von Carl Batisweiler, Jens Castner,
Peter Gewalt und Sven Parplies, Euro am Sonntag
Das Jahr 2009 wird mit Sicherheit als eines der turbulentesten in die Wirtschaftsgeschichte der vergangenen 100 Jahre eingehen. Am Anfang stand die Angst: Von einer bevorstehenden „großen Depression“ war die Rede, der Welthandel brach prozentual zweistellig ein, und die vom US-Immobilienmarkt ausgehende Finanzkrise stürzte tatsächlich Länder rund um den Erdball in die Rezession. Die Weltwirtschaft steckte in ihrer tiefsten Krise seit 80 Jahren.
Mit einer so fulminanten Erholungsrally, die ab Mitte März an den internationalen Börsen startete und die immer noch anhält, hatten die wenigsten gerechnet. Seit seinem Jahrestief vom 6. März legte beispielsweise der DAX um 60 Prozent zu, seit Jahresanfang beträgt das Plus immer noch 20 Prozent und markiert damit eines der erfolgreichsten Aktienjahre Deutschlands überhaupt.
„Maßgeblich für das letztlich gute Finanzjahr 2009 war das beispiellose Gegensteuern der Wirtschaftspolitik“, erklärt Klaus Wiener, Chefvolkswirt von Generali Investments, die Wende. Allen voran die USA, aber auch Deutschland, Großbritannien oder China legten Billionen Euro schwere Konjunkturpakete auf. Ob Abwrackprämie oder Milliarden für die Infrastruktur – wichtig war, der Wirtschaft zu signalisieren, dass auch wieder Aufträge kommen. Ein Übriges taten die Bürgschaften, Verstaatlichungen oder Stützungsgelder für die Banken. Ohne sie wäre wegen der schwachen Eigenkapitalausstattung der Geldhäuser der Kreditmarkt ausgetrocknet. Die systemische Krise ist erst einmal überwunden, das letzte Quartal wieder von leichtem Wirtschaftswachstum geprägt.
Die Realwirtschaft hinkt der Börsenentwicklung hinterher. Und 2009 wird auch als Jahr der großen Pleiten und Arbeitsplatzverluste in Erinnerung bleiben: Arcandor, Quimonda, Schiesser, Märklin – nur einige der 200 deutschen Unternehmen mit über 50 Millionen Euro Jahresumsatz, die wegen der Krise, aber auch katastrophalen Managementfehlern zusperrten.
Doch was erwartet Anleger im Jahr 2010? „Die weiter wirkenden Konjunkturprogramme sowie die lockere Geldpolitik der Notenbanken liefern ausreichend Impulse für die Weltwirtschaft und schaffen so die Voraussetzung für eine fortgesetzte Konjunkturerholung“, begründet Jens Wilhelm, Vorstandsmitglied von Union Investment, seine positive Einschätzung. Im nächsten Jahr komme es darauf an, dass die Volkswirtschaften wieder aus sich selbst heraus zu wachsen beginnen, also ohne die gewaltige Unterstützung durch Staaten und Notenbanken.
„Der Aufschwung ist noch nicht zu Ende, und uns stehen noch einige positive Überraschungen bevor“, sagt auch Jan Amrit Poser, Chefökonom der Bank Sarasin. Allerdings sei genauso offensichtlich, dass der vorläufig obere Wendepunkt dieses Wachstumsschubs in Reichweite gelange: „Ab dem zweiten Quartal 2010 sollte eine Verlangsamung des Weltwirtschaftswachstums erfolgen, die uns eine holprige zweite Jahreshälfte bescheren wird.“ Christian Heger, Chefstratege bei HSBC Global Asset Management, rät zu einer defensive Anlagestrategie: „Trotz der leichten Konjunkturerholung engt der Rückgang der Risikoprämien für alle Assetklassen in diesem Jahr das Potenzial für das nächste ein.“ So turbulent wie 2009 wird das nicht mehr. Aber wieder sehr spannend.
