18.03.2013 03:00
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Börsen-Doktor Weber: "Man muss sich selbst überlisten"

Bernd Weber
Euro am Sonntag-Interview
Wissenschaft: Liegt Risiko in den Genen? Bernd Weber, Professor am Zentrum für Ökonomie und Neurowissenschaften Bonn, über das Zusammenspiel von Biologie und Erfolg an der Börse.
€uro am Sonntag

von Birgit Wetjen, Euro am Sonntag

Als Mediziner untersucht Bernd Weber, warum wir uns in Gelddingen so entscheiden, wie wir es tun. Ein Interview über den Wohlfühlfaktor beim Lotto, die richtige Altersvorsorge und Teufelskreise am Aktienmarkt.

€uro am Sonntag: 80 Euro sofort oder 300 Euro mit einer Chance von 50 Prozent?
Bernd weber:
Ich würde ganz klar die 300-Euro-Chance wählen.

Erstaunlich. Sie sind nicht besonders groß. Ihre Kollegen haben nachgewiesen, dass kleinere Menschen nicht nur weniger glücklich, sondern auch weniger risikofreudig als große Menschen sind …
(lacht) Wie immer bei solchen Untersuchungen. Was für die Masse stimmt, ist nicht auf das Individuum zu übertragen …

Aber es gibt ein Gen für Risiko­toleranz?
Es ist unwahrscheinlich, dass es ein Gen gibt, das mich zum Risikojäger oder zum guten Finanzinvestor macht. Insgesamt ist die Wissenschaft heute skeptischer als noch vor Jahren, dass es angesichts unendlich vieler Gene genau eines gibt, das für eine bestimmte Ausprägung verantwortlich ist. Vielmehr gibt es ein Zusammenspiel vieler Gen-Orte, die das Verhalten zusammen mit Umweltfaktoren beeinflussen.

Sie durchleuchten Menschen mittels Magnetresonanztomografie (MRT). Welche Erkenntnisse kann die MRT liefern?
Menschen sind biologische Wesen. Anhand der Durchblutung kann man erkennen, welche Gehirnregionen besonders aktiv sind — zum Beispiel dann, wenn wir Entscheidungen treffen. Im Scan zeigt sich, dass die Hirnregionen bei risikofreudigen und risikoaversen Menschen unterschiedlich aktiv sind. Es gibt also gewisse Grunddispositionen im Umgang mit Risiken. Das sagt natürlich erst einmal nichts darüber aus, ob man als Anleger erfolgreich ist.

Gier frisst Hirn, heißt es. Haben ­risikoaverse Anleger bessere Voraussetzungen als Anleger?
Das kann man so nicht sagen. Denn je nach Marktphase ist es sinnvoller, mehr oder weniger Risiko einzu­gehen. Aktuell spielt Gier beispielsweise gar keine Rolle. Seit Ausbruch der Finanz- und Staatsschuldenkrise sind viele Bürger verunsichert und verharren in einer Angststarre. Weil sie nicht wissen, was sie machen sollen, machen sie einfach nichts.

Das klingt vernünftig.
Es ist menschlich, vernünftig aber ganz sicher nicht. Denn aus Verunsicherung und Angst vor Verlusten machen die Bürger das, was garantiert Verluste bringt: Sie lassen ihr Geld auf dem Girokonto oder Festgeldkonto liegen und schauen zu, wie es angesichts negativer Realzinsen weniger wird.

Das Gehirn arbeitet über Botenstoffe. Kann man die nicht einfach so stimulieren, dass die Risikopräferenz steigt?
(lacht) Männer werden bei ihren Investments risikobereiter, wenn sie erotische Bilder sehen. Auch Parkinson-Patienten neigen zu erhöhten Risiken, weil Parkinson-Medikamente das Belohnungssystem stimulieren. Deshalb haben die Patienten ein erhöhtes Risiko, Süchte zu entwickeln, wie Sex-, Spiel- oder Esssucht. Als Doping für Investoren ist das also nicht zu empfehlen!

Kann ich mein Verhalten verändern, wenn ich meine Muster kenne?
Das Verhalten anzupassen, fällt schwer — zumal in Gelddingen. Das hängt damit zusammen, dass der Wohlfühlfaktor bei Entscheidungen eine wesentliche Rolle spielt. Je komplexer die Themen, desto eher neigen Menschen dazu, intuitiv zu entscheiden. Börse ist komplex — rund um die Uhr erhält man Informationen, die sich meistens auch noch widersprechen. Der Aktienmarkt wird deshalb oft als Kasino wahrgenommen. Ganz anders zum Beispiel beim Lotto.

Lotto ist also kein Glücksspiel?
Da dominiert der Gedanke, dass ein Gewinn, wenn auch mit geringer Wahrscheinlichkeit, möglich ist. Die kleine Wahrscheinlichkeit wird überschätzt. Der Einsatz gilt auch als Preis dafür, einen Kick zu erleben. Und wenn ein Gewinn dann auch noch möglich ist, wird Lotto positiv assoziiert — der Wohlfühlfaktor stimmt.

