07.01.2013 03:00
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ING-DiBa-Chef: Uns Holländern sieht man einiges nach - dank Rudi Carrell

ING-DiBa-Chef über Holländer und Deutsche
Euro am Sonntag-Interview
Der Vorstandsvorsitzende der ING-DiBa,Roland Boekhout, über deutsch-niederländische Kulturunterschiede in Geschäft, Gesellschaft und im Privaten.
€uro am Sonntag

von Peter Schweizer, Euro am Sonntag

Während seiner Karriere als Bankmanager hat Roland Boekhout schon in einigen Ländern Station gemacht. Seit gut zwei Jahren steht sein Schreibtisch in der ING-DiBa-Zentrale unweit des Frankfurter Messegeländes. Und auch wenn Europa zusammenwächst — der Holländer Boekhout ist seit seinem Wechsel nach Deutschland auf manche Eigenheit ge­stoßen.

€uro am Sonntag: Herr Boekhout, was sind für Sie die augen­fälligsten Unterschiede bei der ­Zusammenarbeit in einem ­deutschen Unternehmen gegenüber einem niederländischen?
Roland Boekhout:
In deutschen Unternehmen geht es wesentlich formeller zu als in niederländischen, die Hierarchie spielt eine weitaus bedeutendere Rolle. Vorgesetzte erfahren automatisch mehr Respekt — wobei es bei der ING-DiBa deutlich lockerer zugeht als in manch anderen deutschen Unternehmen. Dies wissen unsere Mitarbeiter offensichtlich sehr zu schätzen — auch wenn sie zunächst überrascht sind, dass eine eher formlose Atmosphäre durchaus mit großer Disziplin verbunden sein kann.

Beobachten Sie auch Eigenheiten im Führungsstil?
Wer in holländischen Unternehmen in Diskussionen auf seine höhere ­Position verweist, löst direkt Gegenreaktionen aus. Was in Deutschland durchaus üblich ist, wirkt also in Holland extrem altmodisch. Hier erlebt man solche Situationen immer wieder. Da sagt schon mal eher ein Manager: Ich bin der Chef — so machen wir das.

Aber ist dies nicht seine Aufgabe?
Natürlich trifft letztlich auch in Holland der Chef die Entscheidungen, doch die Mitarbeiter erwarten, dass zunächst diskutiert wird. Aber frappant sind die Unterschiede nicht. Deutsche und Holländer kommen gut miteinander zurecht. Uns Holländern sieht man einiges nach — wahrscheinlich dank Rudi Carrell. Briten und Franzosen etwa neigen zur Schauspielerei, bevor es zum Geschäftlichen kommt. Das gibt es zwischen Holländern und Deutschen überhaupt nicht.

In welchem Land identifizieren sich die Beschäftigten stärker mit ihrem Arbeitgeber?
Die deutschen Mitarbeiter sind im europäischen Vergleich die loyalsten — die Fluktuation ist sehr gering. Das liegt an ihrer vielfach ein bisschen konservativen Einstellung — sie mögen keine Abenteuer. Niederländische Beschäftigte sind dagegen eher bereit, den Job zu wechseln.

Bedeutet dies auch eine geringere Arbeitsmoral? Dabei bauen die ­Niederlande doch auf eine calvinistische Vergangenheit, in der ­großer Wert auf Fleiß und Gewinnstreben gelegt wurde ...
(schmunzelt) Na ja, etwas davon ist noch zu spüren. Ich sehe da aber weniger einen religiösen als einen kulturellen Hintergrund. Nein, die Disziplin stimmt, Spaß ist Spaß und Arbeit ist Arbeit — wie in Deutschland.

Haben ältere Mitarbeiter in den Niederlanden bessere Chancen, ­ihren Job zu behalten?
Die Älteren in Deutschland haben es leichter. In Holland wird niemand nur aufgrund seines Alters mit Respekt behandelt.

Gibt es Fehler im Umgang mit ­Geschäftsleuten aus den ­Niederlanden, die Deutsche tunlichst vermeiden sollten?
Arroganz kommt bei Holländern ganz und gar nicht an, aber sonst sind sie sehr flexibel. Und die meisten wissen auch, dass sie Deutsche — anders als unter sich — besser nicht gleich duzen sollten. Niederländer legen tendenziell etwas mehr Wert darauf, zunächst eine Beziehung zu ihrem Gegenüber zu knüpfen, während Deutsche lieber gleich mit technischen Fragen beginnen. Schade ist allerdings, das der Deutschunterricht an den holländischen Schulen nicht mehr so verbreitet ist, wie es früher der Fall war. Es gab sogar die Aktion „Mach mit“ der deutsch-niederländischen Handelskammer‚ um diese Entwicklung zu stoppen.

Inwiefern unterscheiden sich, von der Größe einmal abgesehen, die Märkte für Finanzdienstleistungen hierzulande und in den Nieder­landen?
Der holländische Markt ist völlig anders aufgestellt. Dort spielen die Volksbanken und Raiffeisenkassen sowie die Sparkassen eine deutlich geringere Rolle als in Deutschland. Grundsätzlich unterscheidet sich der deutsche Bankenmarkt vom Ausland durch die nach wie vor extrem hohe Zahl von Banken. 2011 waren gut 2.000 Institute mit knapp 38.000 Zweigstellen aktiv. Bäckereifilialen gibt es lediglich 30.000. Diese In­effizienz ist schon erstaunlich.