DAX Sensationelles Comeback
Trotz katastrophalem Start wird 2009 für den DAX eines der besten Jahre überhaupt. Seit Januar konnten die Schwergewichte um mehr als 20 Prozent zulegen. Wer zum Tiefpunkt Anfang März einkaufte, liegt heute sogar rund 60 Prozent im Plus. Die größten Gewinner der Rally gehörten zu den größten Verlierern der Vormonate. Der Chiphersteller Infineon ist mit etwa 300 Prozent Kursplus seit Januar Topwert. Die Münchner, 2008 noch Pleitekandidat und erster Pennystock der DAX-Geschichte, verschafften sich erst mit einer Kapitalerhöhung Luft. Dann erholte sich das operative Geschäft schneller als von vielen erwartet.
Während in den ersten Monaten der Kurserholung zyklische Titel wie BASF, Daimler und ThyssenKrupp, aber auch die von der Finanzkrise besonders hart getroffenen Banken nach oben getrieben wurden, beobachten Börsianer in den vergangenen Tagen eine verstärkte Nachfrage nach defensiven Titeln. Deutsche Telekom oder die Versorger E.on und RWE sind im Vergleich zu den Topwerten des Jahres günstig bewertet. Zudem weisen sie eine hohe Dividendenrendite auf.

2009 ist für den DAX eines der besten Jahre überhaupt
Hinter den Umschichtungen steht offenbar die Sorge, dass viele Anleger mit ihren Zukäufen der vergangenen Monate zu optimistisch waren. Zudem dürften die Frühindikatoren wie der Ifo-Geschäftsklimaindex, die erfahrungsgemäß als Orientierung für die Aktienmärkte wichtiger sind als harte Fundamentaldaten wie das Bruttoinlandsprodukt, im Frühjahr an Dynamik verlieren. Auch eine dann wahrscheinlich aufflammende Diskussion über Zinserhöhungen der Notenbanken könnte vor allem bei den zyklischen, also stark von der Konjunkturentwicklung abhängigen Unternehmen zu Gewinnmitnahmen verleiten. Viele Strategen gehen dennoch davon aus, dass die Kurse in den ersten Monaten des neuen Jahres erneut zulegen. Kurstreiber sollen zunächst weiter anziehende Frühindikatoren und deutlich steigende Unternehmensgewinne sein. Auch vom Arbeitsmarkt in den USA erhoffen sich Optimisten positive Überraschungen, die Konsumwerten wie Beiersdorf weiter Auftrieb geben müssten.

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Da die Wirtschaft in den alten Industrienationen unter hoher Staatsverschuldung, drohender Regulierung und restriktiver Kreditvergabe der Banken leidet, sollten Anleger tendenziell auf Aktien von Unternehmen setzen, die einen hohen Umsatzanteil in den wachstumsstarken Schwellenländern Asiens erzielen. Im DAX sind das unter anderem Adidas, Linde und Merck.
Fundamental ist der deutsche Leitindex mit einem Kurs/Gewinn-Verhältnis von 16 für das kommende Jahr und einem Kurs/Buchwert-Verhältnis von 1,5 noch immer moderat bewertet.
Die von €uro am Sonntag befragten Aktienstrategen führender Banken sehen den DAX am Ende des kommenden Jahres im Schnitt bei 6366 Punkten. Nur zwei von 20 Experten erwarten, vom aktuellen Niveau ausgehend, für 2010 Kursverluste.
MDAX Gute Unterhaltung bei ProSiebenSat.1
Mehr als 30 Prozent hat der MDAX in diesem Jahr an Wert gewonnen. Die mittelgroßen börsennotierten Unternehmen schnitten damit rund zehn Prozentpunkte besser ab als die Schwergewichte des DAX. Den größten Unterhaltungswert bot ProSiebenSat.1. Zu Jahresbeginn stürzte die Aktie, die 2008 noch bei 16 Euro notierte, auf 90 Cent ab. Die Münchner, nach der Übernahme der skandinavischen Senderkette SBS hoch verschuldet und unter sinkenden Werbeerlösen leidend, galten gar als möglicher Pleitekandidat.

