30.01.2013 17:00

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Japan: Kickstart oder Strohfeuer?


Selbst erfahrene Beobachter reiben sich verwundert die Augen - aber der japanische Aktienmarkt zählt weltweit zu den stärksten Gewinnern der vergangenen zwei Monate. Warum das so ist und was Anleger nun von Japan erwarten dürfen.

von Max Holzer, Gastautor von Euro am Sonntag

Eigentlich hatten viele Anleger Japans Kapitalmarkt seit Langem abgeschrieben, da springt der Nikkei überraschend an. Hat Tokio nun den Kickstarter für eine anhaltende Aufwärtsphase gefunden? Oder handelt es sich nur um ein Strohfeuer?

Seit dem Platzen der Immobilienblase Ende der 80er-Jahre ist das Land von rückläufiger Teuerung (Deflation) und mäßigem Wachstum gekennzeichnet. Die jahrzehntelang regierende liberaldemokratische LDP hat über massive Konjunkturprogramme immer wieder versucht gegenzusteuern — ohne Erfolg. Das Ergebnis war ein starker Anstieg der Staatsverschuldung, aber keine Rückkehr des Wachstums. Die japanischen Kapitalmärkte dümpelten vor sich hin.

Was hat sich verändert? Zermürbt von den Problemen, setzte die damalige Regierung im Dezember 2012 Neuwahlen an. Aufgrund seiner Versprechen zur Überwindung der Malaise gewann der Herausforderer Abe von der LDP die Abstimmung. Seine Agenda sieht eine Kombination von Konjunkturhilfen und lockerer Geldpolitik, also das klassische LDP-Rezept, vor. Seit seinem Amtsantritt hat er den Worten erste Taten folgen lassen und für das laufende Fiskaljahr einen Nachtragshaushalt über 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts durch das Parlament gebracht. Darüber hinaus hat er angekündigt, die Notenbank zu einem expansiveren Kurs zu drängen, wenn nötig per Gesetz oder durch Personalwechsel. Ziel ist die Bekämpfung der Deflation und die Schwächung des Yen, dessen Stärke die exportlastige Wirtschaft in der Vergangenheit vor erhebliche Probleme stellte.

Es herrscht also eine neue Situation: Abe will die Währung gezielt schwächen, um die Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen. Und: Sein Druck auf die Bank of Japan (BoJ) zeigt Wirkung. Nach einer anfänglich noch zaghaften Erhöhung ihres Ankaufprogramms hat die Zentralbank zuletzt bekannt gegeben, künftig Staatsanleihen in unbegrenzter Höhe zu erwerben. Gleichzeitig wurde das Inflationsziel auf zwei Prozent verdoppelt. Die BoJ hat also die geldpolitischen Schleusen weit geöffnet. In Erwartung dieses Schritts wertete der Yen bereits im Vorfeld stark ab und verlor zwischen neun und zwölf Prozent gegenüber US-Dollar und Euro.

Währungsabwertung hilft den
Unternehmen beim Export

Der Effekt an Japans Rentenmarkt war zu vernachlässigen. Die Staatsanleihen des Landes sind seit Langem von niedrigen Renditen gekennzeichnet und damit für ausländische Anleger aufgrund der negativen Realverzinsung uninteressant. Aber: Für einheimische Investoren lohnt sich ein Engagement dennoch, da sie nicht mit steigenden, sondern mit fallenden Preisen konfrontiert sind. Im Ergebnis sind japanische Rentenpapiere überwiegend in inländischer Hand, für die der Außenwert der Währung keine Rolle spielt.


Max Holzer, Union Investment
Anders hingegen der Aktienmarkt. In den vergangenen Jahren hat die Tokioter Börse zumeist schlechter als andere Handelsplätze abgeschnitten. Seit Anfang Dezember bietet sich ein umgekehrtes Bild, vor allem wegen der Währungsabwertung. Sie bewirkt, dass japanische Unternehmen ihre Produkte im Ausland verkaufen billiger können und somit ihr Ertragspotenzial steigt. Kurssprünge waren die Folge. Dieser geldpolitische Rückenwind löst aber nicht den Kern des Problems: Das Potenzialwachstum Japans ist zu gering, unter anderem aufgrund der rasch voranschreitenden Überalterung der Bevölkerung. Zudem haben die Unternehmen ihre Innovationsfähigkeit häufig eingebüßt. Von politischer Seite bleiben Strukturreformen aus. Stattdessen liegt der Fokus bei den nun verabschiedeten Konjunkturpaketen auf dem Bausektor. Ob dadurch langfristige Wachstumsimpulse gesetzt werden, ist ungewiss. Bereits in der Vergangenheit hat dieser Weg nicht ans Ziel geführt. Es droht also ein Strohfeuer.

Das vorläufige Fazit zur neuen Regierung fällt daher gemischt aus. Lediglich in der Geld- und Währungspolitik hat eine grund­legende Verschiebung hin zu einem aggressiveren Kurs stattgefunden. Inwiefern dies japanischen Aktien — Renten bleiben auf Sicht für ausländische Investoren kein Thema — hilft, ist offen. Vor allem Exportwerte sollten von einer weiteren Yen-Schwäche profitieren. Aber selbst wenn die Aufwärtsbewegung in Lokalwährung anhält, bleibt der Anlageerfolg­ für den europäischen Investor offen. Denn: Vom wundersamen Nikkei-Anstieg seit Dezember sind in Euro gerechnet nur 1,7 Prozent übrig geblieben. Ein kraftvoller Kickstart sieht anders aus.

zur Person:

Max Holzer, Leiter der Asset
Allocation bei Union Investment

Holzers Aufgaben­spektrum umfasst das Multi Asset Management sowie die Convertibles & Derivates Strategy. Neben dem Portfoliomanagement der Multi Asset, ­Garantie-, Rohstoff- und Wandelanleihefonds legt sein Bereich die Strategie für die Asset Allocation der Union Investment Gruppe fest.
Die Fondsgesellschaft gehört zu den Volks- und Raiffeisenbanken und ist mit rund 190 Milliarden Euro verwaltetem Ver­mögen einer der größten deutschen Vermögensverwalter für private und institutionelle Anleger.

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