13.04.2017 19:31
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Degussa Goldhandel-Chefökonom Thorsten Polleit: "Wir gehen einem neuen Zinsexperiment entgegen"

Goldexperte im Interview: Degussa Goldhandel-Chefökonom Thorsten Polleit: "Wir gehen einem neuen Zinsexperiment entgegen" | Nachricht | finanzen.net
Goldexperte im Interview
Gold gewinnt momentan bei vielen Investoren wieder an Beliebtheit. Überteuert ist das Edelmetall aber noch nicht, meint Thorsten Polleit. Warum die Zinsexperimente der EZB dem Goldpreis helfen, aber für den Euro brandgefährlich sind, erklärt der Experte im finanzen.net-Interview.

Herr Polleit, man hört oft, dass sich Goldpreis und Aktienkurse gegenläufig verhalten würden. In letzter Zeit sind jedoch sowohl Goldpreis als auch Aktienmarkt gestiegen. Selbst die erste leichte Leitzinserhöhung der Fed konnte den Goldpreis nicht drücken. Was ist da los?

Thorsten Polleit: "Es kommt immer darauf an, welchen Zeitraum man betrachtet. Von den 70er Jahren bis heute sind sowohl die Aktienkurse als auch der Goldpreis gestiegen. Hier gibt es also eine eindeutig positive Korrelation zwischen beiden. Diese Entwicklung entsteht durch das ungedeckte Papiergeldsystem, in dem wir leben. In ihm werden alle Preise inflationiert, Aktien genauso wie Gold. In kürzeren Zeitabständen muss man hingegen differenzieren. Allerdings bezweifle ich, dass man aus kurzfristigen Bewegungen sinnvolle Anlageentscheidungen ableiten kann. Gold ist eine Währung mit Versicherungscharakter."

Also ist Gold weiterhin ein sicherer Hafen?

Thorsten Polleit: "Genau. Die Zentralbanken sind dabei, das ungedeckte Papiergeld und die in ungedecktem Papiergeld ausgewiesenen Zahlungsversprechen immer weiter zu entwerten. Das kann Ihnen mit Gold nicht passieren."

Welche Rolle spielen Donald Trump und die bevorstehenden Wahlen in Europa für Edelmetall-Investoren?

Thorsten Polleit: "Der Goldpreis bildet sich durch eine Vielzahl von Faktoren, die von den Entwicklungen in vielen Teilen der Welt abhängen. Europa ist da auch wichtig, hat aber nicht das alleinige Gewicht. Der Goldpreis ist seit 2013 in allen Währungen, in denen er berechnet wird, im Aufwind - außer in US-Dollar. Das liegt aber vor allem am Zinsumfeld. Wenn der Zins bei null liegt oder negativ wird, dann wird natürlich die Goldhaltung attraktiver. Gerade in den letzten Jahren konnte man beobachten, dass institutionelle Investoren über ETFs stärker als Nachfrager auf den Goldmärkten aufgetreten sind. Es gibt also Hinweise darauf, dass gerade der tiefe Zins den Appetit auf Gold gefördert hat. Diese Entwicklung halte ich für bedeutsamer als etwa den Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen oder der kommenden Wahlen in Europa."

Nun hat die Fed damit begonnen, die Zügel bei der Geldpolitik wieder etwas zu straffen. Wird die EZB bald folgen?

Thorsten Polleit: "Meiner Meinung nach gehen wir einem neuen Zinsexperiment entgegen. Das bisherige Zinsexperiment sah vor, die Zinsen bei relativ gemäßigter Inflation auf die Nulllinie oder unter die Nulllinie zu drücken, so dass der Anleger nach Abzug der Inflation eine negative Realrendite hat. Der künftige Kurs wird so aussehen wie in den 40er Jahren in den USA: Man lässt den Zins über die Nulllinie steigen und treibt dafür die Inflation in die Höhe, so dass nach Abzug der Inflation der Realzins immer noch negativ ist. Die EZB wird so handeln müssen, weil der Bankensektor mit Nullzinsen oder Negativzinsen langfristig nicht überleben kann. Für Anleger, die ungedecktes Geld und festverzinsliche Titel halten, ist das natürlich kein Grund zur Entwarnung."

Wie sollten Privatanleger auf diese Situation reagieren?

Thorsten Polleit: "Für mich gibt es zwei Anlageklassen, von denen ich glaube, dass ich sie persönlich handhaben kann: das Investieren in Aktien und das Halten von Gold. Wer sich entscheidet, liquide Mittel zu halten, der sollte sich überlegen, ob er die in US-Dollar, Euro, Schweizer Franken oder eben in der Währung Gold hält. Gold ist aber nicht direkt vergleichbar mit Unternehmensaktien. Unternehmensaktien sind Produktivkapital. Wenn ein Unternehmen erfolgreich ist, erzielt es eine positive Rendite auf das eingesetzte Kapital. Das ist auch der Grund, warum die Aktienkurse im Zeitverlauf in die Höhe steigen. Das wird verstärkt, wenn die Geldmenge wächst. Gold ist eine Währung, Gold hat diese interne Rendite nicht. Mein Rat: Wenn man von seinem Kapital zehn oder 15 Prozent in liquiden Mitteln halten will, muss man dann auch entscheiden, wie viel davon man in Gold hält."

