04.12.2012 03:00
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Max Otte: Ich schließe einen Crash nicht aus

Interview Exklusiv
Krisenprophet Max Otte schwört auf Aktien und Edelmetalle. Im Interview mit finanzen.net gibt er Tipps für die Portfoliostruktur vor dem Hintergrund der Verschuldungskrise.
von Benjamin Summa

Die Zahl der Aktionäre in Deutschland sinkt seit Jahren. Nur noch knapp 3,9 Millionen Bundesbürger haben nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts Wertpapiere in ihren Depots. Sie haben jetzt die Möglichkeit, ordentlich Werbung für die Aktienanlage zu machen. Welche Argumente sprechen also derzeit für Wertpapiere?
Max Otte: Aktien stellen Sachvermögen dar und die meisten sind nicht inflationsgefährdet, weil die Unternehmen ihre Preise parallel zur Inflation anheben können. Henkel, Daimler, Allianz usw. haben sogar zwei Weltkriege überdauert. Des Weiteren sprechen die historisch niedrigen Bewertungen für die Wertpapieranlage – insbesondere in Deutschland und im Süden Europas. Zudem sehen wir hohe Dividenden von vier bis acht Prozent, die momentan ausgeschüttet werden. Nur zum Vergleich: Bei Festgeldern bekommen die Sparer derzeit zwischen ein und zwei Prozent Zinsen.

Dem Dax fehlen nur noch knapp 15 Prozent bis zum Allzeithoch. Wo verorten Sie den Leitindex zum Jahresende?
Punktprognosen mache ich eigentlich nicht. Aber wenn das Gros potentieller Anleger die gerade formulierten Vorteile der Aktienanlage verinnerlichen sollte, dann kann der Dax ohne Probleme auf 10.000 Punkte steigen.

Allerdings lahmt die Weltwirtschaft. In vielen europäischen Ländern haben wir eine Rezession, in den USA hängt das Damoklesschwert „Fiscal Cliff“ über der größten Volkswirtschaft der Welt. Was stimmt sie auf der anderen Seite also pessimistisch in Bezug auf die Aktienmärkte?
Vor dem drohenden „Fiscal Cliff“ in den USA habe ich keine große Angst. Sollte diese fiskalische Klippe wirklich kommen, dann würde dieser Mix aus Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen schnell wieder zurückgenommen. Die amerikanische Notenbank und die EZB werden weiterhin Geld drucken, was das Zeug hält – und damit auch die Aktienmärkte stützen.
Die lahmende Weltwirtschaft in China und auch in den europäischen Peripheriestaaten ist aber natürlich ein Problem, keine Frage.

Wie wahrscheinlich ist ein Crash vor diesem Hintergrund?
Ich schließe einen Crash nicht aus. Wenn alle negativen Faktoren wie eine deutlich abkühlende US-Wirtschaft und eine starke Rezession in den europäischen Peripheriestaaten zusammenkommen sollten, dann kann es krachen. Die Wahrscheinlichkeit hierfür liegt aus meiner Sicht aber nur bei zehn Prozent. Denn der Rückgang der Wirtschaftsleistung ist nicht automatisch an einen starken Einbruch der Aktienkurse gekoppelt. Ich hatte es bereits erwähnt: Die Aktien in Europa sind derzeit so billig, dass große institutionelle Investoren wahrscheinlich auch dann noch zugreifen werden, wenn die mittelfristigen Aussichten mäßig sind.

Bitte schätzen Sie folgende Branchen-Aktien mit einem Satz ein…
Aktien von Versorgern:
Versorger wie RWE und Eon kann man machen - allerdings nicht mit der Hoffnung auf schnelle Gewinne. Im Auge behalten sollten Anleger immer die Gefahr von Dividendenkürzungen. Die Eon-Aktie ist mit sieben bis acht Prozent natürlich interessanter als die Eon-Anleihe mit zwei Prozent.
Aktien von Banken und Versicherungen:
Banken würde ich von Versicherungen trennen. Versicherungen schätze ich ähnlich ein wie die Versorger. Die Papiere der Versicherungen sind größtenteils billig und haben solide Geschäftsmodelle. Banken waren in den vergangenen Jahren hingegen Zockerpapiere, das sind sie aus meiner Sicht auch weiterhin. Die Bilanzen der meisten Banken sind eine Blackbox, die Geschäftsmodelle sind kritikwürdig. Deutsche Bank und Commerzbank dienen also höchstens als spekulative Beimischung.
Rohstoff-Aktien:
In kleine Explorer investiere ich nicht – die sind mir viel zu heiß. Die großen Explorer wie Barrick Gold und Ölaktien kann man derzeit machen.
Emerging Markets:
Emerging Markets sind wieder interessant, eine Zeitlang waren diese Aktien viel zu teuer, jetzt sind sie wieder auf einem erträglichen Niveau.
Blue-Chips:
Die Anleger haben entdeckt, dass Qualitätsaktien wie SAP, Siemens, BASF, Deutsche Telekom, Nestlé, Unilever, Coca-Cola und Co. sichere Geldanlagen darstellen. Diese Titel sind mittlerweile überwiegend fair bewertet. Man kann hier sicher Geld parken – mit etwas Dividende und Wertsteigerung. Überrenditen sind allerdings nicht zu erwirtschaften.

