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31.05.2011 17:00

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URANAKTIEN

Die Kernenergie strahlt trotzdem weiter

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Energiemix der Zukunft: International bleibt Atomstrom im Rennen
Deutschland wagt nach der Katastrophe von Fukushima den Ausstieg aus der Atomkraft. Weltweit sieht es anders aus. Der Bedarf an Uran wird steigen.

von Jörg Schmilewski, €uro am Sonntag

Die Einwohnerzahl des südaustralischen Bergbauorts Roxby Downs könnte sich in Kürze verdreifachen. Rund 4.000 Men­schen, in der Mehrzahl Minenarbeiter, leben derzeit in dem Outback-Städtchen. In der Großmine „Olympic Dam“ werden bisher hauptsächlich Kupfer und Gold gewonnen, nur als Nebenprodukt wird hingegen das als Kernbrennstoff in Atomkraft­werken benötigte Uran abgebaut. Das soll sich bald ändern. Der weltgrößte Rohstoff­konzern, BHP Billiton, will „Olympic Dam“ mit einer Jahresproduktion von 19.000 Tonnen zum größten Uranbergwerk der Welt ausbauen.

Zwar hat die Superkatastrophe im japanischen Reaktor Fukushima weltweit Zweifel aufkommen lassen, ob die Kerntechnik überhaupt beherrschbar ist. Und auch nach drei Monaten ist der Gesamtschaden der Katastrophe nicht abschätzbar. Doch in der Unternehmenszentrale von BHP Billiton in Melbourne geht man unverdrossen von einem Boom bei der Uranförderung aus. Die deutschen Ausstiegspläne sieht man sehr ge­lassen: Das „European Powerhouse“, wie Deutschland aufgrund seiner Wirtschaftsleistung in Australien oft genannt wird, vertrete mit seinen Ausstiegsplänen global ja eine Minderheitenposition.

Atomprojekte sind in vielen Ländern nach wie vor populär. Trotz der elf in Japan und sieben in Deutschland stillgelegten Reaktoren bleiben weltweit 424 Kernkraftwerke am Netz, 65 Reaktoren werden neu errichtet, 284 neue Atommeiler sind angedacht. Es wird geschätzt, dass die Urannachfrage bis 2020 um ein Drittel auf rund 100.000 Tonnen im Jahr steigen wird. Um der zunehmenden Nachfrage gerecht zu werden, müssten auch die Förderkapa­zitäten um das Dreifache steigen, sagen die Experten der Bundesanstalt für Geowissenschaften in Hannover, die die Marktentwicklung untersucht haben. Zwar könne bislang noch aus verschrotteten Atomwaffen Uran gewonnen werden, doch in wenigen Jahren werde dieses Angebot verschwinden, sagt Michael Schauer, Spezialist für Kernbrennstoffe. Der Geowissenschaftler registriert einen „neuen Boom beim Uranexport“, Hinweise dafür gebe es weltweit.

Bestes Beispiel ist Kasachstan, das seine Förderkapazitäten seit dem Jahr 2000 verzehnfacht hat. Vor zwei Jahren löste die frühere Sowjet­republik Kanada als weltgrößten Uranexporteur ab. Bis 2018 will der kasachische Atomkonzern Kazatomprom die jährliche Fördermenge noch einmal fast verdoppeln, auf mehr als 30.000 Tonnen.

Lachlan Shaw, Bergbau- und ­Energieanalyst der Commonwealth Bank in Melbourne, erwartet aufgrund der in Japan und in Deutschland stillgelegten Reaktoren lediglich „vorübergehende Negativeffekte“ für den Uranhandel. Dies gelte auch für die in den vergangenen ­Wochen abgestürzten Aktien, die Anleger in irgendeiner Form mit der Atomwirtschaft in Verbindung bringen.

So verlor die Aktie von Uranium One, einem der größten Uranproduzenten weltweit, seit dem Fukushima-Desaster rund 50 Prozent an Wert. Auch der Preis für ein Kilogramm Uran ist von 72 US-Dollar je Pfund auf 57 Dollar gesunken. Shaw meint, dass der Preis am Spotmarkt aber ­jederzeit „um zehn oder 20 Prozent“ steigen könne.

Australien setzt auf Uran. Fast zwei Jahrzehnte lang lehnte Down Under eine Ausweitung der Uranförderung kategorisch ab. Erst in den vergangenen Jahren hat sich das geändert: China, Mitunterzeichner des Atomwaffensperrvertrags, erhält bereits seit 2006 australisches Uran. „Was den Uranhandel betrifft“, erklärt Geowissenschaftler Schauer, „sind die meisten Importeure an langfristigen Verträgen interessiert“. So auch die Chinesen. Die Australier, das machen mehrere Minenprojekte deutlich, wollen ihre Lieferversprechen einhalten.

