von Tim Schäfer, New York
Der Hersteller von Netzwerklösungen für das Internet notiert nahe eines mehrjährigen Kurstiefs, das zuletzt in der Finanzkrise 2009 markiert wurde. Dieses Jahr sind die Kalifornier mit einem Kursverlust von fast einem Viertel das schwächste Mitglied im Dow-Jones-Index. Selbst die erstmals kleine Dividende, die ausgeschüttet wird, konnte die Anleger nicht besänftigen. Rund 83 Milliarden Dollar zeigt die Börsenwaage an. Das ist nicht viel. Schließlich hortet Vorstandschef John Chambers 43 Milliarden Dollar in Cash.
Mit anderen Worten wird die Hälfte der Marktkapitalisierung mit Barvermögen abgedeckt. Außerdem schreibt der High-Tech-Riese solide schwarze Zahlen. Freilich hatten sich die Analysten höhere Ergebnisse gewünscht. Im vergangenen Geschäftsjahr 2009/10 (endete im Juli) stieg der Umsatz von 23 auf über 25 Milliarden Dollar. Der Überschuss kam von 6,1 auf fast 7,8 Milliarden Dollar voran.
Angesichts der randvollen Kriegskasse gibt es immer mehr Stimmen, die eine Sonderausschüttung fordern. Beispielsweise verlangt der einstige Kandidat für das Präsidentenamt, Ralph Nader, eine Sonderdividende von einem Dollar je Aktie. Nader, ein Verbraucherschutzaktivist, ist ein frustrierter Cisco-Aktionär. Nader ist seit dem dem Jahr 1995 investiert. Zu Zeiten des Internet-Booms im Jahr 2000 waren seine 18.000 Aktien über eine Million Dollar wert. Inzwischen ist seine Position auf 270.000 Dollar eingebrochen. Gegenüber dem bisherigen Rekordhoch verlor das Nasdaq-Papier sage und schreibe 80 Prozent. Kein Wunder, dass Nader sauer ist und seit Wochen zur Revolte gegen Vorstandslenker Chambers aufruft. Er sucht verbündete Hedgefonds und Großaktionäre.

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In der Tat scheint es übertrieben, so hohe Barbestände vor sich herzuschieben, denn die Zinsen sind derzeit lausig. Wenn Chambers keine vernünftigen Akquisitionsziele findet, dürfte ihm wohl keine andere Wahl bleiben, als dem Druck nachzugeben. Andernfalls könnte er seinen Job riskieren. Auch aus einer anderen Perspektive scheint das Papier günstig zu sein: So erwarten die Analysten im Schnitt für das laufende und nächste Geschäftsjahr ein Ergebnis je Aktie von 1,60 beziehungsweise 1,72 Dollar. Das Gewinnvielfache liegt demzufolge unterhalb von zehn, was ein Witz für einen Weltmarktführer ist. Gewiss scheint die rasante Wachstumsstory der Kalifornier vorbei zu sein. Aber selbst wenn Chambers das Geschäft nur langsam ausbauen kann, ist die Aktie unterbewertet.

Tim Schäfer, US-Aktienexperte für Euro am Sonntag, empfiehlt Cisco
Alles in allem bietet sich eine gute Gelegenheit für Anleger mit Geduld. Die Technologieaktie ist ein wahrer Value-Wert geworden. Wenn man den Börsenwert um die Barmittel bereinigt, wird Cisco nur mit dem 1,3-fachen Umsatz bewertet. Angesichts der noch immer hohen Nettoumsatzmarge von über 16 Prozent ist das wenig. Dem Konkurrenten Juniper Networks billigt die Wall Street mehr als den dreifachen Umsatz zu,
Juniper wird also mit einem erheblichen Aufpreis gehandelt.
Im September will Chambers auf seiner Analystenkonferenz den Investoren erklären, wie es weiter geht. Gut möglich, dass bis dahin der Kurs wieder in Schwung gekommen ist. Falls nicht, stehen dem 62-jährigen Manager harte Zeiten bevor.
Tim Schäfer ist Journalist und schreibt seit 1998 über Börse, Aktien und Unternehmen. Seit 2006 lebt der studierte Diplom-Betriebswirt und DVFA-Aktienanalyst in New York und berichtet von dort über die Geschehnisse an der Wall Street, unter anderem für Euro am Sonntag. Bekannt ist Schäfer für seine Berichterstattungen über kleine Nebenwerte.
Bildquellen: Cisco