ProSiebenSat.1 ist bester Wert im MDAX
Ab März änderte sich die Stimmung dramatisch: Bis Oktober stieg der Kurs im Sog der allgemeinen Trendwende sogar auf neun Euro. Grund waren Übernahmegerüchte, mögliche Beteiligungsverkäufe, steigende Marktanteile und neu entdeckte Risikofreude der Anleger. Unter dem Strich sind bei ProSiebenSat.1 seit Jahresbeginn mehr als 250 Prozent Kursplus geblieben, die Aktie ist damit bester Wert im MDAX. Die aktuellen Kursziele der Analysten reichen bis 10,50 Euro. Auch hinter den anderen beiden Topperformern des MDAX stehen Turnaround-Spekulationen: Die Aareal Bank (plus 138 Prozent seit Jahresbeginn) profitierte vom Comeback der zuvor besonders hart abgestraften Finanzwerte. Beim margenstarken Autozulieferer ElringKlinger (plus 123 Prozent) setzten Anleger auf den positiven Effekt der staatlichen Abwrackprämie und die Hoffnung, dass die Automobilbranche den Tiefpunkt der Krise überwunden hat.
Für das kommende Jahr sollten Anleger auch bei kleineren Aktien stärker als in diesem Jahr auf Substanz achten. Der Schmierstoffspezialist Fuchs Petrolub und der Kranhersteller Demag Cranes dürften von ihrem hohen Umsatzanteil in den asiatischen Schwellenländern profitieren. Krones, Weltmarktführer bei Getränkeabfüllanlagen, sollte 2010 in die Gewinnzone zurückkehren und ist daher eine Turnaround-Story. Die Aktie des Duftstoffherstellers Symrise ist im Branchenvergleich moderat bewertet, zudem gilt das Unternehmen als möglicher Übernahmekandidat.
TecDAX Leuchttürme auf dem Kurszettel
Die Technologiekonzerne haben überproportional stark von der sich abzeichnenden Konjunkturerholung profitiert. Mit einem Kursplus von über 60 Prozent hat der TecDAX die Standardwerte deutlich abgehängt. Die erfolgreichste Börsenstory des Jahres in den großen deutschen Indizes ist Dialog Semiconductor. Die Aktie des Halbleiterspezialisten ist seit Jahresbeginn um mehr als 1000 Prozent gestiegen. Die Produkte der Schwaben drücken den Energieverbrauch bei mobilen Geräten. Dadurch profitiert Dialog vom Siegeszug der Superhandys wie Apples iPhone.
Nicht ganz so dramatisch, aber mit mehr als 400 Prozent Plus immer noch herausragend ist die Kursentwicklung von Aixtron. Der Anlagenhersteller profitiert von der wachsenden Nachfrage nach Leuchtdioden, wie sie zunehmend verwendet werden, unter anderem in Flachbildfernsehern. Angesichts eines erwarteten Gewinnwachstums von 60 Prozent bei Dialog und 90 Prozent bei Aixtron im kommenden Jahr sind die Kurssteigerungen fundamental untermauert. Die Aktien sind aber inzwischen deutlich über die durchschnittlichen Kursziele der Analysten hinausgeschossen und damit anfällig für Gewinnmitnahmen.

Evotec mit attraktiver Turnaround-Story
Das Biotechunternehmen Evotec (191 Prozent Kursplus seit Jahresbeginn) gilt als attraktive Turnaround-Story. Unter dem neuen Vorstandschef Werner Lanthaler konzentrieren sich die Hamburger, die Ende Oktober in den TecDAX rückten, auf ihr Kerngeschäft als Outsourcing-Dienstleister für Pharma. 2012 will Evotec erstmals Gewinne schreiben. Als positives Signal gilt, dass Lanthaler seit Amtsübernahme kontinuierlich Evotec-Aktien über die Börse kauft.
