22.02.2013 03:00
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Müllmarktführer in Amerika: Aus Dreck Gold machen

US-Aktien-Tipp
Abfallentsorgung und Recycling ist auch in den USA ein Riesengeschäft. Zwei Investmentideen mit stabilem Geschäftsmodell.
€uro am Sonntag

von Tim Schäfer, New York

Jeden Abend wuchten die Hausmeister schwarze Müll­säcke auf den Gehweg in der John Street. Die Säcke stapeln sich meterhoch. An manchen Stellen müssen Fußgänger auf die andere Straßenseite ausweichen. Kein Wunder, denn hier im New Yorker Finanzviertel wohnen in jedem Wolkenkratzer mehr als tausend Menschen. Die stinkenden Plastiksäcke machen die Müllberge der Metropole sichtbar. Abgeholt wird der Abfall spät in der Nacht, um kein Verkehrschaos zu verursachen.

Die acht Millionen New Yorker produzieren jeden Tag 11 000 Tonnen Müll, Tendenz steigend. Bürgermeister Michael Bloomberg hat strik- te Recyclingregeln verabschiedet. Kunststoff, Papier, Dosen und Metall müssen gesammelt werden, sie landen in Spezialbeuteln. Ähnlich ist das in anderen Großstädten. Wer in San Francisco seinen Abfall nicht sauber trennt, muss mit einer Strafe von bis zu 1000 Dollar rechnen.

In den USA stieg seit dem Jahr 1960 das Gewicht des täglichen Hausmülls von 2,7 auf 4,4 Pfund je Einwohner. Nach Angaben der amerikanischen Umweltschutzagentur werden davon 1,51 Pfund recycelt oder kompostiert, sprich rund ein Drittel. Die Behörde möchte diesen Anteil hochfahren, um die Deponien zu entlasten. Am häufigsten werden Verpackungen, Essensreste, Gartenschnitt, Sofas, Computer, Reifen und Kühlschränke recycelt. Die höchste Wiederverwertungsrate wird bei Autobatterien mit 96,2 Prozent erreicht, am geringsten ist sie bei Kunststoffflaschen.

Ein Problem ist das Pfandsystem. Nur elf Bundesstaaten erheben überhaupt Pfand, und dann auch nur wenige Cent. Dadurch ist die Motivation der Verbraucher gering, leere Flaschen zum Supermarkt zurückzutragen.

Das Dreckmonopol
Doch Müll ist nicht nur ein Pro­blem für Städte und Gemeinden, sondern auch eine Chance — für Unternehmen. Für die Müllentsorger ist das Geschäft mit dem Dreck wie eine Goldmine. Im Regelfall beackern Müllfirmen einen regionalen Markt, in dem sie fast monopolistisch agieren. Dank strikter Lizenzvergaben durch die Behörden und hoher Investitionen ist der Konkurrenzkampf überschaubar.

Und das Geschäft ist stabil. Ob in guten oder schlechten Zeiten, eins ist gewiss: Der Schmutz nimmt stetig zu. Anders als in Europa wächst die Bevölkerung in den USA. Und selbst in Katastrophenzeiten, wenn ein Wirbelsturm oder eine Überschwemmung einen Landstrich heimsucht, werfen die Leute zwar kurzfristig weniger weg, doch dank Aufräumarbeiten bleiben die Müllmänner gut beschäftigt.

Die zwei führenden Mülldienstleister, Waste Management und Republic Services, sind die größten Profiteure. Waste Management bedient mit seinen 45 000 Mitarbeitern 21 Millionen Kunden. Der Markt­führer mit Sitz in Houston betreibt 271  Deponien. Das nächstgrößere Unternehmen der Branche ist Republic Services mit 30 000 Beschäftigten und 191 Deponien.

Ein großer Anhänger von Repu­blic Services ist Bill Gates. Seit einem Jahrzehnt erhöht der Mitbegründer des Softwaregiganten Microsoft seinen Anteil am Unternehmen. Gates’ Aktienpaket, das er über seine Beteiligungsfirma Cascade Investments hält, ist auf 24 Prozent angewachsen. Es kursieren an der Wall Street sogar Gerüchte, das Gates ein Übernahmeangebot vorlegen könnte.

Buffetts Mülltonne
Spekuliert wird, ob der Software­milliardär ähnlich wie sein Freund Warren Buffett vorgehen will, der 2009 für die Eisenbahngesellschaft Burlington Santa Fe eine Offerte mit gut 30 Prozent Aufschlag vorlegte. Im Vorfeld hatte Buffett zunächst ein Burlington-Aktienpaket aufgebaut, um bessere Karten zu haben.

