von A. Hohenadl, P. Gewalt und A. Höß, €uro am Sonntag
Gold loves Bernanke“, vermeldete die US-Finanzwebsite Business Insider am Mittwoch. Unter dieser Zeile ein Tageschart mit der Entwicklung des Goldpreises. Darauf zu sehen: ein Sprung von 1506 auf 1527 US-Dollar – innerhalb von nur viereinhalb Stunden.
In der Tat haben Goldanleger derzeit allen Grund, Ben Bernanke, den Chef der amerikanischen Notenbank Fed, zu lieben. Denn am Mittwoch verkündete er, dass die Fed den Leitzins noch für längere Zeit nahe null belassen werde. Zudem wird die Notenbank auch künftig US-Staatsanleihen kaufen. Zwar nach Ende Juni nicht mehr mit neuem Geld, aber die Rückflüsse aus auslaufenden Papieren werde sie reinvestieren.
Kein Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik also. Daran ändern auch die gestiegenen Inflationsrisiken nichts, die der Fed-Chef in der abendlichen Pressekonferenz kleinzureden versuchte. Bis dahin hatten Investoren längst ihren Zweifel an Bernankes Ansichten kundgetan – indem sie in Gold flüchteten und den Dollar auf Talfahrt schickten.
Doch letztlich ist die jüngste Preisspitze bei dem Edelmetall nur die spektakuläre Bestätigung eines bereits länger andauernden Trends. Je mehr das Vertrauen vieler Menschen – nicht nur in den USA – in ihre Währung sinkt, je mehr sie an der Fähigkeit ihrer Regierungen zweifeln, die gewaltigen Schuldenberge abzutragen, je wahrscheinlicher eine Geldentwertung durch hohe Inflation wird, desto begehrter ist die Fluchtwährung Gold.

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Allein seit Ende Januar hat sich der Preis für eine Unze um 17 Prozent auf rund 1,535 Dollar verteuert. Noch viel beeindruckender ist die Rally bei Silber. Dort sind die Notierungen seit Anfang 2011 um etwa 60 Prozent auf derzeit rund 48 Dollar pro Unze gestiegen. Noch im Oktober 2008 wurde Silber zu gut neun Dollar je Feinunze gehandelt. Wer sich damals mit dem Edelmetall eindeckte, hat bis heute einen Wertzuwachs von mehr als 440 Prozent erzielt.
Die enormen Preisanstiege sowohl bei Gold als auch bei Silber lassen mittlerweile die Sorge vor einer Blase wachsen. Zumindest bei Silber sind die Ängste begründet. Das Edelmetall, das sich von allen Rohstoffen in diesem Jahr bisher am besten entwickelt hat, ist im Vergleich zu Gold extrem teuer geworden. Mit einer Unze Gold kann man aktuell 31 Unzen Silber kaufen. Das ist das niedrigste Verhältnis seit 1983. Auch gegenüber Rohöl oder Aktien ist Silber unverhältnismäßig stark gestiegen.
Der Blick auf die relative Preisentwicklung liefert ein gutes Indiz, dass die Bewertung fundamental nicht mehr gerechtfertigt ist. Denn zunehmend wird Silber von der Investmentnachfrage getrieben, sprich von Anlegern, die angesichts von Krisen und Inflationsängsten einen sicheren Hafen suchen. Nach Daten des Beratungsunternehmens GFMS haben Anleger im vergangenen Jahr 62 Prozent der Neuproduktion aus den Silberminen abgenommen.
Doch das derzeit starke Engagement von Investoren macht das Edelmetall anfällig für Rückschläge. Carsten Fritsch, Rohstoffanalyst bei der Commerzbank, hält einen Preisrutsch in die Region von 30 Dollar für möglich. Gemessen an der reinen Industrienachfrage, läge der Silberpreis ohnehin bei nur etwa 20 Dollar. In der vergangenen Woche gab es bei dem Metall bereits einige Rücksetzer, bevor der Preis nach der Fed-Entscheidung wieder kräftig anzog und kurzzeitig sogar das Rekordhoch von 1980 bei 49,45 Dollar knackte.
