02.03.2015 03:00
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Glücksforscher Ruckriegel: "Investieren Sie in Freiheit!"

Euro am Sonntag-Interview: Glücksforscher Ruckriegel: "Investieren Sie in Freiheit!" | Nachricht | finanzen.net
Euro am Sonntag-Interview
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Der Glücksforscher Karlheinz Ruckriegel über die Irrtümer der Volkswirtschaftslehre, die neuen Strömungen der Wirtschaftspolitik und wie Geld zu unserem Glück beitragen kann.
€uro am Sonntag
von Gisela Baur, Euro am Sonntag

Seit 1995 forscht und lehrt Professor Karlheinz Ruckriegel an der Technischen Hochschule Georg Simon Ohm in Nürnberg. In seinem kleinen Büro im zweiten Stock eines schmucklosen Zweckbaus nahe des Hauptbahnhofs erklärt er, warum er die Glücksforschung für die Zukunft der Wirtschaftswissenschaften hält.

€uro am Sonntag: Glücksforscher - das klingt schillernd. Wird diese Fachrichtung von anderen Volkswirten denn richtig ernst ­genommen?
Karlheinz Ruckriegel:
Als ich 2005 begonnen habe, mich mit Glücksforschung zu beschäftigen, galt das eher als eine Nische in unserer Disziplin. Mit der Finanzkrise hat sich das aber geändert. Heute ist die Glücksforschung Mainstream. Es gibt mittlerweile den zweiten UN-World-Happiness-Report, der OECD-Better-Life-Index beobachtet seit 2011 die ­Situation in allen OECD-Ländern. Die EU-Kommission arbeitet an einer "Beyond GDP Initiative". ("Jenseits des Bruttoinlandsprodukts"; Anmerkung der Redaktion). Und die Bundesregierung ist dabei, ein Indikatoren- und Berichtssystem zur Lebensqualität in Deutschland als Grundlage für die Politik zu entwickeln.

Worum geht es eigentlich dabei?
Wie immer in der Ökonomie geht es darum, aus knappen Ressourcen möglichst viel zu machen. In der Glücksforschung gehen wir davon aus, dass die knappe Ressource unsere Zeit ist und dass "möglichst viel" ein gelingendes Leben bedeutet.

In der Wirtschaftswissenschaft ist es bisher aber doch vor allem um die Maximierung von Einkommen gegangen.
Einkommen ist für uns nur Mittel zum Zweck. Wir wissen: Wenn die materiellen Grundbedürfnisse ab­gedeckt sind, trägt noch mehr Einkommen kaum etwas zu mehr Zufriedenheit bei, weil wir uns einfach mit unseren Ansprüchen nach oben anpassen. Diese Erkenntnisse sprengen natürlich die gängigen neoklassischen Modelle der Volkswirtschaft komplett. Denn hier gilt: "Mehr ist immer besser als weniger."

Aber die Neoklassik hat die vergangenen Jahrzehnte geprägt und die Wirtschaftspolitik und die Unternehmen dominiert?
Das hat sich erst mit der Finanzkrise geändert. Die Neoklassik war ja auch mit Schuld an dieser Krise, weil sich alle an den Modellen orientiert und an sie geglaubt haben. Zumindest die Politik hat aber ihre Lehren aus der Finanzkrise gezogen. Auch in den Unternehmen hat ein Umdenken eingesetzt. Natürlich müssen sie Gewinne machen, aber das ist eben nur ein Aspekt; neben anderen, wie Nutzen zu bringen für die Gesellschaft, die Umwelt, die Mitarbeiter.

Firmen wie Google oder Amazon sind auch für Steuervermeidung, schlechte Behandlung von Mitarbeitern oder mangelnden Datenschutz bekannt. Ist Rücksicht nur theoretisch erfolgreich?
Das alles sind ja verhältnismäßig junge Unternehmen, die in dieser Zeit des Neoliberalismus groß geworden sind. Die Diskussion hat erst nach der Krise so richtig Fahrt aufgenommen. Es dauert eine gewisse Zeit umzukehren. Langfristig sind kooperative Unternehmen erfolgreicher. Und die Konsumenten sind ­bewusster geworden. Kein Unternehmen kann sich auf Dauer einen weltweiten Aufschrei wegen Missständen leisten.

Immerhin lieferten die Wirtschafts­wissenschaften exakte Messungen und Orientierungen. Können wir darauf verzichten?
Was nützt es, wenn ich ein Wirtschaftswachstum errechne - übrigens auch mit vielen Schätzungen und Vermutungen - und die Zahl, die ich dann habe, in keinem Zusammenhang mit dem steht, um was es eigentlich geht? Das Ziel ist nicht mehr Bruttoinlandsprodukt, sondern ein gelingendes Leben und Wohlbefinden. Indikatoren für die Politik braucht es aber natürlich.

Welche Indikatoren liefert denn die Glücksforschung?
Glück oder besser Wohlbefinden ist subjektiv, steckt also in jedem Menschen oder eben nicht, und ist von außen nicht messbar. Dass heißt schlicht: Sie müssen die Menschen fragen und genau das ist der Ansatz. Für den Better-Life-Index fragt die OECD etwa die Lebenszufriedenheit ab, auf einer Skala von null - ganz und gar unzufrieden - bis zehn - ganz und gar zufrieden. Dann setzt sie die Werte mit Faktoren wie Bildung, Gesundheit, gute Arbeit, soziales Zusammengehörigkeitsgefühl, Umwelt und so weiter in Verbindung. Derzeit bemüht sich die OECD, diese Befragungen weltweit zu standardisieren.