Aktien international - Techies dominieren die US-Börsen
Die Letzten werden die Ersten sein. Dieses Motto bestimmte 2009 auch die großen US-Börsen. Topaktie unter den amerikanischen Wachstumswerten ist der Festplattenhersteller Seagate. 2008 war die Aktie der Kalifornier von 25,50 auf 3,83 Dollar eingebrochen – in diesem Jahr hat sich die Aktie fast vervierfacht, bei einem Kurs von 17 Dollar aber nur einen Teil der Verluste aufgeholt. Ähnlich extrem sind die Ausschläge beim zweiten der Jahresliste, Liberty Media.
Auffallend: Unter den zehn Topwerten des Nasdaq 100 befinden sich zwei Onlinereisevermittler. Expedia und Priceline legten jeweils um rund 200 Prozent zu. Bemerkenswert auch die Performance des Onlinekaufhauses Amazon, das dank des Hypes um sein elektronisches Lesegerät Kindle knapp 150 Prozent zulegte. Die prominenteste Aktie aus dem Nasdaq, der iPod-Hersteller Apple, schaffte es mit einem Kursplus von 125 Prozent übrigens nicht in die Top Ten. Mit einem Zugewinn von 47 Prozent auf Dollarbasis hat die Nasdaq 100 den Standardwerteindex Dow Jones in diesem Jahr deutlich geschlagen. Die amerikanischen Bluechips legten im Jahresverlauf knapp 18 Prozent zu. Angeführt wird die Rangliste von American Express. Der Kreditkartenkonzern war wie alle Finanztitel im Vorjahr dramatisch abgestürzt und konnte jetzt überdurchschnittlich stark von der allgemeinen Kurserholung profitieren.
Microsoft, in der Vergangenheit als Langweileraktie verspottet, konnte dank der neuen Version seines Betriebssystems Windows mit einem Kursplus von mehr als 50 Prozent endlich einmal überzeugen. Mit IBM, Cisco Systems, Hewlett-Packard und Intel liegen vier weitere Technologiewerte in den Top Ten des Dow. Trotz der deutlichen Kursgewinne sind die großen US-Indizes nicht überbewertet. Das durchschnittliche Kurs/Gewinn-Verhältnis des Nasdaq 100 (20,0) und des Dow Jones (16,1) liegt noch immer unter dem Durchschnittswert der vergangenen zehn Jahre. Möglich machen das die drastischen Kostensenkungen der Konzerne, durch die stärkere Gewinneinbrüche vermieden wurden.
Deutlich größere Ausschläge als in den westlichen Industrienationen waren in den Aktienindizes der Schwellenländern zu verzeichnen. Die Kurse waren dort 2008 im Sog der Finanzkrise ebenfalls eingebrochen, haben sich in diesem Jahr aber deutlich stärker erholt. Da Staaten wie China, Brasilien und Indien nur indirekt von der Finanzkrise betroffen sind, trauen viele Experten diesen Regionen in den kommenden Jahren deutlich stärkeres Wachstum zu. Während für die Eurozone im kommenden Jahr ein moderater Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von knapp über einem Prozent kalkuliert wird, sind für China sogar fast neun Prozent realistisch.
Diese Dynamik lässt sich bereits jetzt an der Kursentwicklung der jeweiligen Landesindizes ablesen. Den größten Kurssprung machte Brasiliens Bovespa, mit bislang 131 Prozent Plus auf Dollar-Basis, gefolgt von Russlands RTS mit plus 122 Prozent. Chinas Shenzhen-Index legte ebenfalls knapp dreistellig zu.
Angesichts der desaströsen Staatsfinanzen achtbar geschlagen hat sich der Aktienindex des Emirats Dubai – dort reichte es für Anleger, die in Euro rechnen, für ein Kursplus von knapp 15 Prozent. Sieben nationale Leitindizes haben laut Finanzdienst Bloomberg im Bullenjahr 2009 Verluste erzielt. Am deutlichsten in den roten Zahlen liegt Nigeria mit einem Minus von 39 Prozent.
Bildquellen: Wolfgang Kriegbaum, Julian Mezger