Dass die Anleger mittlerweile auch mal Gewinne mitnehmen, zeigt die Entwicklung bei den börsengehandelten Silberfonds: „Dort gab es bis zuletzt zwar hohe Zuflüsse, aber zwischendurch immer wieder auch beträchtliche Abflüsse“, so Fritsch. Per saldo fließe den Silber-ETFs aber noch immer Anlegergeld zu. Der Trend lasse sich mit „zwei Schritte vor, einer zurück“ umschreiben, so der Rohstoffanalyst.
Obwohl Silber gern „der kleine Bruder von Gold“ genannt wird, sind es in der Regel doch andere Einflussfaktoren, die den Preis bestimmen. Rund die Hälfte der Silbernachfrage stammt aus der Industrie. Die klassische Anwendung im Fotografiebereich ist mittlerweile zwar nahezu bedeutungslos geworden. Doch dafür gibt es Wachstumstreiber wie die Fotovoltaikindustrie oder neue Anwendungen im Medizin-, Nahrungsmittel- oder Hygienebereich. All das knüpft Silber eng an die Konjunkturentwicklung. Sollte sich die Weltwirtschaft abkühlen, wird das stärker auf den Silber- als auf den Goldpreis durchschlagen.
Bei den Notierungen für das gelbe Edelmetall scheint das Ende der Fahnenstange dagegen noch nicht erreicht. Unterstützung erhält der Goldpreis durch die weltweiten Inflationssorgen. Der Anstieg der Teuerungsraten ist längst nicht mehr nur auf die Schwellenländer begrenzt, sondern erfasst zunehmend auch Industrienationen. Doch die Notenbanken erhöhen die Zinsen entweder nur zaghaft (etwa die EZB Anfang April) oder sie warten weiter ab wie die Fed. Allerdings dürften selbst moderate Zinserhöhungen der Attraktivität von Gold kaum schaden, solange das um den Kaufkraftverlust korrigierte Zinsniveau, die Realzinsen, weiter niedrig ist oder gar im negativen Bereich liegt.
Auch dürfte sich der Vertrauensverlust der Anleger in Papierwährungen – sowohl in der Eurozone als auch den USA – weiter fortsetzen. Vor allem nach dem Warnschuss der Ratingagentur Standard & Poor’s im Hinblick auf die US-Bonität und hartnäckig kursierende Umschuldungsgerüchte im Fall Griechenlands.
Ein wesentlicher Preistreiber für Gold sollte allerdings nicht übersehen werden: der schwache US-Dollar. Seit Mitte Februar hat er maßgeblich zum Anstieg der Notierungen beigetragen. Das beweist ein Blick auf den Goldpreis in Euro, der seit rund zwei Monaten in einem Band zwischen 1.000 und 1.050 Euro seitwärts tendiert. Aktuell liegt der Goldpreis in Euro gut drei Prozent unter dem Allzeithoch vom Ende vergangenen Jahres bei 1.070 Euro. Für Anleger ist es vor diesem Hintergrund also durchaus sinnvoll, etwa in einen währungsgesicherten ETC zu investieren, der eine Abwertung des US-Dollar größtenteils auffängt.
Insgesamt dürfte das Umfeld für Gold weiterhin positiv bleiben, solange die welt- und wirtschaftspolitische Unsicherheit anhält. Dazu kommt eine deutliche Erholung der Schmucknachfrage, für die vor allem China und Indien sorgen. Und seit vergangenem Jahr treten Zentralbanken das erste Mal seit 1988 wieder als Nettokäufer auf dem Goldmarkt auf. „Vor allem Notenbanken aus den Schwellenländern sind aktiv“, sagt Rohstoffanalyst Fritsch.
