von Wolfgang Ehrensberger, €uro am Sonntag
"Inspector Gadget" hieß eine US-Animationsserie in den 80er-Jahren. Die Hauptfigur, der gleichnamige Polizist, ist ein Cyborg, ein Mischwesen aus lebendem Organismus und Maschine. Dieser Inspector Gadget hat unter anderem eingebaute Sprungfedern in den Beinen, die ihn zu „sehr hohen Sprüngen und weichen Landungen“ befähigen.
Als Sky-Deutschland-Chef Brian Sullivan noch Manager beim britischen Bezahlfernsehsender BSkyB war, nannten sie ihn dort „Inspector Gadget“. Warum, das hat er jetzt auch in Deutschland gezeigt: Um über 300 Prozent ist die Sky-Deutschland-Aktie seit Oktober explosionsartig in die Höhe gesprungen, wenige Monate nach Antritt des Amerikaners im April 2010. Dabei galt der Bezahlfernsehsender noch im Sommer als Pleitekandidat. „Ich bin nicht naiv, die Herausforderung ist riesengroß“, sagte der in Philadelphia aufgewachsene Manager bei seinem Start.
Mit dieser erstaunlichen Performance steht Sky Deutschland an der Spitze einer ganzen Reihe von Medienwerten, die sich zuletzt überdurchschnittlich gut entwickelten. So schafften auch die Aktien von ProSiebenSat.1, Kabel Deutschland (KDG) oder Constantin Medien innerhalb weniger Monate Zuwächse von 20 bis 30 Prozent. Allgemeine Erklärungsversuche sind schwierig. Natürlich hängt der Boom mit der Konjunkturbelebung und anziehenden Werbeausgaben zusammen. Aber eben auch mit zunehmendem Interesse internationaler Anleger. „Vor allem Investoren aus dem angelsächsischen Raum haben zuletzt stark in deutsche Medienwerte investiert, weil sie mit einem nachhaltigen wirtschaftlichen Aufwärtstrend rechnen“, sagt Analyst Frank Neumann vom Bankhaus Lampe. Möglicherweise übt gerade Sky Deutschland auf diese Investoren einen besonderen Reiz aus, weil sie Bezahlfernsehen als profitables Geschäftsmodell kennen.
Profitiert vom Boom haben aber nahezu alle werbegetriebenen Medien, in erster Linie das Fernsehen – und das nicht nur, weil die klassischen Werbebudgets aufgestockt wurden. Vielmehr zeichnet sich der Trend ab, dass auch Online-Unternehmen ihre Werbung verstärkt in klassischen Medien schalten, um neue Kundengruppen zu erschließen – etwa der Online-Schuhversand Zalando. Wie lange dieser Trend anhält, lässt sich kaum abschätzen. Das trifft vor allem auf den Fernsehkonzern ProSiebenSat.1 zu, der schon eine sehr lange Aufwärtsphase an der Börse zurückgelegt hat.

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Seit dem Antritt von Vorstandschef Thomas Ebeling 2009 hat sich der Kurs mehr als verzehnfacht. „Die gute Aktienperformance ist zum großen Teil darauf zurückzuführen, dass sich der operative Gewinn und damit der Firmenwert wegen des Werbewachstums deutlich verbessert hat“, erläutert Commerzbank-Analyst Dirk Voigtlaender. „Die jüngsten Werbemarktdaten deuten auf eine Fortsetzung des Wachstums in diesem Jahr hin, wenn auch in etwas geringerem Maße.“
Als nahezu sicher gilt, dass die beiden Finanzinvestoren KKR und Permira 2011 ihren Rückzug aus dem Unternehmen einleiten werden. Der wahrscheinliche Verkauf der Anteile über die Börse könnte tendenziell den Kurs belasten. Gleichzeitig gibt es Überlegungen, die börsennotierten Vorzüge und die bislang nicht zum Handel zugelassenen Stammaktien zusammenzulegen. Dadurch könnte sich der Streubesitz verdoppeln, was ProSiebenSat.1 möglicherweise sogar den Weg in den DAX öffnet – und den Kurs weiter antreibt.
Während es die ProSiebenSat.1-Aktie mit einem Plus von zwei Prozent seit Jahresbeginn momentan etwas ruhiger angeht, haben die Titel von Constantin Medien bereits um 25 Prozent zugelegt. Dieser Wert hatte sich zuvor wegen laufender Restrukturierungen sehr volatil entwickelt. Die Mediengruppe betreibt den Sportkanal Sport 1, vermarktet mit dem Schweizer Sportrechtehändler Highlight die UEFA Champions League und ist mit Constantin Film auch in der Filmproduktion und Vermarktung unterwegs. Nach Einschätzung der DZ Bank greift inzwischen die Restrukturierung im Sportsegment, der Jahresauftakt sei vielversprechend gelaufen. Die Commerzbank verweist zudem auf den Wegfall von Sonderkosten. Dies alles könnte zu einer deutlichen Ergebnisverbesserung führen.

