aktualisiert: 06.06.2013 11:17
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Großer Pflegeversicherungs-Test: Wenn Pflege, dann Bahr

Großer Pflegeversicherungs-Test von €uro Magazin
Der richtige Versicherer
Seit Jahresanfang fördert der Staat private Pflegepolicen. Das kann sich richtig lohnen, wenn man den richtigen Versicherer wählt. Ein Überblick über die besten Angebote.
€uro

von Martin Reim, €uro Magazin

Daniel Bahr ist erst 36 Jahre alt. Doch schon jetzt hat der Bundesgesundheitsminister seinen Namen verewigt. Unter seiner Ägide startete Anfang des Jahres die geförderte Pflegezusatzversicherung, die angesichts ihres komplizierten Titels sogleich die inoffizielle Bezeichnung „Pflege-Bahr“ erhielt.

Der Clou: Für jeden Vertrag gibt es einen staatlichen Zuschuss von fünf Euro pro Monat, wenn die Prämie mindestens zehn Euro beträgt. €uro hat in Zusammenarbeit mit der Analysegesellschaft für Anlage- und Versicherungsprodukte getestet, welche Policen von privaten Versicherern empfehlenswert und nach den gesetzlichen Vorgaben auch zuschussfähig sind (siehe Tabellen „Pflege-Bahr“).

Ergebnis: Je nach Alter bei Vertragsabschluss fallen die Resultate recht unterschiedlich aus. So gibt es für 18-Jährige eine Reihe „sehr guter“ und „guter“ Tarife, während 40-Jährige und insbesondere 60-Jährige um einiges schlechter bedient werden. Bei den Anbietern stechen HanseMerkur und DFV Deutsche Familienversicherung mit zweimal „sehr gut“ hervor. Manche Policen sind auch über gesetzliche Kassen erhältlich, beispielsweise kooperiert die Techniker Krankenkasse mit Envivas und die Kaufmännische Krankenkasse mit der DFV.

Die Absicherung durch den „Pflege-Bahr“ ist oft zu gering. So bekommen 60-Jährige in allen untersuchten Tarifen lediglich 600 Euro im Monat, wenn sie schwerstpflegebedürftig sind. Dabei wären im Durchschnitt 1686 Euro nötig, wie sich aus Zahlen des Statistischen Bundesamts und des Verbands der Ersatzkassen ergibt. Denn so hoch ist die Differenz zwischen dem, was die gesetzliche Pflegeversicherung zahlt, und den Kosten stationärer Pflege in der sogenannten Stufe 3. Hier brauchen die Patienten rund um die Uhr Betreuung. Hinzu kommt, dass beim Pflege-Bahr die Prämien laut Gesetz weiterbezahlt werden müssen — auch wenn man schon pflegebedürftig ist. Das vergrößert die Lücke.

Angesichts dieser finanziellen Lücke hat €uro in einem zweiten Schritt sogenannte Kombitarife unter die Lupe genommen, bei denen Pflege-Bahr und eine ungeförderte Zusatzversicherung desselben Anbieters zusammengefasst sind (siehe Tabellen „Kombi-Tarife“). Hier fallen die Zahlungen wesentlich großzügiger aus.

Die Güte der jeweiligen Tarife — sie zeigt sich an Prämienhöhe, Absicherung und Zusatzleistungen — ist allerdings auch hier recht unterschiedlich und hängt unter anderem vom Alter des Versicherten ab. HanseMerkur und DKV ragen mit jeweils „sehr gut“ in allen drei Altersklassen heraus.

Wer über einen Kombitarif nachdenkt, sollte allerdings genau nachrechnen. Denn viele Einnahmen fließen unabhängig von der gesetzlichen Pflegeversicherung, weshalb die Lücke kleiner ausfallen könnte als ursprünglich kalkuliert. Wer während des Arbeitslebens pflegebedürftig wird, kann eventuell Leistungen aus der gesetzlichen Erwerbsunfähigkeits- oder der privaten Berufsunfähigkeitsversicherung erwarten, vielleicht auch aus einer Unfallversicherung.

Und nach der Pensionierung gibt es die gesetzliche Rente, außerdem oft private Zusatzversorgungen und finanzielle Rücklagen. „Eine Pflegezusatzversicherung ist oft ein finanzieller Schutz für die Erben, nicht für einen selbst“, sagt denn auch der unabhängige Versicherungsmakler Helge Kühl.

Lohnt es sich eher, einen Pflege-Bahr oder einen ungeförderten Tarif abzuschließen? €uro hat das in einem dritten Schritt untersucht (keine Tabellen).

