicht angekommen sind. Nur derjenige kann seine Vorsorge und Absicherung sinnvoll ­planen, der auch über die entsprechenden Kenntnisse rund um Produkte und Besonderheiten verfügt. Hier offenbart sich ein alt­bekanntes Problem unserer Branche: Der Verbraucher beschäftigt sich nicht gern mit dem für ihn undurchsichtigen Thema Versicherung. Die Komplexität ist eine hohe Hürde — die gilt es allerdings zu überwinden.

Eine weitere Erkenntnis der Umfrage, die dieses Problem besonders deutlich macht: Eine knappe Mehrheit der Deutschen möchte gar keine Unisextarife. Jeder Zweite würde auch in Zukunft geschlechtsspezifische Versicherungstarife befürworten. Obwohl das für Frauen höhere Beiträge bedeuten kann, fühlen sich 46 Prozent von ihnen durch die bisherige Kalkulation nicht benachteiligt. Dennoch lehnte jeder Sechste trotz günstigerer Konditionen einen Abschluss zu den alten Konditionen bis 21. Dezember ab.

Dieses fehlende Wissen rund um Unisex ist symptomatisch für die Branche. Es herrscht noch lange nicht die nötige Einfachheit und Verständlichkeit in der Produktdarstellung, in der Formulierung von Bedingungen und im Schaffen von Zusammenhängen. Erst wenn wir hier noch mehr auf die Menschen zugehen, werden wir diese „Wissenslücken“ langsam schließen können.

Kurzvita

Mathias Bühring-Uhle
Vorstand der Asstel Versicherungsgruppe
Der Autor ist promovierter Diplom-Kaufmann und seit 2009 Vorstand des Gothaer Konzerns in Köln. Dort ist er unter anderem für den Direktversicherer Asstel zu­ständig. Zuvor hat er die Karstadtquelle Finanz Service GmbH geleitet, den gemeinsamen ­Finanzdienstleister von KarstadtQuelle und Ergo. Davor bekleidete er ­verschiedene Funktionen im AXA-Konzern.
Die Asstel Versicherungsgruppe ist Teil des ­Gothaer Konzerns und bietet seit 1997 deutschlandweit Lebens-, ­Kranken- und Sach­versicherungen für ­Privatkunden an.

Bildquellen: BWT
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