Welche Rolle spielen die Erwartungen an der Börse?
Sie spielen eine große Rolle, weil das Belohnungssystem nur dann aktiviert wird, wenn die Erwartungen übertroffen werden. Eine Studie aus den USA zeigt, dass sich durch unerwartete Gewinne die Risikobereitschaft erhöht — das kann schnell zu einem Teufelskreis führen. Das ist auch der Grund, warum monetäre Bonussysteme nie über einen längeren Zeitraum funktionieren. Das „Mehr“ wird vom Gehirn schnell eingepreist, ein Gefühl von Belohnung bleibt dann aus. Zu hohe erwartete Boni können sogar zu schlechteren Leistungen führen, weil die Nervosität dann steigt.

Gibt es eine Eigenschaft, die die Aussicht auf Erfolg erhöht?
Die Fähigkeit zur Impulskontrolle könnte zu diesen Faktoren gehören. In den 60er-Jahren wurden Vierjährige vor die Alternative gestellt, sofort einen Marshmallow zu nehmen oder aber abzuwarten, bis der Versuchsleiter zurückkommt, und für die Geduld dann zwei Süßigkeiten zu kassieren. Jahre später wurde der Werdegang der Kinder überprüft. Diejenigen, die als Kind warten konnten, waren selbstbewusster, entschlossener und auch bessere Schüler — ganz unabhängig von der Intelligenz.

Ist die Impulskontrolle auch bei der Geldanlage wichtig?
Auf jeden Fall. Bei der Altersvorsorge beispielsweise spielt die Zeitpräferenz eine entscheidende Rolle: Wir sollen heute auf etwas verzichten, um später eine Belohnung zu kassieren. Dazu kommt, dass der Ausblick auf das Altwerden nicht eben positiv ist und deshalb wenig motiviert.

Man muss sich selbst überlisten?
Ich fürchte, ja. Studien haben gezeigt, dass es zum Beispiel hilft, zukünftige Gehaltserhöhungen für die Altersvorsorge zu nutzen. Das tut weniger weh, weil man nichts hergeben muss — es entsteht also nicht das Gefühl eines Verlusts. Auf der anderen Seite könnte auch der Gesetzgeber die Weichen so stellen, dass die Impulskontrolle besser gelingt. In den USA beispielsweise geht automatisch ein Anteil des Einkommens für die Altersvorsorge ab, wenn man sich nicht dagegen entscheidet. In Deutschland muss man sich bewusst für die Altersvorsorge entscheiden. Untersuchungen zeigen aber, dass Vorsorge mit diesen sogenannten Opt-in-Verfahren schwerer fällt.

Welche Tricks gibt es noch?
Wer sich wirklich gar nicht mit Geldthemen beschäftigen möchte, sollte das an einen Profi delegieren. Für Selbstentscheider gilt: die Dinge visualisieren, Regeln definieren und sich daran halten.

Für viele Bundesbürger ist die ­Eurokrise ein Grund, nicht in ­Aktien zu investieren — obwohl die Profis gerade jetzt dazu raten. Warum tun sich Menschen mit dem ­Aktienrisiko so schwer?
Wir haben über Jahrzehnte gelernt, dass Bundesanleihen sicher sind und Aktien hohe Risiken bergen. Das kann man nicht so einfach ausradieren. Wir müssen uns aber klarmachen, dass wir uns in einer Staatsschuldenkrise befinden — Aktien ­guter Unternehmen könnten langfristig also nicht nur höhere Renditen abwerfen, sondern auch sicherer sein als Staatsanleihen. Ein Unternehmen ist nicht nur ein Börsenkurs, es produziert Werte. Auch hier hilft die Visualisierung. Stellen Sie sich einen Supermarkt in Zeiten turbulenter Börsen vor: Sind die Regale dann leer? Das hilft, um den Blick hin zu dem Sachwert und weg von den Börsenkursen zu lenken.

Können Ihre Ansätze Anlegern helfen? Wollen die sich überhaupt helfen lassen?
Eine individuelle Anlagestrategie muss exakt auf das jeweilige Risikoprofil abgestimmt werden, wenn der Wohlfühlfaktor stimmen soll. Versuche einer Sparkasse, für die Einschätzung psychologische Verfahren zu nutzen, wurden allerdings ­negativ aufgenommen — Kunden wollen sich offensichtlich nicht durchleuchten lassen. Das muss man so akzeptieren. Dennoch könnte die Hirnforschung bei dem Verständnis von Risikoprofilen sehr hilfreich sein. Denn in der Praxis stimmen Selbsteinschätzung und tatsächliche Risikobereitschaft nur selten überein.

zur Person:

Mediziner auf Abwegen
Bernd Weber studierte Humanmedizin in Bonn und promovierte über zentralnervöse Erkrankungen. Seit dem Jahr 2005 leitet er am Life & Brain Center die Abteilung für strukturelle und funktionelle Bildgebung des Gehirns. Er beschäftigt sich seit einigen Jahren zusammen mit Psychologen und Ökonomen intensiv mit der neuen Disziplin Neuroökonomie, den biologischen Grundlagen ökonomischen Entscheidungsverhaltens und ihren praxisrelevanten Fragestellungen. Er ist Mitbegründer und Vorstandsmitglied der zentralen Einrichtung Center for Economics and Neuroscience an der Universität Bonn.

Bildquellen: Uni Bonn
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