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aktualisiert: 19.02.2015 15:25

Aktienclubs: Warum vielen das Aus droht

Aktienkultur in Gefahr: Aktienclubs: Warum vielen das Aus droht | Nachricht | finanzen.net
Aktienkultur in Gefahr
Im Verbund können Anleger viel lernen und effizienter investieren. Doch eine schärfere Regulierung schnürt die rund 7000 Clubs hierzulande ein. Sie werden zunehmend drangsaliert.
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€uro am Sonntag
von Alexander Sturm, Euro am Sonntag

Jack Brooks war sich seiner Schwäche bewusst. 1898 erkannte der texanische Farmer, dass die amerikanische Industrie schneller wuchs als die Landwirtschaft. Anstatt weiter als Bauer zu schuften, wollte er an der Börse Geld verdienen. Doch allein hatte er nicht genug Kapital. So mobilisierte er Freunde und Nachbarn, um gemeinsam anzulegen. Der erste Aktienclub der Welt entstand - eine Idee, die Schule machte.

Denn die Vorteile der Clubs liegen auf der Hand: Anleger lernen voneinander und sie können zusammen Fehlentscheidungen Einzelner vermeiden. Stattdessen entscheiden sie gemeinsam über Investments und zahlen - in Deutschland meist unter dem Dach einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts - Geld in ein Gemeinschaftsdepot ein. Überdies macht das Clubleben vielen Freude.

1200 Seiten, 300 Paragrafen

1963 gründeten sich die ersten Aktienclubs in Deutschland. Heute gibt es rund 7.000, schätzt der Anlegerschutzverein DSW. Teils haben sie ein paar Dutzend Mitglieder, teils mehrere Tausend. Doch sie kommen durch eine immer schärfere Regulierung in Bedrängnis: Weitgehend frei von Auflagen agieren können seit Längerem ohnehin nur Clubs mit maximal 50 Mitgliedern und 500.000 Euro Einlage im Gemeinschaftsdepot. Alle größeren wurden bisher von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) als gewerbliche Finanzdienstleister eingestuft. Sie schrieb dann etwa den Einsatz von Wirtschaftsprüfern vor. Das war teuer, aber für einige Clubs noch erfüllbar.

Allerdings legt ein europäisches Gesetz die Hürden für große Aktienclubs nochmals höher: Die AIFM-Richtlinie der EU zielt etwa auf Geschlossene Fonds im grauen Kapitalmarkt - trifft aber auch Aktienclubs. Die Richtlinie wird in Deutschland über das Kapitalanlagegesetzbuch umgesetzt und schreibt größeren Aktienclubs die Anbindung an einen externen Geldverwalter vor. Doch für solche Kapitalverwaltungsgesellschaften gilt es insgesamt 1.200 Seiten mit über 300 Paragrafen zu beachten. Zudem werden Dokumentationspflichten und Mindestvergütungen fällig. Kosten kann das bis zu 60.000 Euro im Jahr - viel zu viel für einige Clubs.

"Die Einbindung einer Kapitalverwaltungsgesellschaft ist erst ab einem Vermögen von fünf Millionen Euro realistisch", sagt Andreas Grünewald, Gründer des Münchner Investment Clubs (MIC). Schon vor Jahren, lange bevor die neue Regulierung kam, hat er die Gemeinschaftsgelder in gewöhnliche Fonds übertragen. Der MIC sei glücklicherweise früh groß genug gewesen, sagt Grünewald.

Kampf gegen das Aussterben

Kleine Clubs können diesen Schritt heute kaum mehr schaffen. Fast keinem gelingt unter den neuen Auflagen der Sprung von 500.000 auf fünf Millionen Euro. Erschwerend kommt hinzu, dass die Bafin größeren Aktienclubs die Anwerbung neuer Mitglieder verbietet. Denn damit handeln sie laut Gesetz gewerbsmäßig - und fallen unter die EU-Regulierung.

Der Leiter eines Aktienclubs, der ungenannt bleiben möchte, erzählt von "nachdrücklichen" Briefen der Bafin, die gefordert habe, auf die Anwerbung neuer Mitglieder zu verzichten. In den vergangenen Jahren sei der Club von 200 auf 50 Mitglieder geschrumpft und nun ziemlich überaltert. "Wir sind zu groß zum Sterben, aber zu klein für die neuen Auflagen."

