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23.02.2015 03:00
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Ökonom Stelter: "Irgendwann knallt’s"

Euro am Sonntag-Interview: Ökonom Stelter: "Irgendwann knallt’s" | Nachricht | finanzen.net
Daniel Stelter
Euro am Sonntag-Interview
Der Ökonom Daniel Stelter will eine Vermögensabgabe, um die Schulden in der Eurozone abzubauen - sonst würden die Reichen noch mehr verlieren.
€uro am Sonntag
von Alexander Sturm, Euro am Sonntag

Nein, linken Enteignungsparolen verdächtig ist Daniel Stelter nicht gerade. 23 Jahre arbeitete er als Unternehmensberater für die Boston Consulting Group, bevor er ausstieg, um sich als Berater und Buchautor mit Schulden und Finanzkrise zu befassen. Nur leider sieht er schwarz für die Eurozone. Faktisch sei sie pleite, sagt Stelter - und spielt in der Theorie eine radikale Idee durch. Bevor es zum großen Knall kommt, wäre es doch besser, mit einer geordneten Vermögensabgabe die Eurozone zu retten. Freilich nicht ohne zu betonen, dass er gar nicht neidisch auf Reiche sei. "Eine Steuer würde mich ja selbst treffen", sagt er - und beginnt dann, sich in Fahrt zu reden.

€uro am Sonntag: Herr Stelter, Sie schlagen zur Rettung der Eurozone eine Vermögensabgabe vor. Geht es nicht ohne Enteignung?
Daniel Stelter:
Wir erleben eine Überschuldungskrise. Will man Schulden abbauen, sinken im gleichen Umfang die Vermögen. Die Frage ist nur: Wie werden die Schulden abgebaut? Über Zwangsabgaben wie in Zypern, die Zahlungseinstellung der Schuldner oder einen geordneten, steuerfinanzierten Prozess? Die Vermögensbesitzer unterliegen einer Illusion: Ein guter Teil ihrer Forderungen kann und wird nicht ordentlich bedient werden.

Warum denn nicht? Wie sieht Ihre Diagnose aus?
Das ist keine normale Krise. In allen Euroländern außer in Deutschland sind die Schulden von Privaten und Staaten zwischen 2000 und 2008 viel schneller gewachsen als die Wirtschaft. In Irland stieg die Verschuldung relativ zum Bruttoinlandsprodukt um 221 Prozent, in Griechenland und Spanien fast um 150 und in Portugal um 89 Prozent. In der Finanzkrise 2008 haben Regierungen und Notenbanken einen Kollaps mit noch mehr Schulden verhindert. Heute haben wir es mit einem ungebremst wachsenden Schuldenturm zu tun, während die Notenbanken billiges Geld als Zement hineinpumpen. In Deutschland denken viele, die Krise sei vorbei. Sie ahnen gar nicht, wie schlimm es ist.

Welche Möglichkeiten gäbe es, um die Schulden abzubauen?
Option eins ist Sparen. Das funktioniert vielleicht in einzelnen Ländern. Schweden hat in der Bankenkrise der 90er-Jahre die Krone drastisch abgewertet, die Exporte angekurbelt und sich aus der Krise herausgearbeitet. In der Eurozone können Länder nicht abwerten. Und die Schuldenstände sind zu hoch, als dass Heraussparen funktionierte. Italien hat etwa einen Haushaltsüberschuss. Trotzdem steigt die Verschuldung relativ zur Wirtschaftsleistung, weil Wachstum fehlt.

Das wäre der zweite Weg ...
Genau, Wachstum würde helfen. Nur: Hohe Schulden bremsen das Wachstum. Zudem haben wir eine alternde Gesellschaft. Die Aussichten für Realwachstum sind gering. Höhere Inflation ist auch nicht in Sicht: Seit Jahren versuchen die Notenbanken, Inflation zu erzeugen. Doch das billige Geld führt nicht zu einer höheren Kreditvergabe. Die Realwirtschaft ist so hoch verschuldet, dass sie keine neuen Schulden aufnimmt. Es bleibt nicht mehr viel übrig außer Taschenspielertricks.

Was hätten Sie da auf Lager?
Die Europäische Zentralbank könnte jedem Bürger 10.000 Euro überweisen, statt Staatsanleihen aufzukaufen. Sie weiß, dass sie mit Anleihekäufen die Wirtschaft nicht beleben kann und auch nicht genug Inflation erzielt. Dass sie es trotzdem tut, deutet darauf hin, dass es um verdeckte Finanzierung von Staaten und Banken geht. Es wäre fairer, das Geld den Bürgern direkt zu geben. Das gäbe sofort einen Nachfrageeffekt, die Konjunktur belebte sich und Private könnten Schulden bedienen.

Aber nur die privaten Schulden, nicht die öffentlichen.
Gut, aber wenn die privaten Schulden teils getilgt würden, geht es den Banken besser, die Wirtschaft stabilisiert sich. Das hilft auch dem Staat. Oder ein anderer Trick: Anstatt dass Europa ein 300-Milliarden-Investitionspaket auflegt, könnte man sich Geld von der EZB leihen. Einige Billionen zu 0,05 Prozent, fällig im Jahr 2500. Solche Tricks gibt es noch.