Aber auch institutionelle Anleger investieren zunehmend in Gold. Deutsche Versicherer haben jetzt die Möglichkeit, bis zu fünf Prozent des gebundenen Vermögens in Rohstoffe zu stecken. Vorher hatte die Obergrenze von fünf Prozent für alternative Anlageformen insgesamt gegolten, erklärt Philip Knüppel, Rohstoffspezialist der Deutschen Bank.
Und wie hoch kann der Goldpreis vor diesem Hintergrund noch steigen? Aus Sicht der Deutschen Bank bis 2.000 Dollar pro Unze, „bevor wir das Ganze als Übertreibung oder Blasenbildung sehen“, so Knüppel. Mal sehen, wie schnell Bernanke und Co das schaffen.
Physisches Gold/Silber: Handfeste Absicherung
Ein Kilo Gold bleibt immer ein Kilo Gold“, sagt David Reymann, der beim Edelmetallhändler Pro Aurum für den Vertrieb zuständig ist. „Unsere Kunden wollen etwas Handfestes, um ihr Vermögen gegen Inflation, Finanzkrisen oder sogar Währungsreformen abzusichern.“
Physische Edelmetalle sind eher etwas für konservative Anleger, die ihr Geld schützen wollen. Sie finden etwa bei Pro Aurum oder MP Edelmetalle seriöse Angebote. Anleger, die auf steigende Kurse setzen wollen, können das etwa mit ETCs günstiger. Denn beim physischen Handel werden höhere Gebühren fällig. Verkauft man beispielweise Goldbarren, muss man je nach Barrengröße mit einem Abschlag von zwei bis sechs Prozent rechnen. Und wer sein Gold nicht unter seinem Bett versteckt, zahlt Lagerkosten.
Anleger, die ihr Vermögen gegen Krisen absichern wollen, sollten Münzen aus Großserien und Goldbarren kaufen. Beide sind eng an die Wertentwicklung der Edelmetalle gekoppelt und gut handelbar. Dabei gilt die Faustregel: Mit Münzen zahlt man, Barren hortet man.
Besonders beliebtes alternatives Zahlungsmittel: Silbermünzen wie die Wiener Philharmoniker, die knapp über 30 Euro kosten. Anders als Silberbarren, auf denen die volle Mehrwertsteuer lastet, werden Silbermünzen nur mit sieben Prozent besteuert. Der Steuervorteil summiert sich etwa bei 33 Philharmonikern gegenüber einem Kilo Silber bereits auf rund 100 Euro. „Silberbarren sind nur zum Briefebeschweren und für Cocktails geeignet“, sagt Reymann. „Silber ist antibakteriell, kühlt gut und verwässert das Getränk nicht.“
Fast ebenso gefragt wie Silbermünzen sind Goldbarren in kleinen Portionen zwischen 50 und 250 Gramm. Der Vorteil gegenüber Silber: Gold ist steuerfrei. Lediglich bei extrem teuren oder historischen Münzen fallen sieben Prozent Mehrwertsteuer an. Unter den Anlagemünzen ist der Südafrikanische Krügerrand am bekanntesten. Mit einer Unze Gewicht kostet er etwas über 1.000 Euro. Wie bei Silbermünzen ist die Auswahl groß. Der Preis wird von drei Faktoren bestimmt: Material, Verarbeitung und Verfügbarkeit.
Seltene Sammlerstücke und Serien sind für den Vermögenserhalt dennoch weniger sinnvoll. Serien müssen komplett sein, um hohe Preise zu erzielen. Und man sollte sich im Münzwesen auskennen, um sich an historische Stücke zu wagen. Sehr seltene und hochwertige Sammlungen können aber bei Auktionen hohe Preise erzielen – wenn man nicht zu sehr an der Kollektion hängt und sie überhaupt verkaufen will.
Bildquellen: Creativ Collection