11.12.2012 14:00
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ThyssenKrupp lenkt nach Rekordverlust radikal um

Dividende fällt erstmals aus

Die beschlossene Trennung von seinen milliardenschweren Fehlinvestitionen in Übersee reißt neue Löcher in die Bilanz des angeschlagenen Industriekonzerns ThyssenKrupp.

Das Unternehmen schrieb weitere 3,6 Milliarden Euro auf die erst vor Kurzem fertiggestellten Anlagen in der Brasilien und den USA ab, wie es am Montagabend in Essen mitteilte. Das führte zu einem Verlust von 5 Milliarden Euro im Ende September abgelaufenen Geschäftsjahr. Bereits vor einem Jahr hatte der Konzern wegen hoher Wertberichtigungen einen auf die eigenen Aktionäre anfallenden Verlust von 1,8 Milliarden Euro verbucht.

Der Horror-Verlust führt zu einem Novum in der Geschichte von ThyssenKrupp - die Dividende fällt aus. Der Einzelabschluss weise kein ausschüttungsfähiges Ergebnis aus, erklärte das Unternehmen. Diese Entscheidung gilt als Überraschung. Der Konzern sah sich bislang einer Kontinuität bei seiner Dividendenpolitik verpflichtet. Vor allem der größte Aktionär, die Krupp-Stiftung, drängte auch in schlechten Zeiten immer auf einer Ausschüttung. Mit dem Geld finanziert sie ihre wohltätigen Förderprojekte.

UNREALISTISCHER BUCHWERT DER STAHLWERKE

Die Stahlwerke in Übersee standen zuletzt noch mit einem Wert von sieben Milliarden Euro in den Büchern. Diese Einschätzung erklärte der Konzern nun als unrealistisch. In den Verkaufsverhandlungen zeichnete sich schon früh ab, dass ThyssenKrupp nur zwischen drei und vier Milliarden Euro für die Anlagen erlösen kann. Einen Käufer präsentierte ThyssenKrupp noch nicht. Der Prozess verlaufe planmäßig, erklärte ThyssenKrupp. Das Stahlgeschäft in Übersee wird künftig als nicht-fortgeführte Aktivität in der Bilanz geführt. Analysten der Commerzbank zufolge hatte der Markt bereits zuvor Verluste von 4 Milliarden Euro durch die Wertberichtigungen eingepreist. Im nachbörslichen Handel verlor die Aktie dennoch rund drei Prozent.

ThyssenKrupp hatte nach früheren Angaben rund 12 Milliarden Euro in die Werke gesteckt - hinzu kam ein weiterer operativer Verlust von rund einer Milliarde Euro im vergangenen Geschäftsjahr. Wegen Planungsfehlern und veränderter Rahmenbedingungen wie der Aufwertung der brasilianischen Währung haben sie sich zu einem Milliardengrab entwickelt. Der seit Anfang 2011 amtierende Vorstandschef Heinrich Hiesinger hatte im Mai die Reißleine gezogen und die Werke zum Verkauf gestellt.

RAUSWURF DES HALBEN VORSTANDS BESTÄTIGT

Inzwischen läuft im Konzern die Suche nach den Schuldigen. Der Aufsichtsrat bestätigte den in der vergangenen Woche angekündigten Rauswurf des halben Vorstands. Der für gute Unternehmensführung (Compliance) zuständige Jürgen Claassen muss ebenso wie Technologiechef Olaf Berlien und Stahlchef Edwin Eichler zum Jahresende gehen. Hintergrund sind neben den drohenden Verlusten bei den Stahlwerkprojekten in Übersee auch zahlreiche Fälle von unsauberen Geschäftspraktiken. Den Vorständen wird vorgeworfen, bei den Problemen nicht richtig durchgegriffen zu haben.