Momentan dominieren in deutschen Talksendungen Themen rund die "Armutsfalle private Vorsorge". Gemeint ist eine sukzessive Enteignung von Sparern und Anlegern, indem die Zinsen durch Markteingriffe unter die Inflationsrate gedrückt werden. Ist das Panikmache?
Das ist bereits Realität. Vier bis fünf Prozent echte Inflation und ein bis zwei Prozent Verzinsung: Die Sparer verlieren dadurch in 15 Jahren ein Drittel ihres Vermögens. Das Ganze wird ja auch schon als offizielles Instrument der Wirtschaftspolitik von Volkswirten in den Kanon aufgenommen – man nennt das dann „finanzielle Repression“. Das gab es nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA übrigens auch, damals hatten die Amerikaner über 20 Jahre eine negative Realverzinsung. So konnte sich der amerikanische Staat entschulden. Es ist momentan unmöglich zu sagen, wie lange die Phase der Geldvernichtung dieses Mal andauert. Einige Jahre wird es den Euro noch geben, einige Jahre gehen die Rettungsversuche weiter und solange wird die Welt, wie sie jetzt ist, in ihren Grundzügen noch fortbestehen. Danach wird etwas Neues kommen. Zum jetzigen Zeitpunkt schaue ich nicht durch diese Nebelwand hindurch.

Wie können sich die Sparer Ihrer Meinung nach vor einer starken Inflationierung schützen?
Natürlich mit Aktien. Man könnte beispielsweise in breit streuende deutsche, europäische und weltweite Aktienfonds investieren. Beispiele wären der PI Global Value, EURO STOXX-Fonds oder EUROLAND-Fonds.

Welche Faktoren sprechen Ihrer Meinung nach jetzt noch für eine Anlage in Edelmetalle?
Der Goldkurs liegt bei 1700 Dollar pro Feinunze, die Erschließungskosten für neue Vorkommen liegen bei bis zu 1500 Dollar. Gold ist also zurzeit fair bewertet. Selbst wenn Edelmetalle jetzt keine Überrendite mehr bringen sollten, kann man froh sein, wenn man Gold und Silber besitzt, wenn es kracht. Anleger sollten beide Metalle grundsätzlich nie als Rendite-Turbo begreifen, sondern immer als Versicherung fürs Vermögen.

Historisch niedrige Hypothekenzinsen treiben die Immobilienpreise in Deutschland. Viele warnen bereits vor einer Spekulationsblase. Wie ist Ihre Lesart in Bezug auf Betongold?
Bei Immobilien sollten die Anleger derzeit sehr, sehr vorsichtig sein. Auf dem Land ist eine Immobilie anders als in den 70er Jahren kein Garant mehr für Wertsteigerung oder Werterhalt, weil wir sinkende Einkommen und zurückgehende Bevölkerungszahlen sowie steigende Auflagen haben. Zudem könnte der Staat die Grundsteuer deutlich anheben. Anders sieht es bei den hochpreisigen Immobilien in Top-Lagen aus, die werden immer einen Markt haben, weil die Anzahl der Reichen kontinuierlich zunimmt. In guten Lagen wie München, Hamburg und Stuttgart befinden wir uns andererseits schon in einer Blasenbildung. Bei Immobilien ist also äußerste Vorsicht geboten.

Wie sollten Anleger Ihrer Meinung nach ihr Portfolio derzeit konkret strukturieren?
Das kommt natürlich grundsätzlich auf die Risikoneigung an. Ich würde 70-80 Prozent Aktien nehmen, zehn bis 20 Prozent Gold und zehn bis 20 Prozent Liquidität.

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