Von Bußgeldbriefen der Aufsicht berichtet auch der DSW. "Ich bekomme Anrufe von verzweifelten Clubleitern, die glauben, ihr Clubleben sei beendet", sagt Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer beim Anlegerschutzverein, der als Dachverband der Aktienclubs fungiert. Dabei ist es nicht das Ziel der Bafin, den Clubs das Leben schwer zu machen, wie er betont. Sie wolle Anleger vor Betrugsskandalen wie auf dem grauen Kapitalmarkt schützen. "Trotzdem läuft die Regulierung Gefahr, die Idee des Aktienclubs arg zu beschädigen."

Die Bafin wehrt sich: "Jede europäische Richtlinie muss in nationales Recht umgesetzt werden", teilt die Behörde €uro am Sonntag in einer Stellungnahme mit. Sie verweist auf ein Merkblatt im Internet, das genau die Unterschiede zwischen weitgehend unregulierten Clubs und solchen mit höheren Auflagen erklärt.

"Europäische Richtlinien werden Aktienclubs übergestülpt", sagt Reinke Haar, der beim Oldenburger Aktienclub für die Organisation zuständig ist. Die Kosten einer Kapitalverwaltungsgesellschaft seien zu hoch. Er sieht für den Club keinen Weg, eine kritische Masse zu erreichen. Aus Vorsicht vor der Bafin nimmt der Club keine Mitglieder mehr auf.

Auch der Itzehoer Aktien Club hat das Gemeinschaftsdepot für Neumitglieder geschlossen. Er bietet aber einen frei zugänglichen Fonds (siehe Investor-Info). "Fallen Aktienclubs unter die neue Regulierung, zieht das immense Anforderungen nach sich", klagt auch Fondsmanager Martin Paulsen.

Schaden für die Aktienkultur

Für die ohnehin kleine Aktienkultur in Deutschland ist die harte Regulierung der Clubs ein herber Rückschlag. Dabei leisten sie einen Beitrag zur Finanzbildung, indem sie Veranstaltungen und Vorträge für ihre Mitglieder organisieren und Anlagewissen verbreiten. "Das Problem ist doch, dass viele Leute bei der Geldanlage orientierungslos dastehen", sagt DSW-Chef Tüngler. "Sie brauchen den Austausch."

Für die Aktienkultur seien Investmentclubs hervorragend, meint auch Franz-Josef Leven, stellvertretender Geschäftsführer beim Deutschen Aktieninstitut. Er hält eine Ausnahmeregelung für Aktienclubs im Kapitalanlagegesetzbuch für nötig.

Das aber gehe nicht, sagt die Bafin. Das deutsche Recht müsse mit dem europäischen Gesetz harmonisiert werden, und dort sei keine Ausnahme vorgesehen. Auch sieht sie das Problem weniger drängend: "Die ganz große Mehrzahl der Investmentclubs hat sich mit den Schwellenwerten von 50 Mitgliedern und einem verwalteten Vermögen von 500.000 Euro eingezahlten Geldern gut arrangiert."

Haar vom Oldenburger Aktienclub sieht das anders. "Das Sterben der Aktienclubs ist nicht unwahrscheinlich." Schließlich könnten neue Mitglieder kaum nachkommen. Dabei sei das Clubleben, das Diskutieren über Investments wichtig. "Es wäre schade, wenn so etwas kaputtgeht."

Investor-Info

IAC-Aktien Global
Globale Bluechips im Bündel

Der Itzehoer Aktien Club bietet einen frei zugänglichen Aktienfonds. Darin investiert er in 50 internationale Qualitätsfirmen, die eine starke Marke und einen hohen Marktanteil haben sowie günstig bewertet sind und hohe Dividendenrenditen bieten. Gern kauft das Fondsmanagement auch Titel, die jüngst an der Börse abgestraft wurden - zuletzt BASF, den Ölkonzern BP und den Rohstoffriesen BHP. Auf Sicht von fünf Jahren steht ein Plus von 65 Prozent.
Bildquellen: Julian Mezger für Finanzen Verlag, Lisa S. / Shutterstock.com
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