"Das Projekt Steel Americas und die verschiedenen Compliance-Verstöße haben nicht nur einen immensen finanziellen Schaden verursacht", sagte Vorstandschef Hiesinger. "Wir haben dadurch auch an Vertrauen und Glaubwürdigkeit verloren." Der Aufsichtsrat habe mit den Veränderungen im Vorstand ein "klares" Zeichen für einen Neuanfang gesetzt. Die Entscheidungen seien eng mit ihm abgestimmt. "Wir etablieren konsequent eine neue Führungskultur, die auf Ehrlichkeit, Transparenz und Leistungsorientierung basiert. Dafür stehen wir als Vorstand ein." Im Rahmen des Kulturwandels soll nun das gesamte Führungsmodell überprüft werden.     

SCHWÄCHE AUCH IM EUROPÄISCHEN STAHLGESCHÄFT

Auch im rein operativen Geschäft erlebte ThyssenKrupp wegen der Konjunkturschwäche und der Verluste in Übersee einen herben Gewinneinbruch. Das um Sondereffekte wie Abschreibungen bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern sackte um rund drei Viertel auf 399 Millionen Euro ab. Dazu trug auch das schwächelnde Stahlgeschäft in Europa bei. Wegen der unsicheren Wirtschaftsaussichten ist die Nachfrage schwach. Das drückt auf die Preise. Bei ThyssenKrupp arbeitet deshalb ein Teil der im Stahlbereich tätigen Beschäftigten seit dem Sommer kurz.

Ausgeklammert aus den Berechnungen des operativen Gewinns ist das defizitäre Edelstahlgeschäft, das ThyssenKrupp derzeit an den finnischen Konkurrenten Outokumpu verkauft. ThyssenKrupp betrachtet die Sparte seit der im Januar getroffenen Grundsatzvereinbarung mit den Finnen als nicht-fortgeführte Aktivität. Nach der Genehmigung durch die EU im November soll der Verkauf bis zum Jahresende abgeschlossen sein.

Der Verkauf soll rund 2,7 Milliarden Euro in die leeren ThyssenKrupp-Kassen spülen. Das Geld kann der Konzern gut gebrauchen. Ende September saß die Dax-Gesellschaft auf einem Schuldenberg von 5,8 Milliarden Euro. Entstanden sind die Verbindlichkeiten vor allem durch die Fehlinvestitionen in die neuen Stahlwerke. Der Konzern betonte, dass seine Finanzierung gesichert sei.

Mit dem bereits 2011 gestarteten Verkauf von Geschäftsbereichen, die zuvor rund ein Viertel des gesamtem Umsatzes ausmachten, will Vorstandschef Hiesinger Luft für geplante Investitionen in Zukunftstechnologien gewinnen. Dazu sollen auch Einsparungen beitragen, die in den nächsten drei Jahren das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) zusammen um 2 Milliarden Euro entlasten sollen. Hiesinger will vor allem die Technologiesparte ausbauen. Das Geschäft mit dem Bau von Großanlagen, Aufzügen, Marineschiffen und Autokomponenten blieb im vergangenen Jahr erneut recht stabil.

GEGENWIND AUCH IM LAUFENDEN JAHR

Im laufenden Geschäftsjahr rechnet ThyssenKrupp mit weiterem Gegenwind aus der Konjunktur und wegen der ungelösten Schuldenkrise. Der Umsatz - ohne Edelstahl und die Stahlwerke in Übersee - dürfte von 42,3 Milliarden auf etwa 40 Milliarden Euro sinken. Das bereinigte EBIT aus fortzuführenden Geschäften soll bei einer Milliarde Euro liegen - im abgelaufenen Geschäftsjahr lag der Vergleichswert 1,4 Milliarden Euro.

RAUSWURF VON VORSTÄNDEN BESCHLOSSEN

Der Aufsichtsrat hatte gestern Abend auch den Rauswurf des halben Vorstands beschlossen. Der für gute Unternehmensführung (Compliance) zuständige Jürgen Claassen muss ebenso wie Technologiechef Olaf Berlien und Stahlchef Edwin Eichler zum Jahresende gehen. Den Vorständen wird vorgeworfen, bei den Problemen nicht richtig durchgegriffen zu haben.

