19.12.2012 15:51
Bewerten
(4)

Behavioural Finance - Selbstdisziplin und Haltedauer

Fidelity-Kolumne: Behavioural Finance - Selbstdisziplin und Haltedauer | Nachricht | finanzen.net
Selbstdisziplin und Haltedauer spielen bei der Aktienanlage eine große Rolle
Fidelity-Kolumne
DRUCKEN
Kapitalanlagen und Geduld waren noch nie die besten Verbündeten. Auch wenn wir die Absicht hegen, langfristig anzulegen, machen uns die eigenen Emotionen viel zu oft einen Strich durch die Rechnung.
von Andreas Feiden, Geschäftsführer Fidelity für das Privatkundengeschäft in Deutschland

„Wenn ich einen Bauernhof kaufe und fünf Jahre lang kein Wertgutachten erhalte, bin ich doch glücklich, solange der Betrieb läuft. Investiere ich in ein Mehrfamilienhaus und stelle fünf Jahre lang nicht den Wiederverkaufswert fest, bin ich auch zufrieden, solange es die Mieteinnahmen generiert, die ich erwarte. Aber wenn Menschen eine Aktie kaufen, schauen sie sich am nächsten Morgen den Kurs an und entscheiden, ob die Aktie gut läuft oder nicht. Das ist verrückt.“
Warren Buffet

Die wachsende Faszination, die täglichen Kursbewegungen am Aktienmarkt zu verfolgen, kann Anleger dazu bringen, vorschnell zu verkaufen oder zu häufig zu handeln. Hinter dieser Vorliebe für die schnelle Belohnung steckt eine Verhaltensweise mit einem eher technischen Namen: hyperbolische Diskontierung. Wie der Ökonom John Maynard Keynes schon Jahre, bevor der moderne Begriff geprägt wurde, feststellte, bedeutet dieses Phänomen, dass wir eine deutliche Vorliebe für sofortigen Konsum aufweisen, statt für Gewinne in der Zukunft.

Hyperbolische Diskontierung ist eine Erklärung dafür, warum es so schwierig ist, Menschen frühzeitig zur Altersvorsorge zu bewegen. Da die „Belohnung“ so weit in der Zukunft liegt, messen wir ihr weniger Wert bei. Oder anders ausgedrückt: Je länger wir warten müssen, desto weniger schätzen wir sie. Studien zeigen beispielsweise, dass die meisten Menschen eher heute 100 Euro einstecken würden als 200 Euro in zwei Jahren. Über einen Zeitraum von sechs Jahren würden sie jedoch 100 Euro abweisen und hätten lieber 200 Euro nach acht Jahren. Dafür gibt es keine rationale Erklärung: Dieser Kompromiss lässt sich auch auf andere Bereiche anwenden.

In Bezug auf den Faktor Zeit denken wir einfach nicht rational. Zeitpunkte in der Zukunft werden zu unkonkreten Ereignissen in weiter Ferne. Dieser Umgang mit Zeit erschwert unsere Wertschätzung künftiger Gewinne erheblich. Der Stellenwert der Altersvorsorge ist für einen 65-jährigen Mann offensichtlich, aber dem gleichen Mann in seinen Zwanzigern diese Notwendigkeit ohne Zeitmaschine klar zu machen, ist problematisch. So verschwenden viele Menschen wertvolle Jahre, in denen eine Geldanlage vom Zinseszinseffekt profitieren könnte.


Andreas Feiden
Ein Weg, dieses nur menschliche Fehlverhalten zu überwinden, liegt in verbindlichen Zusagen. Ähnlich wie bei einem Marathon, für den Menschen stärker trainieren, wenn sie sich öffentlich dazu verpflichten und etwa mit ihrer Teilnahme Geld für einen guten Zweck sammeln, können solche Zusagen auch bei der Geldanlage sehr hilfreich sein. Ein Sparvertrag im Rahmen einer betrieblichen Altersvorsorge ist ein gutes Beispiel einer verbindlichen Zusage. Man erhält das Geld erst bei Renteneintritt, und weil der Arbeitgeber das Geld in der Regel direkt aus dem Bruttogehalt überweist, hat er sogar steuerliche Vorteile: Ein 40-jähriger Arbeitnehmer, der jährlich 1500 Euro von seinem Bruttogehalt in eine Pensionskasse einzahlt, muss nur eine Reduzierung seines Nettoeinkommens um etwa die Hälfte der eingezahlten Summe hinnehmen. Hinzu kommt: Die Kosten für solche betrieblich organisierten Sparverträge sind in aller Regel niedriger als beim privaten Abschluss, die Rendite ist aber höher.

