von Sven Parplies und Tim Schäfer, €uro am Sonntag
Das Hudson Theater am legendären Broadway gehört zu den edlen Adressen New Yorks. In dem 1903 errichteten Gebäude begeisterten einst Musiklegenden wie Louis Armstrong, Elvis Presley und Barbra Streisand das Publikum. Auch John Malone, Milliardär und Chef des amerikanischen Medienkonglomerats Liberty Media, nutzt gern die Bühne.
120 Vermögensverwalter, Fondsmanager und Analysten sitzen in roten Plüschsesseln des großen Konzertsaals und lauschen gebannt seinem Vortrag. Denn Liberty Media ist ein Börsenstar – 250 Prozent hat die Aktie im vergangenen Jahr an Wert gewonnen. Und das, obwohl die Medienbranche weltweit in einer schweren Krise steckt.
Auch Liberty Media geht es nicht wirklich gut. 2008 machte der Konzern, zu dem neben diversen Fernsehsendern und Internetdiensten unter anderem ein Profi-Baseballteam gehört,knapp 800 Millionen Dollar Verlust. 2009 erwarten Analysten einen moderaten Gewinn von 200 Millionen Dollar. Malone treibt die Umstrukturierung voran: Wichtiger Meilenstein ist die Fusion der Satellitenradiobetreiber Sirius und XM. Zusammen erreichen sie 18,5 Millionen Kunden und 2,5 Milliarden Dollar Umsatz. Da immer mehr Autos mit Satellitenradio ausgerüstet werden, sieht Malone gerade in diesem Bereich enormes Potenzial.
Liberty Media gehört zu den erfolgreichsten Aktien im amerikanischen Nasdaq-100-Index. Für viele Privatanleger noch immer Synonym für wahnsinnige Kursübertreibungen zur Jahrtausendwende, hat er im vergangenen Jahr alle großen Standardindizes der westlichen Welt hinter sich gelassen. Auf Dollarbasis legten die 100 Aktien im Schnitt knapp 54 Prozent zu. Der Dow Jones mit den Schwergewichten der US-Wirtschaft schaffte 22, der DAX 24 Prozent. Zum Start ins neue Jahr zeichnet sich ein ähnlicher Trend ab: An den ersten vier Handelstagen lag bereits ein halbes Dutzend Nasdaq-100-Aktien zweistellig im Plus.

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Hinter den extremsten Kursgewinnen des vergangenen Jahres stehen Unternehmen, die in der Finanzkrise als Pleitekandidaten ausgemacht wurden und entsprechend drastisch an Wert verloren haben. Liberty Media stürzte von 25 auf zwei Dollar. Virgin Media – mit 290 Prozent Kursplus der Topwert des vergangenen Jahres – kollabierte von 29 auf wenig mehr als drei Dollar.
Dennoch hat die Nasdaq-Rally Substanz, wie ein breiter Blick in die Bilanzen verdeutlicht: Lediglich drei der 100 Indexmitglieder haben laut Datenbank von €uro am Sonntag im vergangenen Jahr Verluste erwirtschaftet. 2010 dürften sogar nur zwei – das Biotechunternehmen Vertex Pharma und Virgin Media – rote Zahlen schreiben.
Selbst eine Dividende ist für etliche Wachstumswerte kein Fremdwort mehr: Jedes dritte Indexmitglied dürfte in diesem Jahr die Aktionäre über eine Ausschüttung am Gewinn beteiligen. Fünf Unternehmen weisen eine Dividendenrendite von mehr als drei Prozent aus. Beim Halbleiterunternehmen Microchip Technology sind es sogar rund fünf Prozent – Werte, die üblicherweise nur defensive Standardwerte vorweisen können.
Rechnerisch könnten deutlich mehr Techies eine Ausschüttung finanzieren. Laut Daten des Finanzdienstes Bloomberg hatten die Unternehmen aus dem Nasdaq 100 zuletzt 133 Milliarden Dollar an Cash in ihren Bilanzen, also rechnerisch 1,3 Milliarden für jedes Indexmitglied.
Der tatsächliche Wert der Reserven ist sogar deutlich größer, da finanzstarke Unternehmen ihr Geld nicht einfach auf dem renditeschwachen Bankkonto parken. Beim Netzwerkausrüster Cisco Systems etwa stehen neben 4,8 Milliarden Dollar Cash auch 30,6 Milliarden an Investments, vor allem in Staatsanleihen, zu Buche. Der Multimediakonzern Apple kommt inklusive Investments auf fast 34 Milliarden Dollar. Die größten Reserven im Nasdaq hat der Softwaregigant Microsoft – neben 8,8 Milliarden Dollar Cash noch knapp 28 Milliarden, die kurzfristig investiert sind.
Die Erfahrungen aus der unheilvollen Vergangenheit haben den amerikanischen Wachstumswerten in der jüngsten Krise offenbar geholfen. Als die Interneteuphorie zur Jahrtausendwende verpuffte, kollabierten auch an der Nasdaq die Aktienkurse. Im März 2001 begann dann eine acht Monate lange Rezession, die in dem Terroranschlag vom 11. September gipfelte. Auf die IT-Industrie kamen radikale Budgetkürzungen zu. Kapitalerhöhungen waren selbst für Unternehmen mit solidem Geschäftsmodell praktisch nicht mehr platzierbar.
Bildquellen: NASDAQ