Hiesinger wies auf einen "immensen finanziellen Schaden" hin, der durch fehlgeschlagene Stahlwerks-Projekte in Übersee und unsaubere Geschäfte dem Konzern entstanden sei. "Wir haben dadurch auch an Vertrauen und Glaubwürdigkeit verloren."

Es habe ein Führungsverständnis gegeben, in dem Seilschaften und blinde Loyalität wichtiger gewesen seien als unternehmerischer Erfolg, sagte Hiesinger am Dienstag. "Es wurde eine Kultur gepflegt, in der Abweichungen und Fehlentwicklungen lieber verschwiegen als korrigiert wurden." Zudem habe offenbar bei einigen die Ansicht vorgeherrscht, dass "Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten".

>STRUKTUREN AUFBRECHEN

Diese Strukturen wolle er nun aufbrechen. "Unsere Maxime lautet: Führungskräfte bei ThyssenKrupp handeln ehrlich, vorbildlich und verantwortungsvoll." Wer dabei nicht mitziehe, habe im Konzern nichts zu suchen. Nicht ThyssenKrupp sei das Maß aller Dinge, sondern der Markt und der Wettbewerb. "Jeder im Konzern wird sich daran messen müssen", betonte Hiesinger. Künftig solle es ein offenere und motivierende Führungskultur beim Traditionskonzern geben.

Der erst seit 2011 amtierende Konzernchef hatte die Stahlwerksbauten in Brasilien und den USA, die für ThyssenKrupp zum Milliardengrab wurden, im Mai zum Verkauf gestellt. Einen Käufer gibt es bislang noch nicht. Die Werke standen zuletzt noch mit rund sieben Milliarden Euro in den Büchern. Jüngst war über einen Verkaufspreis von drei bis vier Milliarden Euro spekuliert worden. ThyssenKrupp hatte nach früheren Angaben rund zwölf Milliarden Euro in die Werke gesteckt - hinzu kam ein weiterer operativer Verlust von rund einer Milliarde Euro im vergangenen Geschäftsjahr.

KURZARBEIT VERLÄNGERN

Wegen der schwachen Nachfrage nach Stahl will ThyssenKrupp die Kurzarbeit in Deutschland verlängern. "Wir begrüßen die Überlegungen der Bundesregierung, das Kurzarbeitergeld auf zwölf Monate zu verlängern und gehen davon aus, dass wir gemeinsame Lösungen finden", sagte Hiesinger. Der Konzern hatte im August für knapp 2.200 der rund 17.500 Stahlarbeiter in Deutschland Kurzarbeit eingeführt. ThyssenKrupp kündigte zugleich an, auf die Verschärfung des Umfelds für die europäische Stahlindustrie mit hohen Überkapazitäten und Preisdruck reagieren zu wollen. Im Stahlgeschäft in Europa war im Ende September abgelaufenen Geschäftsjahr der operative Gewinn um fast 80 Prozent auf 247 Millionen Euro eingebrochen.

Der Gesamtbetriebsratschef von ThyssenKrupp Steel, Günter Back, macht Fehlentscheidungen des Managements für den Riesenverlust des Konzerns verantwortlich. "Man hat alles auf eine Karte gesetzt und sich ein Stück weit verzockt", sagte am Dienstag dem Radiosender "WDR5". Die Verluste ließen sich seiner Meinung nach nur im Stahlbereich ausgleichen. Back betonte, der Betriebsrat werde "mit Argusaugen darauf achten, dass es eben nicht zulasten der Beschäftigten geht." Sich von einem Teil des Vorstandes zu trennen, sei aus seiner Sicht die richtige Entscheidung gewesen.

ESSEN (dpa-AFX) - /enl/she

Bildquellen: ThyssenKrupp AG

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