Auch Buffett wühlte im Müll. Der Börsenaltmeister kaufte ein Repu­blic-Services-Aktienpaket von drei Prozent des Unternehmens, das er aber im Jahr 2010 komplett abstieß. Öffentlich begründet hat Buffett den Ausstieg nicht. Eine Theorie verweist auf seine Freundschaft zu Bill Gates. Denn: Sollte Gates tatsächlich ein Übernahmeangebot vorlegen, könnte das den Eindruck erwecken, als hätte Buffett sich nur deshalb bei Republic eingekauft, weil er die Pläne seines Kumpels vorab kannte.

Was die beiden Superreichen an dem stinkenden Geschäft so interessiert? Es könnte die strukturellen Besonderheiten der Branche sein. Genehmigungen für neue Deponien werden selten erteilt. Weil die Sorge vor Umweltschäden groß ist, arbeitet die öffentliche Hand am liebsten mit langjährigen Partnern zusammen. Das sind hohe Hürden für potenzielle Wettbewerber. Aufgrund des guten Vertrauensverhältnisses haben die führenden Dienstleister Spielräume bei der Preisgestaltung. Mit 17,6 Prozent kommt Gates’ Liebling auf eine saubere Gewinnmarge.

Ein cleverer Schachzug von Republic war die Übernahme des Konkurrenten Allied Waste im Dezember 2008. Durch den Deal ergaben sich erhebliche Synergien. Alle nur möglichen Kostenpositionen nahm ein Team unter die Lupe, angefangen von den Lastkraftwagen bis hin zur Software. Der hoch verschuldeten Allied half die hohe Liquidität von Repu­blic. Dank der soliden Bonitätseinstufung sanken die Finanzierungskosten. Republic verlegte seinen ­Geschäftssitz in die Heimat des kleineren Partners, nach Phoenix im Bundesstaat Arizona. Einsparung insgesamt: mehr als 190 Millionen Dollar pro Jahr.

Der langjährige Republic-Chef James O’Connor gab sein Amt an ­Donald Slager, einen Manager von Allied, ab. Der 51-jährige Slager begann seine Karriere als Müllfahrer, kennt das Geschäft also von der Mülltonne an.

Übernahmen sind in diesem Sektor fast an der Tagesordnung. Denn Größe sorgt für Wettbewerbsvorteile. Vor allem kleine Spezialisten, etwa Recyclingprofis, werden derzeit geschluckt. Hier besteht Nachholpotenzial. Denn: Beide Konzerne — Republic Services und Waste Management — suchen nach neuen Wegen, weil die Kapazitäten ihrer Halden begrenzt sind. Sie recyceln mehr als jemals zuvor. Kunden ­können alle wiederverwertbaren Abfälle, ob Papier, Glas, Metall oder Kunststoff, in einen Behälter werfen, die Sortierung übernimmt der Profi.

Recycelte Gewinne
Innovationen haben das Abfall­geschäft in den vergangenen Jahren noch profitabler gemacht. Recycling spült Waste Management mittlerweile mehr als eine Milliarde Dollar in die Kasse. Je mehr Rohstoffe he­rausgefiltert werden, desto besser, denn das bedeutet pures Geld. Vielleicht sind es die Innovationen, die Bill Gates an der Branche so faszinieren. Jedenfalls ist er auch am Branchenführer Waste Management beteiligt. Über seine Stiftung hält er rund vier Prozent der Aktien.

Neben den stabilen Geschäfts­modellen, guten Margen und hohen Markteintrittsbarrieren gibt es auch kurzfristige Gründe für Anleger, sich die US-Müllaktien gerade jetzt genauer anzusehen: Der Immobilienmarkt erholt sich. Im Dezember stieg der Hauspreisindex CoreLogic, den auch die US-Notenbank verfolgt, um 8,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Wenn im Sommer mehr alte Gebäude abgerissen werden, um Platz für Neubauten zu schaffen, dürfte das Müllgeschäft mit Bauschutt massiv anziehen. 

Investor-Info

Republic Services
Bill Gates sackt ein
Das Konglomerat mit Sitz in Phoenix, Arizona, betreibt 334 Müllabfuhrbetriebe und 74 Recyclinghöfe. Bei einem Börsenwert von knapp zwölf Milliarden Dollar wird das Unternehmen mit dem 1,4-Fachen des Umsatzes moderat bewertet. Kursfantasie erhält die Aktie vor allem durch seinen Großaktionär Bill Gates, der fast ein Viertel des Grundkapitals hält, und Spekulationen auf eine Komplettübernahme. Die Wartezeit wird durch eine Dividendenrendite von rund drei Prozent erleichtert.

Waste Management
Dividende abstauben
Der Müllmarktführer aus Texas wird an der Börse mit dem 1,2-Fachen des Jahresumsatzes bewertet. Die Aktie ist damit günstiger als Konkurrent Republic. Auch die Dividende spricht für Waste: Seit dem Jahr 2004 wurde die Ausschüttung kontinuierlich angehoben — das schafft Vertrauen. Anleger können eine Dividendenrendite von rund vier Prozent abstauben. Wem Übernahmespekulationen zu ab­strakt sind, der ist bei Waste besser aufgehoben.

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