Derzeit sind 27 chinesische Atom­reaktoren im Bau, 57 weitere sind geplant. Mit dem neuen Fünfjahresplan will die Volksrepublik eine Vervierfachung ihrer Atomkapazitäten von zehn auf 40 Gigawatt erreichen. Das Atomprogramm sichert den wirtschaftlichen Fortschritt in China, Australien erhält im Gegenzug hohe Einnahmen.

Spät sind die Chinesen in die Atomwirtschaft eingestiegen. Derzeit ­decken sie ihren Energiebedarf zu 80 Prozent mit Kohle, zu 16 Prozent mit Wasserkraft und nur zu zwei ­Prozent mit Kernkraft. „Wir kommen um die Atomkraft nicht herum, wenn unsere Wirtschaft aufholen soll“, sagt Cao Yin, Leiter der Energieabteilung beim Marktforschungsinstitut Frost and Sullivan in Shanghai. Yin erwartet künftig höhere Sicherheitsanforderungen für chinesische Reaktoren. Werke in Küstennähe oder Erdbebenzonen würden nach den Ereignissen in Fukushima nicht mehr genehmigt.


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Selbst wenn der Ausbau der Kernenergie in China als Folge von Fukushima langsamer als geplant ablaufen sollte – die Volksrepublik bleibt der weltweit am schnellsten wachsende Markt für neue Kernkraftwerke. Aber auch Indien sieht wie viele andere Schwellenländer in der Kernenergie weniger eine Gefahr als eine Chance auf Modernisierung und Wohlstand. Schließlich leben mehr als zehn Prozent der Inder heute noch ohne Strom.

Russland baut derzeit zehn neue Reaktoren und plant 24 weitere, Iran fünf, Taiwan, Indonesien und die Vereinigten Arabischen Emirate jeweils vier.

Auch westeuropäische Nationen wie Großbritannien wollen neue Reaktoren errichten. Ungarn, die Tschechische Republik, die Slowakei, Rumänien, Polen, Litauen und die Türkei – sie alle haben ihre nuklearen Pläne bei der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) angemeldet. Selbst in der Ukraine und Weißrussland, den am stärksten vom ­Super-GAU von Tschernobyl betroffenen Ländern, sind mehrere neue Atommeiler geplant.

All diese Länder blicken mit Interesse nach Deutschland, um zu ­verfolgen, wie das auf Versorgungssicherheit angewiesene Hightechland künftig ohne Atomstrom zurechtkommt. Im australischen Städt­chen Roxby Downs wappnet man sich zeitgleich für einen prosperierenden Uranhandel. Hohe Löhne und andere Annehmlichkeiten locken die Arbeiter ins Outback. Immerhin, ein Schwimmbad gibt es schon für die Minenarbeiter. Und einen Golfplatz. Ja, sogar ein Kulturzentrum.

Investor-Info

Uranpreis
Erholung nach dem Crash

Die Atomkatastrophe von Fukushima hat die Notierung für Uran innerhalb eines Monats um bis zu 40 Prozent einbrechen lassen. Die Rohstoffexperten von Morgan Stanley rechnen mit einer Erholung des Preises auf bis zu 64 US-Dollar in diesem Jahr.

Vorkommen und Reserven
USA liegen vorn

Der Uranabbau deckt momentan etwa 60 Prozent des aktuellen weltweiten Bedarfs. Der Rest wird durch Lagerbestände, Wiederaufbereitung und abgerüstete Kernwaffen gedeckt. Nach Zahlen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe verfügen die Vereinigten Staaten mit rund drei Millionen Tonnen über die größten Vorkommen. Da­rauf folgen Russland und Südafrika mit jeweils 1,5 Millionen und Kasachstan mit 1,4 Millionen Tonnen Uran.

ETFS WNA Global Nuclear Energy
ETF voller Energie

Areva, Toshiba und Cameco – alle Firmen, die in der Kernkraftbranche Rang und Namen haben, sind in dem börsen­notierten Indexfonds ETFS WNA Global Nuclear Energy enthalten. Der ETF bildet die Kursentwicklung von über 60 Unternehmen ab, die weltweit in den Sektoren Bau, Technologie, Ausrüstung und Förderung tätig sind und vom Wachstum der Branche profitieren können. Der Fonds hat trotz des Kurssturzes vieler Werte nach dem GAU in Japan in den vergangenen zwei Jahren um knapp 20 Prozent zugelegt. Vorteil: Viele Unternehmen im ETF wie General Electric sind nicht zu 100 Prozent im Kernenergiegeschäft ­engagiert. Dies macht den ETF unabhängiger von volatilen Trends der Branche.

Cameco
Gigant unter den Förderern

Cameco ist der größte Uranförderer der Welt. Aufgrund der Atomkatastrophe in Japan und eines unerwartet niedrigen Gewinns im ersten Quartal 2011 ist die Aktie unter Druck geraten. Unternehmenschef Jerry Grandey erwartet keinen starken negativen Effekt auf die Urannachfrage wegen der Ereignisse von Fukushima. Cameco plant daher, zu expandieren und seine Produktion bis 2018 zu verdoppeln. Zur Beimischung.

Bildquellen: Wolfgang Kriegbaum

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