Kabel Deutschland: 2010 erfolgreich an die Börse gegangen
Weiter großes Potenzial hat der Kabelnetzbetreiber Kabel Deutschland, dem im März 2010 ein vorzeigbares Börsendebüt in schwierigem Umfeld gelungen ist. Die Aktie wurde zu 22 Euro platziert und hat diese Woche erstmals die 40-Euro-Marke überschritten. Zwar gilt der Markt für Internet-, Telefon- und Fernsehanschlüsse in Deutschland als gesättigt. Vor allem bei schnellen Internetverbindungen von bis zu 100 MBit pro Sekunde hat das Unternehmen aber einen technischen Vorsprung vor der Telekom, der weiteres Wachstumspotenzial eröffnet.
Mit drei Milliarden Euro ist die Verschuldung immer noch hoch, soll jedoch rasch zurückgeführt werden, wodurch das an sich profitable und stabile Geschäftsmodell voll zum Tragen käme.
Inspector Gadget hat unterdessen zumindest in Börsianerkreisen den großen Sprung geschafft: Sky-Deutschland-Chef Sullivan eilt bereits der Ruf eines Turnaround-Managers voraus. Zumindest scheint es ihm gelungen zu sein, das Kundenwachstum in der zweiten Hälfte 2010 auf eine stabile Basis zu stellen. Unterm Strich verbuchte Sky im Schlussquartal 2010 ein Plus von 131 000 Abonnenten und hat nun 2,65 Millionen Kunden.
„Das Unternehmen hat die Produktqualität deutlich aufgewertet und Neukunden attraktive Angebote unterbreitet“, erläutert Commerzbank-Analyst Voigtlaender. Höhere Kundenzufriedenheit habe auch die Kündigungsquote reduziert. „Sollte es gelingen, mit der Telekom, Kabel Deutschland und Unitymedia Vertriebsabkommen zu schließen, könnte das mittelfristige Ziel von drei Millionen Kunden schneller erreicht werden“, so Voigtlaender.
Den Beweis, dass Bezahlfernsehen in Deutschland profitabel betrieben werden kann, muss Sullivan allerdings noch erbringen. „Wir müssen noch viel verbessern“, sagte er vor wenigen Tagen auf einer Veranstaltung in München. „Wir verlieren noch immer viel Geld. Das müssen wir ändern.“ Zur Ausstattung seines Comic-Pendants zählt übrigens auch ein Frühwarnsystem.
Investor-Info
ProSiebenSat.1 - Rückzug von KKR und Permira
Weitere positive Impulse aus dem geplanten Verkauf von ausländischen Fernsehsendern sind möglich. Anleger sollten Veränderungen auf der Gesellschafterseite beachten: Die Finanzinvestoren KKR und Permira wollen sich zurückziehen. Zudem wird die Zusammenlegung von Stamm- und Vorzugsaktien erwogen – mit Perspektive DAX-Aufstieg. Erste Details könnte das Unternehmen bereits am 3. März nennen. Spekulativer Kauf.
Sky Deutschland - Wette auf Trendwende
Die 400-Millionen-Kapitalspritze von Rupert Murdoch schützt Sky zunächst vor weiteren Schwierigkeiten. Das operative Geschäft hat sich stabilisiert, das vierte Quartal 2010 lief besser als erwartet. Trotzdem steckt das Unternehmen noch tief in den roten Zahlen. Daher sollten Anleger die Entwicklung im ersten Quartal 2011 beobachten. Commerzbank und UBS halten Kurse von 3,50 bis fünf Euro für möglich. Ebenfalls spekulativ.
Constantin Medien AG - Aufholpotenzial
Die Constantin-Aktie ist bislang hinter anderen Medienwerten zurückgeblieben, hat aber seit Jahresbeginn deutlich an Tempo zugelegt. Die Restrukturierung im Sportsegment lässt auf eine Ergebnisverbesserung hoffen. Die Tochter Highlight – sie hält unter anderem die Rechte für die Champions League – gleicht einer Goldgrube. Auch bei der Produktionstochter Plaza Media sind die Auftragsbücher gut gefüllt.
Kabel Deutschland - Übernahmefantasien
Der Kabelnetzbetreiber ist im Moment die wohl am konsequentesten von Analysten empfohlene Medienaktie. Das Unternehmen wird zwar erst 2012 in die Gewinnzone kommen, hat aber ein äußerst effektives Geschäftsmodell, das hohe operative Margen generiert. Eine mögliche Übernahme des Kabelnetzbetreibers Kabel BW könnte zusätzlich Musik in die Aktie bringen.