Ergebnis: Pflege-Bahr bietet verglichen mit ungeförderten Tarifen desselben Leistungsumfangs inklusive Zuschuss bei weniger Prämie das Gleiche. Das gilt über alle betrachteten Altersstufen hinweg. Und es existiert noch ein zusätzlicher Vorteil: Laut Gesetz dürfen die Pflege-Bahr-Anbieter keine Gesundheitsfragen stellen, Risikozuschläge erheben oder bestimmte Leistungen ausschließen. Selbst wer schwer erkrankt ist, bekommt also uneingeschränkten Schutz zum Einheitspreis. Bei ungeförderten Policen sollen Gesundheitsfragen dies ausschließen.

Die fehlende Gesundheitsprüfung ist allerdings auf lange Frist wohl ein monetärer Nachteil für Pflege-Bahr-Kunden. Falls sich viele Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen versichern sollten, würden die Ausgaben stark steigen — und damit die Prämien. Die Prämienhöhe ist nämlich nicht für die gesamte Laufzeit garantiert, und die Versicherer können sich bei höheren Kosten schadlos halten. Das gilt auch für ungeförderte Policen. Gebremst wird ein Anstieg lediglich durch Rückstellungen, die in jüngeren Jahren des Versicherten gebildet und im Alter aufgelöst werden.

Wer einem Prämienanstieg entgehen will, hat die Möglichkeit, eine Pflegerentenversicherung abzuschließen. Hier liegen die Prämien allerdings unverhältnismäßig höher als beim Pflege-Bahr, und es gibt keine staatliche Förderung. Jedoch fließt bei dieser Variante in den meisten Fällen auch dann Geld, wenn man nicht bis zum Vertragsende einzahlt. Wer beim Pflege-Bahr säumig ist, hat schnell jeden Anspruch auf Pflegeleistungen verwirkt.

Bleibt die Frage: Wie wahrscheinlich ist es, dass man eine Pflegezusatzversicherung irgendwann tatsächlich benötigt? Hier sprechen die Prognosen eine klare Sprache. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts soll sich die Zahl der Pflegebedürftigen in den kommenden Jahrzehnten fast verdoppeln — von derzeit 2,4 Millionen auf 4,5 Millionen im Jahr 2050. Daniel Bahr wäre zu diesem Zeitpunkt 74 Jahre alt. Die Wahrscheinlichkeit, dass er dann pflegebedürftig ist, liegt bei etwa einem Drittel. Es gab schon schlechtere politische Neuerungen als den Pflege-Bahr.

Hinweis: Die Tabelle "Pflege-Bahr-Tarif, Altersbeginn 60 Jahre" ist gegenüber der Version im Heft modifiziert. Die Allianz rutscht von Platz eins auf Platz zwölf, neuer Sieger ist die Debeka. Die Tabelle "Gesamtergebnis der Pflege-Bahr-Tarife" ist im Vergleich zur ersten Online-Version verändert. Die Allianz fällt von Platz neun auf Platz zwölf. Für sämtliche Tabellen gilt: Im Testdesign blieb unberücksichtigt, ob ein Versicherer während der Vertragslaufzeit den Anspruch auf Leistungen erhöht. Deshalb fand keinen Niederschlag, dass die DKV (Tarif „KombiMed“) nach 15 Vertragsjahren die Zahlungen bei Pflegebedürftigkeit automatisch aufstockt.

So lesen Sie die Tabellen (PDF)

Die Pflege-Bahr-Tarife im Überblick (als PDFs)
















Pflege-Bahr-Tarif, Altersbeginn: 18 Jahre

Pflege-Bahr-Tarif, Altersbeginn: 30 Jahre

Pflege-Bahr-Tarif, Altersbeginn: 40 Jahre

Pflege-Bahr-Tarif, Altersbeginn: 50 Jahre

Pflege-Bahr-Tarif, Altersbeginn: 60 Jahre

Hier gehts zum Gesamtergebnis der Pflege-Bahr-Tarife

Die Pflege-Bahr-Kombi-Tarife im Überblick (als PDFs)














Pflege-Bahr-Kombi-Tarif, Altersbeginn: 18 Jahre

Pflege-Bahr-Kombi-Tarif, Altersbeginn: 30 Jahre

Pflege-Bahr-Kombi-Tarif, Altersbeginn: 40 Jahre

Pflege-Bahr-Kombi-Tarif, Altersbeginn: 50 Jahre

Pflege-Bahr-Kombi-Tarif, Altersbeginn: 60 Jahre

Und hier finden Sie das Gesamtergebnis der Kombi-Tarife

Bildquellen: Sergii Korshun / Shutterstock.com
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