Aber fehlt den holländischen Bankkunden nicht die Filiale an der nächsten Ecke?
Kürzlich sagte mir eine deutsche Dame in den Fünfzigern, dass sie noch nie einen Geldautomaten genutzt habe, sondern Bargeld stets am Schalter abhebe. Ich konnte das kaum glauben. Wieso braucht man heute noch Filialen? Bei Firmenkunden kommen die Berater ohnehin ins Haus. Auch Privatkunden besuchen in Holland nur noch selten eine Filiale. Wir finden das altmodisch. Ich zum Beispiel war schon seit Jahren in keiner mehr. In Holland werden Bankgeschäfte in der Regel per Internet erledigt, aber dort ist die ­Internetnutzung auch deutlich verbreiteter als in Deutschland. Mein Eindruck ist, dass die Holländer bezüglich der Auswahl von Bankdienstleistungen oder Geldanlagen weiter sind. Sie verzichten deutlich häufiger auf persönliche Beratung und entscheiden lieber selbst.

Die Tulpenspekulation im Holland des 17. Jahrhunderts gilt als Mutter aller Blasen. Gehen Ihre Landsleute mit der aktuellen Finanzmarktkrise anders um als die sehr kritischen Bundesbürger?
Na ja — an die Tulpenblase können sich doch wohl nur die wenigsten Holländer erinnern. Scherz beiseite: Das Image des Bankerberufs hat in Holland genauso durch die Krise gelitten wie hierzulande. Die Diskussion um den Euro wird in den Niederlanden allerdings anders geführt, da sich die Holländer in einer Beobachterrolle befinden. Deutschland dagegen nimmt an der Entscheidungsfindung teil. Und meiner Meinung nach geht Deutschland auf europäischer Ebene sehr verantwortungsvoll mit dieser Rolle um — professionell, gründlich und ehrlich. Ich würde es begrüßen, wenn Deutschland den Chefaufseher für Europa stellen würde.

In Fragen des Gesundheitssystems werden die Niederlande oft als Vorbild genannt. Doch hatte die große Reform 2006 zur Folge, dass das duale System mit gesetzlichen Krankenkassen und privaten ­Versicherungen aufgelöst wurde. Brachte dies aus Ihrer Sicht Ver­besserungen?
Grundsätzlich ist es immer ein Vorteil, wenn ein Kunde die Wahl hat zwischen mehreren Anbietern oder wenn sich ein Patient zwischen privater und gesetzlicher Kranken­versicherung entscheiden kann. So müssen die Holländer heute erst den Hausarzt aufsuchen, um die Überweisung zu einem Spezialisten zu erhalten. Dies bedeutet, gleich zweimal auf einen Termin warten zu müssen — fürchterlich. In Deutschland kann ein Privatpatient direkt zum Facharzt gehen.

Was hat sich seit der Reform sonst noch verändert?


Niederländische Flagge
Auch die Wahl des Krankenhauses ist eingeschränkt, und auf nicht lebensbedrohliche Operationen, etwa am Meniskus, muss man manchmal mehrere Monate warten. Beim Hausarzt haben die Patienten oft das Gefühl, schnell abgefertigt zu werden. Und auch in Holland steigen die Kosten für das Gesundheitssystem trotz der Einschränkungen immer weiter an. Selbstverständlich muss in einer modernen Gesellschaft jeder eine gute medizinische Versorgung erhalten können — egal wie hoch sein Einkommen ist. Aber es sollte die Möglichkeit geben, für mehr Geld zusätzliche Leistungen zu erhalten.

Dass Holland, gemessen am Brutto­inlandsprodukt, nach den USA weltweit die höchsten Gesundheitsausgaben hat, bestätigten gerade Zahlen der OECD. Wie halten Sie es denn persönlich als Vater von vier Kindern, wo sind Sie krankenversichert?
Die Familie Boekhout lebt schon seit einigen Jahren im Ausland. Das holländische System ist daher auf uns nicht anwendbar. Deshalb bin ich bei einer internationalen Gesellschaft privat versichert.

Eine letzte Frage, Herr Boekhout: Sind Ihnen seit Ihrem Umzug nach Deutschland besonders unterschiedliche Verhaltensweisen im privaten Umgang aufgefallen?
Ich bin immer wieder überrascht, wie diszipliniert sich die Deutschen auch in ihrer Freizeit verhalten. Das empfinde ich teils als komisch. Wenn ich beispielsweise sonntagmorgens um halb acht Brötchen für die Familie hole, sehe ich, wie Passanten an roten Fußgängerampeln warten, obwohl weit und breit kein Auto kommt. Das beobachte ich fast jedes Wochenende — ob es regnet oder schneit. Während ich auf dem Fahrrad die Ampeln ignoriere, kann ich mir ein Kopfschütteln dann meist nicht verkneifen.

zur Person:

Roland Boekhout
ING-DiBa

Seit 1991 ist Roland Boekhout für die niederländische ING Group tätig. Wechselnde Posi­tionen brachten den Bankmanager unter anderem in die Vereinigten Staaten, nach Mexiko und nach Polen. Seit dem 1. Oktober 2010 ist er Vorstands­vorsitzender der ING-DiBa, der größten deutschen Diektbank. Er ist Mitglied des Banking-Management-Teams der ING Group und gehört zum Leadership Council, dem Gremium der Top-20-Manager des Konzerns. ­Boekhout, Jahrgang 1963, studierte Betriebswirtschaft in ­Rotterdam und Fontainebleau.

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