Bei Investmentfonds oder Direktanlagen in Aktien ist dagegen die Selbstdisziplin gefordert. Geld anlegen stellt die Geduld auf die Probe – aber Anleger weltweit scheinen immer weniger Geduld zu haben: Die Haltedauer von Aktien ist auf Rekordtiefs gesunken. 1940 betrug die durchschnittliche Haltedauer einer Aktie an der New Yorker Börse etwa sieben Jahre. Während der Technologieblase im Jahr 2000 fiel sie unter ein Jahr und betrug 2007 lediglich sieben Monate. Asiatische Anleger haben sogar noch kürzere Anlagehorizonte. Die Haltedauer einer Aktie an der Börse von Shanghai beträgt momentan nur sechs Monate.

Dabei zahlt sich eine Anlage in ein sorgfältig ausgewähltes Portfolio in erster Linie langfristig aus. Wenn der breite Markt immer kurzsichtiger agiert, gewinnt ein langfristiger Ansatz, bei dem man Unternehmen auf Basis ihrer zugrundeliegenden Geschäftsaussichten auswählt, sogar noch mehr an Attraktivität. Die erfolgreichsten Investoren der Geschichte haben schon immer den Grundsatz verfolgt, dass eine gute Titelauswahl plus Zeit eine wirksame Formel ist. Investorenlegende Warren Buffet bezeichnete seine favorisierte Haltedauer einer Aktie als „ewig“.

Lesen Sie auch: Behavioural Finance - Übertriebenes Selbstvertrauen

Weitere Artikel der Serie "Behavioural Finance"

Behavioural Finance - Auf dem Weg zum besseren Anleger

Behavioural Finance - Der Anker-Effekt

Behavioural Finance - Der Herdentrieb

Behavioural Finance - Repräsentativitätsheuristik

Behavioural Finance - Die Macht des Primings

Bildquellen: artur gabrysiak / Shutterstock.com
Anzeige
Anzeige
Börse Stuttgart Anlegerclub

Payment-Trend: Der Vormarsch von digitalen Zahlungsabwicklern

Im neuen Anlegermagazin lesen Sie, warum vor allem asiatische Unternehmen beim Mobile-Payment eine wichtige Rolle spielen und welche Aktien vom mobilen Bezahlen profitieren könnten.
Anlegermagazin kostenlos erhalten

Heute im Fokus

DAX fester -- Rocket Internet-Aktie fällt: Daten zu HelloFresh-IPO enttäuschen -- Desolate Lage von Air Berlin schlimmer als gedacht -- Toshiba mit Gewinnwarnung -- BMW, Infineon, Alno im Fokus

London steht vor erstem großen russischen Börsengang seit 2014. JOST Werke-Aktien auf Rekordstand. Philips steigert im dritten Quartal Gewinn dank guter Geschäfte in China. Rajoy kündigt Regierungsabsetzung in Katalonien an. Bürger in Norditalien stimmen für mehr Autonomie.

Top-Rankings

KW 42: Analysten-Flops der Woche
Diese Aktien stehen auf den Verkauflisten der Experten
Erster Job
Wo Absolventen am meisten Geld verdienen
KW 42: Analysten-Tops der Woche
Diese Aktien stehen auf den Kauflisten der Experten

Umfrage

Die CDU hat rund zwei Prozentpunkte bei der Niedersachsen-Wahl verloren. Nun fordern Konservative Merkels Rücktritt. Was halten Sie davon?

Online Brokerage über finanzen.net

Das Beste aus zwei Welten: Handeln Sie für nur 5 Euro Orderprovision* pro Trade unmittelbar aus der Informationswelt von finanzen.net!
Zur klassischen Ansicht wechseln
Top News
Beliebte Suchen
DAX 30
Öl
Euro US-Dollar
Bitcoin
Goldpreis
Meistgesucht
Deutsche Bank AG514000
Daimler AG710000
EVOTEC AG566480
BYD Co. Ltd.A0M4W9
Volkswagen (VW) AG Vz.766403
Apple Inc.865985
Scout24 AGA12DM8
GeelyA0CACX
CommerzbankCBK100
Infineon AG623100
Allianz840400
E.ON SEENAG99
Bitcoin Group SEA1TNV9
BASFBASF11
Nordex AGA0D655