05.04.2013 17:00
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Managementkultur: Mehr Muße wagen!

Meinung
„Ora et labora“, eine Zusammenfassung der Benediktsregel, ist Ausdruck der im Mittelalter beginnenden Hochachtung des Arbeitsethos. Doch das sinnvolle Gleichgewicht von Beruf und Freizeit geht immer mehr verloren.
€uro am Sonntag

von Anselm Bilgri, Gastautor von Euro am Sonntag

Ein Lieblingsbegriff von Managern ist „Prozesse“. Wenn etwas schiefgelaufen ist, man aber niemanden persönlich verantwortlich machen kann oder will, dann müssen eben die Prozesse verbessert werden. Und wenn alles normal läuft, also einwand- und fehlerfrei, dann sowieso. Kaum ein Unternehmen, ob gut oder schlecht geführt, ob sehr oder wenig profitabel, verzichtet heute auf Exzellenzprogramme. Die produzieren rasch Hunderte Folien und kosten Tausende Stunden Arbeitszeit, sei es direkt durch die Vorbereitungen und Meetings der Exzellenzteams oder indirekt durch die Verunsicherung, die viele dieser Programme in der Belegschaft erzeugen. Denn jeder weiß, was meistens ihr Ziel ist: mehr Effizienz, weniger Fehler, mehr Umsatz, weniger Kosten.

In ständiger Ergebnisoptimierung besteht natürlich das legitime Interesse eines Unternehmens, doch beruht sie nach meiner Überzeugung allzu häufig auf einem grundlegenden Missverständnis: Wer allenthalben Prozesse optimieren will, denkt sich das Unternehmen wie eine riesige Maschine, die geölt werden muss, in der das eine oder andere Zahnrad auszutauschen ist und womöglich die Betriebsspannung zu erhöhen, um den Output zu erhöhen.

Überforderung der Mitarbeiter
schadet Unternehmenserfolg

Zum Problem wird diese Sichtweise, wenn Unternehmen immer weniger von mechanisch gleicher Handarbeit abhängen, stattdessen aber immer stärker vom Engagement, vom Wissen und von der Kreativität ihrer Mitarbeiter. Von Menschen also, die ihren Job begeistert oder frustriert machen können. Die morgens mit Freude und Ideen an ihren Arbeitsplatz gehen — oder gleichgültig und innerlich gekündigt. Die Energie ins Unternehmen bringen — oder deren Job ihnen Energie und Gesundheit raubt. Ich habe manchmal das Gefühl, dass durch Überforderung —gleich ob diese objektiv belegt oder subjektiv empfunden ist — und Zeitdruck den Menschen die Freude am gemeinsamen Tun, am gemeinsamen Ziel, das man im Unternehmen hat, verloren geht. Das schlägt sich auch im Privatleben nieder und führt dazu, dass Menschen immer unzufriedener werden, immer weniger leistungsfähig bis hin zum Burn-out.

Sicherlich: Unternehmen können Mitarbeiter austauschen, doch anders als Zahnräder, um im Bild zu bleiben, nicht in großem Maßstab, ohne die Leistung anderer zu beeinträchtigen. Und natürlich können Vorgesetzte ihre Mitarbeiter auch ein wenig ölen, mit einem guten, also die Leistung anerkennenden Gehalt, doch das allein wird nicht genügen, wenn diese ihren Job als ein ständiges Beschleunigen und Verdichten erfahren, als ein Optimieren um des Optimierens willen, oft genug ohne Sinn und Verstand. So fördert andauernde Prozessverbesserung in Unternehmen häufig genau das Gegenteil des ursprünglich Angestrebten. Noch schlimmer finde ich übrigens, dass dieses Denken inzwischen weit über die Berufswelt hinausgreift, dass wir Schulausbildung und Studiengänge beschleunigen und immer strategischer auf die Ökonomie hin ausrichten. Dabei übersehen viele Führungskräfte einen wesentlichen Punkt: Wir sind keine Zahnräder, keine Prozessoren und keine Software. Wir benötigen einen für uns passenden Rahmen, der nicht nur aus Leistung bestehen darf.

Dass zur An- immer auch Entspannung gehören muss, darauf hat schon der heilige Benedikt in seiner Mönchsregel großen Wert gelegt und den Tagesablauf strikt in Beten und Arbeiten eingeteilt: „Ora et labora.“ Heute spricht man zwar viel von Work-Life-Balance, aber bei vielen Freizeitaktivitäten habe ich meine Zweifel, ob es sich dabei um „ora“ oder doch eher um eine weitere Form von „labora“ handelt: Marathon, Triathlon, Alpenüberquerungen und Wüstentouren sind en vogue. Wer aber wagt zuzugeben, dass er faulenzt, rumhängt, einfach nichts tut?