Wie wird sich der Goldpreis in den nächsten Monaten entwickeln?

Thorsten Polleit: "Ich nenne ungern eine konkrete Zahl. Stattdessen versuche ich, die langfristige Entwicklung von Geldmenge, Zins und Einkommen zu betrachten und diese in Relation zum Goldpreis zu setzen. Die Frage lautet: Wo müsste der Goldpreis eigentlich stehen, wenn diese Relation stabil wäre? Wenn man sich das fragt, dann ist Gold momentan schon eher billig, beziehungsweise nicht überteuert, wie das 2011 der Fall war. Es macht keinen Sinn, Gold um jeden Preis zu kaufen. Wenn man Gold zu teuer kauft - oder eine Aktie oder ein Haus -, dann ist das kein gutes Investment. Wer einen Anlagehorizont von zwei bis fünf Jahren hat, der wird wahrscheinlich einen guten Schnitt machen, wenn er jetzt Gold erwirbt."

Sie bezeichnen Gold als eine Währung und haben es in der Vergangenheit das "ultimative Zahlungsmittel" genannt. Was genau meinen Sie damit?

Thorsten Polleit: "Wenn man auf die Währungsgeschichte blickt, dann sieht man, dass die Menschen früher Sachgeld verwendet haben. Erst Salz oder Muscheln, später dann Edelmetalle. Edelmetalle haben nämlich alle Eigenschaften, die ein Gut braucht, damit es als Geld verwendet werden kann: Sie sind unter anderem knapp, homogen und haltbar. Im Wettbewerb um eine gute Währung haben die Edelmetalle daher immer am besten abgeschnitten. Die ungedeckten Währungen, die wir heute haben, sind nur durch staatlichen Betrug in Umlauf gekommen. Durch einen Enteignungsakt. Unser Geldsystem wäre gar nicht denkbar, wenn es nicht einmal eine Verankerung mit Edelmetallen gegeben hätte. Es ist zu befürchten, dass das ungedeckte Papiergeldsystem nicht dauerhaft funktionieren kann. Die natürliche Konstante in der monetären Architektur weltweit ist das Gold. Wenn es einmal richtig kracht, und zwar stärker als zuletzt, dann gibt es nur noch einen sicheren Hafen. Dann sind Bankeinlagen, Anleihen und auch Aktien nicht mehr sicher. Es wird dann nur noch wenige sichere Medien geben. Deshalb komme ich zu dem Schluss, dass Gold das ultimative Zahlungsmittel ist. Fahren Sie doch zum Beispiel nach Shanghai und legen Sie einen Krügerrand auf den Tisch. Die wissen sofort, um was es sich da handelt."

Wird der Euro also auf längere Sicht wieder einer goldgedeckten Währung weichen müssen?

Thorsten Polleit: "Die internationale Geldarchitektur ist im Umbruch. Immer mehr Menschen erkennen, dass das staatliche Fiat-Geld ökonomische und ethische Defekte hat. Einige haben es sich bereits zur Aufgabe gemacht, ein besseres Geld anzubieten. An dieser Stelle sei die Kryptowährung Bitcoin genannt, es gibt aber auch andere mögliche Konkurrenten. Unser ungedecktes Papiergeldsystem ist wie eine monetäre Planwirtschaft. Es wird zusammenbrechen, so wie die Regime Osteuropas zusammengebrochen sind. Es ist nur eine Frage der Zeit. Es ist daher wünschenswert, dass sich der Wettbewerb möglichst früh entfalten kann und die Menschen die Möglichkeit haben, das Geld zu wählen, das ihren Vorstellungen am besten entspricht. Mit den Technologien, die es heute gibt, und dem vermutlichen Potenzial der Blockchain ist es sehr gut vorstellbar, leicht und praktikabel, ein goldgedecktes und per iPhone handhabbares Geldsystem zu schaffen."

Kryptowährungen sind momentan allerdings noch extrem schwankungsanfällig. Was müsste passieren, damit beispielsweise Bitcoins als Zahlungssystem wirklich funktionieren?

Thorsten Polleit: "Der Bitcoin-Preis bildet sich durch Angebot und Nachfrage. Die Veränderungen im Bitcoin-Angebot sind relativ gering, das Angebot ist nach oben begrenzt. Was schwankt, ist die Nachfrage. Die Menschen sehen, dass der Bitcoin steigt und kaufen ihn, er fällt und sie verkaufen ihn wieder. Die Nachfrage ist also noch nicht stabil. Das ist aber auch nichts Ungewöhnliches. Jede Innovation, die auf den Markt kommt, muss sich am Anfang erst einmal durchsetzen. Nur weil der Bitcoin-Preis Schwankungen unterliegt, sollte man daraus nicht schließen, dass er ungeeignet ist, sich möglicherweise als Geldangebot zu etablieren."

Bildquellen: Degussa Goldhandel GmbH

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