aktualisiert: 30.09.2012 23:21

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€uro am Sonntag

KFZ-VERSICHERUNG

Autoversicherung: Abzocke im Alter


Autofahrern über 60 Jahre drohen rasant steigende Prämien bei der KFZ-Versicherung. Wie Senioren gute Policen finden.

von Uwe Schmidt-Kasparek

Ungebremst fuhr eine Frau Anfang September auf einen Gehweg in Wuppertal und verletzte zwölf Menschen, teilweise lebensgefährlich. Die 80-Jährige hatte die Gewalt über ihr Auto verloren. Der Unfall warf wieder einmal die Frage auf: Sollten alte Menschen noch Auto fahren?

Längst haben Kfz-Versicherer auf die starke Zunahme von Seniorenunfällen reagiert. Ältere Autofahrer zahlen deutlich mehr für ihre Autoversicherung. Seit 2012 wird das Alter marktweit durchgängig eingepreist. Doch die Versicherer wehren sich mit Händen und Füßen gegen das Wort „Seniorenzuschlag“.

Doch was ist es sonst? Die Allianz verlangt von einem 85-jährigen im Vergleich zu einem 60-jährigen Mercedes-Fahrer aus Hamburg einen Aufschlag von mehr als 150 Prozent. Während der „junge“ Senior lediglich 407 Euro für den Tarif „Mein Auto“ berappen muss, will die Allianz vom betagten Senior 1027 Euro pro Jahr für die Autohaftpflicht- und Vollkaskoversicherung haben.

Auch andere Versicherer greifen bei alten Fahrern zu. Marktführer HUK-Coburg gibt sich mit 38 Prozent fast schon bescheiden. Je nach Fahrzeug schwanken die Seniorenzuschläge. So liegt der Aufschlag des 85-Jährigen im Vergleich zum 60-Jährigen beim Allianz-Tarif „Mein Auto“ bei einem VW Golf VI bei rund 142 Prozent und bei einem BMW X3 bei 91 Prozent.

Die statistische Wahrheit: Gut 1,5 Millionen Menschen über 75 besitzen einen Führerschein. Darunter 208.000, die älter als 85 Jahre sind, und über 45.000 Menschen, die über 90 sind — Tendenz steigend. Die Folgen zeigen sich in der Unfallstatistik. „Nach unseren Berechnungen ist das Risiko, einen Unfall mit Toten und Verletzten zu verschulden, bei den über 75-Jährigen schon höher als bei den jungen Fahrern zwischen 18 und 24 Jahren“, erklärt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer.

Aber wie können rüstige Fahrer sparen? Einen Zuschlag für Senioren gibt es bei selbst verschuldeten Unfällen — also in der Kfz-Haftpflicht- und Vollkaskoversicherung. „Demgegenüber gibt es bei der Teilkasko oft sogar einen Bonus“, sagt Ivana Höltring vom Marktbeobachter Nafi. Wer kein neues, teures Auto hat, für den lohnt sich also die Teilkasko.

Zudem gibt es am Markt Unterschiede von bis zu 70 Prozent. Wer eine günstige Versicherung sucht, kommt an Online-Vergleichsportalen nicht vorbei. Er sollte aber auf mindestens zwei Portalen rechnen oder einen Makler einschalten. Der findet zwar nicht immer den günstigsten Direktanbieter, dafür aber einen Tarif, der den Wünschen des Kunden entspricht.

Auf den „Seniorenzuschlag angesprochen, reagieren die Versicherungen unterschiedlich. „Einen speziellen Zuschlag für Senioren gibt es bei uns nicht“, behauptet Christian Weishuber. Gleichzeitig sagt der Allianz-Sprecher, dass „das Alter der Versicherungsnehmer und der Fahrer einen Einfluss auf die Prämie hat“. Vollkommen verschlossen gibt sich die HDI-Gerling: Der Einfluss des Alters auf die Prämie gehöre zu den „Interna unseres Hauses“.

Versicherer bleiben meist vage
Bei der LVM heißt es, man erhebe keinen Zuschlag, folge aber einer Empfehlung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), das „Nutzeralter differenziert“ zu berücksichtigen. Anders die HUK-Coburg. Sie bestätigte Zuschläge. Auch DEVK und Generali geben zu, dass in die Tarife ein Zuschlag einfließt.

Die R + V will so fein kalkulieren, dass die Tarife für Alte auch günstiger sein könnten. Das scheint aller Statistik zu widersprechen. So ist der vom GDV ermittelte Zuschlag für einen 82-Jährigen höher als der eines 18-jährigen Fahranfängers. Alterszuschläge würden ab rund 70 Jahren beginnen, bestätigt Marco Morawetz von der Kölnischen Rück.

Fahrverbot durch die Hintertür
Grünen-Verkehrsexperte Arndt Klocke plädiert für einen Gesundheits-TÜV alle zwei Jahre. „Wir setzen auf Aufklärung und auf bessere Selbsteinschätzung der Senioren“, so Matthias Knobloch vom Automobilclub ACE. Für 180 Euro bietet der TÜV-Süd eine unverbindliche und anonyme Beratung mit Reaktions- und Praxistest. „Selbst zwei Unfälle im Jahr können bei einem 85-Jährigen noch Zufall sein“, sagt TÜV-Sprecherin Heidi Atzler. Doch solche Zufälle sind richtig teuer.

Unauffällige Senioren fahren trotz Zuschlag mit hohem Schadenfreiheitsrabatt günstiger als junge Fahrer. Doch wenn es knallt, geht die Prämie inklusive des Alterszuschlags hoch.

Beispielsweise kostet nach einem Schaden bei der Allianz ein VW Golf einen unfallfreien 60-Jährigen 398 Euro, einen 85-Jährigen 1253 Euro. Diese hohen Belastungen können sich Menschen mit niedriger Rente nicht mehr leisten. So könnte sich der Seniorenzuschlag als Fahrverbot durch die Hintertür entpuppen.
Der Alterszuschlag in Zahlen (pdf)


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Kommentare zu diesem Artikel

belfegore schrieb:
29.09.2012 15:12:26

Abzocke durch Lobby-Arbeit. Warum müssen Zoos teuergeld für Rindfleisch zahlen. Wieviele Unfälle mit über 70 jährigen mit welcher Schadenshöhe gab es 2011? Warum führt man nicht das sozialverträgliche Ableben je nach Krankheitsbild ab 70 ein? Wer sich weigert, wird nach Kasachstan megriert.

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