Was spricht hingegen für eine Vermögenssteuer in Europa?
Besser wäre es, die Schulden geordnet abzutragen. Den Anteil der nicht bedienbaren privaten und staatlichen Schulden schätze ich auf drei bis fünf Billionen Euro, also fast ein Viertel der Gesamtschulden von 20 Billionen Euro. Man könnte einen gemeinsamen Fonds bilden und die Überschussschulden darin über 20 Jahre tilgen. Refinanzieren könnte sich der Fonds mit Eurobonds. Deutschland müsste jährlich rund 1,5 Prozent der Wirtschaftsleistung in den Fonds einbringen, um die eigenen Überschussschulden von rund 680 Milliarden Euro zu tilgen. Manche Eurokrisenländer müssten wegen der höheren Schuldenlast prozentual mehr aufwenden. Wir müssten ihnen helfen, was die Last für Deutschland erhöhen würde.

Setzen Eurobonds nicht falsche Anreize für die Peripheriestaaten?
Die EZB setzt falsche Anreize. Derzeit sind die Zinsen überall auf einem Niveau wie zuletzt vor Hunderten von Jahren. Zugleich läuft der Aufkauf von Staatsanleihen auf eine faktische Sozialisierung der Schulden hinaus, ohne demokratische Legitimierung und ohne Gegenleistung für die Gläubigerländer. Auch in meinem Modell kommt es zu einer gewissen Sozialisierung der Altschulden, aber es gibt keinen Freibrief wie mit Eurobonds alleine. Man müsste auch festlegen, dass es um eine einmalige Rettungsmaßnahme geht.

Wie viel würde eine Vermögensabgabe in Deutschland bringen?
Eine einmalige Abgabe von 15 Prozent auf alle Vermögen würde theoretisch fast 1,4 Billionen Euro bringen. Wollte man kleine Vermögen mit Freibeträgen schützen, müsste die Abgabe prozentual höher liegen.

Halten Sie eine Vermögensabgabe für gerecht?
Nein, ich denke, sie ist nicht pauschal gerecht. Viele haben für ihr Vermögen hart gearbeitet. Doch es geht hier nicht um die Frage der Gerechtigkeit. Wenn wir die Schulden nicht in den Griff bekommen, knallt es. Irgendwann sagen die Schuldner, sorry, ich kann nicht mehr. Oder Radikale kommen an die Macht und annullieren die Schulden. In diesem Fall verlieren Vermögende noch mehr. Dann ist mir ein geordnetes Verfahren doch lieber.

Was spricht gegen einen Schuldenschnitt in der Eurozone? Das ist nichts Neues. Seit 1800 war Spanien achtmal zahlungsunfähig.
Ein Schuldenschnitt in einem Land wäre machbar. Aber wir würden eine Ausfallwelle riskieren. Nach einem Schuldenschnitt in Italien wären Investoren sicher nicht mit den mickrigen Zinsen für französische Anleihen zufrieden. Dann könnte die EZB wieder alles aufkaufen und die Märkte beruhigen. Dann wären wir wieder bei den Taschenspielertricks.

Die Aussichten, dass Ihr Vorschlag umgesetzt wird, sind sehr gering.
Ich würde mir wünschen, dass ein Schuldenabbaufonds kommt. Doch dann müsste die Regierung sagen, was der kostet. Der deutsche Anteil kann leicht bei einer Billion Euro liegen. Das wird sie sich nie trauen.

Wie lange geht die Schuldenpolitik des Westens noch gut?
Ich bin überrascht, wie lange sie gut gegangen ist, die Bevölkerung in den Krisenländern das alles mitmacht. Ich glaube, dort gibt es die Hoffnung, dass der Sparkurs der Troika aufgeweicht wird, Konjunkturprogramme kommen und so, und mit den Staatsanleihekäufen der EZB die Wende gelingt. Sollte diese Hoffnung enttäuscht werden, könnte die Stimmung total kippen.

Wie soll man sich als Privatanleger vor dem großen Knall schützen?
Es hilft nur breit zu streuen: Aktien gehören dazu, Gold auch, aber nicht in Zertifikaten, sondern physisch. Mit Gold wird man nicht reich, aber es ist eine Versicherung gegen den GAU. Auch der Besitz von Wäldern oder Agrarflächen ist hilfreich, das ist aber für den Privatanleger schwer zu realisieren. Zumal für alle Anlagen gilt: global verteilen, nicht nur in Deutschland. Die demografische Entwicklung spricht dafür, dass Vermögenswerte hierzulande fallen.

Das alles klingt nicht sehr ermutigend. Gibt es auch etwas Positives?
Wir stehen vor gewaltigen technischen Innovationen. Etwa das selbstfahrende Auto. Wir werden durch Temperaturschwankungen Strom erzeugen können, wir werden 3-D-Telefonie haben. Klingt verrückt, wird aber kommen. Ich glaube, dass das Leben in 30 oder 40 Jahren viel besser sein wird als heute. Aber zuvor müssen wir einen Teil unserer Schulden loswerden. Wir kommen nicht drum herum.

Flotter Querdenker
Nach einem Studium der Wirtschaftswissenschaften und Promotion in St. Gallen stieg Daniel Stelter, geboren 1964, bei der Boston Consulting Group ein. Bei der Unternehmensberatung arbeitete er sich hoch bis ins globale Führungskräfte-Team. 2013 machte er sich als Berater und Buchautor selbstständig. Auf seinem Blog "Beyond the obvious" diskutiert der Schnelldenker unkonventionell über Schulden, Finanzkrise und Notenbankpolitik. Er hat mehrere Bücher verfasst, darunter "Die Billionen-Schuldenbombe".

Bildquellen: Beyond the Obvious

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