von Carl Batisweiler, Stephan Bauer und Andreas Höß, Euro am Sonntag
Forscher des britischen Forschungsinstituts Climate Research Unit (CRU) sind die wesentlichen Datenlieferanten des Weltklimarats. Dessen Klimamodelle und Prognosen zur Erderwärmung sind Anlass für die Führer dieser Welt, in Kopenhagen die Industrialisierung 2.0 auszurufen. Klimaneutral soll in Zukunft auf der Welt gelebt und gearbeitet werden. Die Regierungschefs lassen sich in ihrer Entschlossenheit auch nicht dadurch beirren, dass, wie sich vor wenigen Tagen herausgestellt hat, die CRU-Forscher Daten manipuliert hatten, die nicht in ihre Modelle einer baldigen Erderwärmung passten. Wissenschaftler, die sich CRU-kritisch äußerten, wurden offensichtlich zudem systematisch verunglimpft.
Computerhacker hatten 3000 E-Mails des Instituts veröffentlicht. Der Skandal hat in den USA und England schon einen Namen: Climategate – Erinnerung an den Skandal, in dessen Verlauf der ehemalige US-Präsident Richard Nixon als Lügner entlarvt und in die Wüste geschickt wurde.
Klimawandel – eine Fälschung? Aus Investorensicht ist die wissenschaftliche Antwort auf diese Frage, so sie denn überhaupt möglich ist, für die nächsten Jahre belanglos. Die Politiker in Kopenhagen sind fest entschlossen, die Weltindustrie umzubauen – um das als Verursacher des Klimawandels ausgemachte Gas CO2 in Zukunft zu vermeiden.
Die Folgen für die Börsen? „Erst wenige börsennotierte Unternehmen haben wirklich realisiert, welcher immense Wandel mit der ,low carbon global economy‘ auf sie zukommt“, schreiben etwa die Analysten von Goldman Sachs in einer umfassenden Studie. Denn egal ob CO2 tatsächlich einen Klimawandel verursacht oder nicht, rund um den Globus werden Strafzahlungen für Emissionen sowie Gebühren für den CO2-Zertifikatehandel fällig und Produktionsprozesse umgewandelt.
Der Wert ganzer Branchen ändert sich in einer CO2-gesteuerten Weltwirtschaft. Egal, ob CO2-Steuern, der Handel mit Verschmutzungsrechten oder gar Produktionseinschränkungen die Bilanzen der Unternehmen belasten werden, ohne vollkommen neue Bewertungsmethoden werden Anleger kaum auskommen. Goldman-Sachs-Experten erwarten, dass eine riesige Umverteilungsmaschine entsteht: „Bei einem Preis von 60 Dollar je Tonne CO2 gehen wir davon aus, dass mehr als zehn Prozent des gesamten Cashflows von börsennotierten Unternehmen, deren CO2-Effizienz unter dem Durchschnitt liegt, übertragen wird“, erklären die Experten. „Und zwar hin zu den Unternehmen mit überdurchschnittlicher CO2-Effizienz.“ Rund 90 Prozent dieser Cashflow-Transfers, so die Analysten, werden sich in nur einer Handvoll Sektoren abspielen: Öl und Gas, Fluglinien, Transportwesen, Chemie, Minen, Stahl und Aluminium, Kraftwerke und andere Versorger. „Steigt der Preis über 60 Dollar je Tonne, wird dieser Effekt noch deutlich signifikanter.“
Wie teuer die Vermeidung von Treibhausemissionen ist – oder auch wie wertvoll für diejenigen, die beim Klimaschutz aktiv werden – lässt sich etwa an der Notierung der CO2-Emissionsrechte an der Leipziger Energiebörse EEX ablesen. Derzeit kostet das Recht zur Emission einer Tonne CO2 etwa 13 Euro.
Die Grundidee: Klimaschutz muss sich lohnen. Und darum müssen Unternehmen, die CO2 vermeiden, eine Ersparnis realisieren, und Firmen, die emittieren, etwas zahlen. Realisiert wurde diese Idee in der EU durch die Begrenzung des CO2-Ausstoßes mittels einer limitierten Ausgabe von CO2-Emissionsrechten in einem ersten Schritt für bestimmte Branchen – und durch die Schaffung eines Markts.
Mehr als zehn Billionen Dollar könnte der globale Emissionsrechtemarkt eines Tages wert sein. Schon bis 2030 könnten die dann womöglich auf weltweiten Begrenzungsschemata und globalem Handel beruhenden internationalen Preise laut Schätzungen sogar über 100 Euro pro Tonne liegen. Experten schließen nicht aus, dass der Wert der Emissionsrechte auf Sicht von Jahrzehnten etwa den Wert der weltweit geförderten fossilen Brennstoffe mit rund zehn Billionen Dollar um ein Mehrfaches übertreffen könnte. Dieser Karboneffekt wird auch Unternehmen und Branchen treffen, die an sich gar nicht CO2-lastig sind. „Die Veränderungen wirken auf die Wertschöpfungsketten aller Wirtschaftszweige und führen zu einer Umverteilung zwischen besser und weniger gut aufgestellten Unternehmen.
Von ihren Klimastrategien hängt die künftige Gewinnentwicklung aller Unternehmen ab“, erklärt Goldman-Analyst Andrew Howard. Denn beispielsweise über die Effizienz des Stahl- und Energieverbrauchs werden die Kostenrechnungen aller Industriezweige beeinflusst. Auf den Cashflow bezogen, wäre am stärksten der Maschinenbau betroffen (über 25 Prozent weniger), auch der Bereich Automotive und der Handel würden schwer leiden. Am wenigsten erwischt die Kohlendioxidkeule Branchen wie IT und Software (ein Prozent) oder Medizin (zwei bis drei Prozent).
Das kommende Karbonzeitalter birgt allerdings nicht nur Risiken für bestimmte Branchen, es entstehen auch gigantische Märkte und Chancen für Unternehmen, die sich auf die Folgen von Kyoto und nun Kopenhagen einstellen. Vor allem kleine, innovative Gesellschaften, die für die alte Industrie neue Produktionsverfahren entwickeln oder Güter aus -klimaneutralen Rohstoffen auf den Markt bringen, könnten schnell zu den Topperformern an den Börsen avancieren. Dennoch ist die Frage, welche Unternehmen und Branchen wie stark leiden oder profitieren werden, derzeit noch sehr schwer zu beantworten. „Letztlich stehen auch die Aktienmärkte lediglich am Anfang eines Einpreisungsprozesses“, sagt Goldman-Experte Howard.