Sind das verlässliche Ergebnisse?
Diese Methode liefert starke, belastbare Ergebnisse, auf deren Grundlage die OECD inzwischen ihre wirtschaftspolitischen Empfehlungen ausspricht. In Deutschland etwa ­geben zwei Drittel der Bevölkerung Zufriedenheitswerte von sieben und besser an. Aber: Ein Drittel der Menschen liegt bei sechs oder weniger Punkten.

Warum?
Dafür gibt es, neben starken gesundheitlichen Beeinträchtigungen klar identifizierbare Gründe: Dass sie in den unteren Einkommenskategorien leben, kaum Einfluss auf den Verlauf ihres Lebens haben, kaum Wertschätzung erfahren, aber auch keine Perspektiven für die Kinder sehen, aus dieser Lage herauszukommen. Da setzt die OECD an und fordert mehr Bildungsgerechtigkeit, anständige Löhne und ein faireres Steuersystem, damit wir das alles auch bezahlen können.

Sind wir aber letztlich nicht vor ­allem selber für unser Glück ­zuständig?
Glück in unserer Definition ist nicht Zufallsglück wie ein Lottogewinn und teilt sich in zwei Aspekte. Es geht einerseits um emotionales Wohlbefinden. Das ist messbar im Verhältnis zwischen positiven und negativen Gefühlen im Tagesdurchschnitt. Drei zu eins sollte hier jeder mindestens anstreben. Andererseits geht es um das kognitive Wohlbefinden, also um die Frage: Wie zufrieden bin ich mit meinem Leben vor dem Hintergrund der Ziele, Wünsche und Erwartungen? Das wird üblicherweise auf einer Skala von null bis zehn gemessen. Hier sind die Rahmenbedingungen wichtig. Aber wie man sich seine eigenen Ziele setzt, ist ­persönlich und wesentlich für die Lebenszufriedenheit.

Gibt es denn falsche Ziele, denen man folgen kann?
Ja, wenn sie zum Beispiel unrealistisch sind. Mein Scheitern wäre programmiert, wenn ich mit meinen 57 Jahren anstrebe, erfolgreicher Fußballprofi zu werden. Ihre Ziele müssen realistisch sein und werthaltig. Und ganz individuell. Da geht es um persönliches Wachstum, gelungene zwischenmenschliche Beziehungen und Beiträge zur Gesellschaft. Andere Ziele wie Geld, Schönheit und Popularität machen kaum zufrieden. Sie setzen Sie nicht nur einer brutalen Vergleichbarkeit aus. Sie sind auch hohl und vergänglich.

Ist Geld eine Zutat zum Glücks­rezept?
An allererster Stelle stehen gelungene soziale Beziehungen, dann in gleicher Wichtigkeit psychische und körperliche Gesundheit, eine befriedigende Tätigkeit - egal ob Arbeit, ein Ehrenamt oder auch Muße - und das Gefühl, Sie können selbst Ihr ­Leben gestalten. Geld kommt am Schluss. Aber das heißt nicht, dass es keine Bedeutung hat. Bis zu einem bestimmten Einkommen ist es sehr wichtig. Wobei diese Grenze individuell ist und die Menschen ihre ­Ansprüche nach oben schrauben können.

Dann ist der richtige Umgang mit Geld am Ende doch ein Weg zu mehr Glück?
Wir wissen aus weltweiten Vergleichen: Sobald die wichtigen Dinge abgedeckt sind, kommt es mehr auf die materielle Sicherheit an. Aber natürlich gibt es einige Tipps: Sparen ist wichtig, auf keinen Fall sollten Sie sich verschulden. Gehen Sie sorgfältig mit Konsum um. Das Motto lautet "Genießen statt Konsumieren". Güter auf Pump vermindern das Glücksgefühl. Kaufen Sie sich Erfahrungen statt Dinge. Ein Kurztrip mit jemanden, der Ihnen wichtig ist, ist besser als ein größeres Auto. Investieren Sie in Freiheit. Zum Beispiel, indem Sie mehr Miete zahlen um die Pendelzeit zum Arbeitsplatz zu verringern. Und das Wichtigste: Stecken Sie Zeit oder Geld in andere Menschen.

Kurzvita

Glücklicher Forscher

Erste Zweifel an der gängigen Volkswirtschaftslehre überkamen Karlheinz Ruckriegel schon während seines Studiums in Bayreuth. Dennoch schlug er zunächst eine klassische Akademikerlaufbahn ein, mit Promotion in Bayreuth und einer Tätigkeit als Volkswirt bei der Deutschen Bundesbank. 1995 wechselte er als Professor an die Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm, wo er 2005 durch Sir Richard Layards Buch "Die glücklich Gesellschaft" auf die Glücksforschung kam. Heute ist der 57-Jährige ­einer der bekanntesten Glücksforscher Deutschlands.
Bildquellen: Steffen Giersch/Technische Hochschule Nürnberg

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