Der heute etwas antiquiert klingende Begriff der Muße meint die Freiheit von allen äußeren Anforderungen für eine gewisse Zeit und damit den Freiraum für sich selbst: für Kreativität, für Spiritualität, für neue Impulse, neuen Sinn. Solche Momente der Muße wieder neu zu entdecken und einzuüben ist gerade in einer beruflich wie privat so extrem beschleunigten Zeit wie der unseren nach meiner Überzeugung unabdingbar für ein gesundes und sinnerfülltes Leben. Dieses neue Erlernen von Muße ist für viele unserer Kunden alles andere als Müßiggang, denn es kann eine harte Übung sein, sich wieder diesen Freiraum zu schaffen. Versuchen Sie doch mal, nur zehn Minuten still und mit geschlossenen Augen zu sitzen und nichts zu denken! Tragen Sie sich in Ihren Terminkalender mal für eine halbe Stunde statt eines Meetings ein: „nichts“. Und tun Sie das dann auch. Seien Sie mutig und wagen Sie mehr Muße!

Wir tun heute so, als sei es ein Naturgesetz, dass alles immer schneller, dichter, gedrängter, zeit- und geldoptimierter wird. Dabei hat Muße die abendländische Kultur genauso geprägt wie das hohe Arbeitsethos, dem der moderne Mensch verpflichtet ist. Heute erleben wir, dass jeder gut verdienende Manager noch mehr als andere zeigen muss, wie beschäftigt oder überbeschäftigt er ist. Viele beziehen sogar ihren Selbstwert darüber.

Wenn ich aber in mir ruhe, meinen Selbstwert aus meinen Gedanken, Ideen, Emotionen beziehe, wenn ich nicht nur das sehe, was ich (geleistet) habe, sondern was und wie ich innerlich bin, dann ist das gesünder. Hierfür wieder die Empfänglichkeit zu schulen, die Achtsamkeit für sich selbst und aus verschiedenen spirituellen und philosophischen Traditionen Ansatzpunkte aufzuzeigen, ist auch das Ziel unserer neuen Akademie der Muße. Es geht uns darum, neue Zugangswege zu eröffnen, um herauszufinden, was wirklich wichtig für das eigene Leben ist.

Management-by-Loslassen
als neue Führungskultur

Meine Erfahrung als Geschäftsführer sagt mir, dass solche innerlich ruhigen, ausbalancierten Menschen auch im Job kreativer und leistungsstärker sind. Hier sind sie als Vorbilder gefragt, als Führungskräfte, die in das Unternehmen hineinwirken und die Balance von An- und Entspannung auch im Job überzeugend praktizieren. Übersetzt in eine dieser beliebten Formeln könnte das dann heißen: „Management-by-Loslassen“. Abschalten, sich zurücknehmen, abgeben, Dinge auch mal gut sein lassen.

Genau hier könnte eine kluge Führungskultur ansetzen und neben allen Anforderungen des Jobs auch Freiräume zulassen oder sogar bewusst schaffen. Wieso stellen Unternehmen heute zwar überall hochwertige Espressoautomaten und Flipperkästen auf, während Ruheräume mit Liegen und sanftem Licht die ganz große Ausnahme bleiben? Wieso gehen Teams gern in Hochseilgärten, aber nicht in die Pinakothek, die Philharmonie — oder einfach nur spazieren? Ist das naive Utopie? Oder effizienzorientiertes Personalmanagement? Wenn es das wäre, könnte es meinetwegen auch so heißen auf den Folien der Human-Resource-Workshops.

zur Person:

Anselm Bilgri, Geschäftsführer
der Akademie der Muße
Der Autor war bis 2004 Benediktinermönch, Cellerar und Prior des Klosters Andechs. Heute bezeichnet er sich als „Gratwanderer zwischen Kirche und Welt“ und beschäftigt sich als Vortragender, Buchautor und Coach mit dem Brückenschlag von Philosophie und Religion zu Wirtschaft und Gesellschaft.
Anfang des Jahres hat Bilgri mit dem Anwalt, Coach und systemischen Berater Nikolaus Birkl sowie dem ehemaligen Franziskanerprovinzial und psychologischen Berater Georg Reider die Akademie der Muße gegründet. Sie wendet sich mit speziellen Angeboten an Manager und Führungskräfte sowie an Angestellte in Unternehmen oder Branchen mit hohem Stresspotenzial.

Bildquellen: Darren Baker / Shutterstock.com
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