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16.02.2015 03:00
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Jordan Belfort: Der Wolf im Schafspelz

Auf Shows umgestiegen: Jordan Belfort: Der Wolf im Schafspelz | Nachricht | finanzen.net
Auf Shows umgestiegen
Der Selfmade-Millionär Jordan Belfort und verurteilte Anlagebetrüger tourt aktuell durch Deutschland und gibt in teuren Seminaren Tipps für Reichtum und Erfolg. Eine Stippvisite.
€uro am Sonntag
von S. Funke und A. Zehbe, Euro am Sonntag

Yes", immer wieder "Yes", hallt es laut durch den großen Kongresssaal des Estrel-Hotels in Berlin-Neukölln. Die meisten der rund 750 Gäste haben sich von ihren Plätzen erhoben und stimmen enthusiastisch in den Chor ein, den der Guru von der Bühne aus dirigiert. "Yes, I am a person of action", brüllen sie mit geballter Faust in den Saal. "Yes, I can achieve greatness." Und als der Guru fragt, ob sie richtig reich werden möchten, hält es fast niemanden mehr auf den Sitzen. "Yes", schlägt es ihm erneut entgegen. Er hat sie in seinen Bann gezogen und lächelt nun zufrieden auf sie herab.

Der Mann auf der Bühne ist Jordan Belfort. Im dunklen Nadelstreifenanzug steht er an diesem Februarmorgen vor seinem Berliner Publikum und erzählt seine Version vom amerikanischen Traum: Er brachte es vom Zeitungsjungen zum Multimillionär, stolperte über die Versuchungen des Geldes und stürzte über Macht und Gier. Für 22 Monate wanderte er ins Gefängnis - und kam geläutert wieder heraus. Nun zieht er seit sieben Jahren um die Welt und tut das, was er am besten kann: verkaufen. Sich selbst und seine exzessive Lebensgeschichte.

"Ich habe ein gottgegebenes Verkaufstalent", ruft er seinen Zuhörern zu. Anekdoten, wie er als Jugendlicher in einem Sommer 26.000 Dollar mit dem Verkauf von Eis verdient hat oder wie er später an seinem ersten Arbeitstag als Fleischhändler den Verkaufsrekord der Firma einstellte, gibt es viele. Seinen großen Coup, der ihn reich machen sollte, landete er jedoch mit Aktien. 1988 gründete er gemeinsam mit einem Freund die Maklerfirma Stratton Oakmont. Nach anfänglich legalem Handel mit Wertpapieren geriet die Sache, wie Belfort sie nennt, "irgendwie außer Kontrolle" - zu seinen Gunsten: Mit einer ganzen Schar junger, erfolgshungriger Mitarbeiter und immer aggressiveren Methoden schwatzt er Kleinanlegern am Telefon wertlose Pennystocks auf, die er zuvor selbst gekauft hatte. Kaum stiegen die Kurse, schlug er die Papiere mit Riesengewinn wieder los.

Mit 26 Jahren ist er Multimillionär. Kokain und Prostituierte gehören zu seinem Alltag - bis die Börsenaufsicht SEC und das FBI dem Geschäftsgebaren und den Millionenverlusten geprellter Anleger ein Ende bereiten und er 1998 wegen der Verwicklung in Wertpapierbetrügereien und Geldwäsche zu einer Haftstrafe verurteilt wird. Die trotz des angerichteten Millionenschadens vergleichsweise milde Strafe hat er der Tatsache zu verdanken, dass er seine Geschäftspartner gleich mit ans Messer geliefert hat.

Ausverkauf einer Geschichte
Die Geschichte des Gescheiterten, der ganz oben war und ganz unten, der gelernt hat und nun alles besser machen will - aus ihr zieht Belfort heute Profit. Er schrieb seine Memoiren, die 2007 erschienen sind und sich millionenfach verkauften. Die Filmrechte bot er für zwei Millionen Dollar dem amerikanischen Regisseur Martin Scorsese an, der "Wolf of Wall Street", die Geschichte von Aufstieg und Absturz, mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle 2013 ins Kino brachte.

Der Film wurde für fünf Oscars nominiert und spielte knapp 400 Millionen Dollar ein. Dass er mit mehr als 30 Millionen Downloads der am häufigsten illegal runtergeladene Streifen 2014 war, amüsiert den "Wolf", ja, macht ihn stolz. Anders wäre er nicht dort, wo er jetzt ist, und im Berliner Publikum säßen vermutlich nur eine Handvoll Leute.

Er zieht die Leute in seinen Bann, will ihnen seine Geschichte verkaufen und dann seine im Gefängnis entwickelte Straight Line Strategy, ein Motivationsprogramm, das jeden so erfolgreich machen soll wie ihn. Gedacht ist es für jene, die verkaufen wollen oder, wie Belfort es zusammenfasst, reich werden wollen. Und er warnt: Seine Tipps seien durchaus in der Lage, Menschen dazu zu bringen, Sachen zu kaufen, die sie nicht kaufen sollten, und Dinge zu tun, die sie nicht tun sollten.

Wie perfekt sie funktionieren, kann man gut an diesem Morgen in Berlin sehen. Es dauert nicht allzu lange, da übergibt Belfort das Wort an Greg Secker, einen schmalen Mann mit schnittigem britischem Englisch und dunklem Anzug, der sich als Devisen-Trader vorstellt. Dem staunenden Publikum will er zeigen, wie sich durch geschickte Käufe und Verkäufe am Währungsmarkt in vier Minuten mehr als 19.000 Pfund verdienen lassen. Eingespielte Videos mit emotionsgeladener Musik sorgen für Gänsehaut­atmosphäre, dann erklärt Secker schwammig seine Trading-Strategie, die mehr aus Motivationsparolen besteht als aus Handlungstipps. "Wollt ihr erfolgreich sein?" "Yes!"

Um die ganze Strategie zu lernen, wäre es natürlich nötig, ein Coaching zu bekommen. Dieses koste 10.000 Euro, die richtige Software dazu noch mal 3.000 Euro. Gemeinsam mit Belfort habe er vorher überlegt, ob sie nicht 50 Berliner in den nächsten Monaten zu Millionären machen könnten, und sie waren sich einig: Yes, we can. Wer dabei sein wolle, habe jetzt die einmalige Chance, sich für knapp 3.000 Euro zu einem Seminar im März in Berlin anzumelden - ein Schnäppchen, für das deutlich mehr Zuhörer als die vermeintlich 50 möglichen Teilnehmer aufspringen und hektisch zu den Tischen mit den Anmeldeformularen rennen.

"Man muss den Menschen das Gefühl geben, dass sie einen guten Deal gemacht haben", ließ Jordan Belfort sein Publikum schon im Herbst in Frankfurt wissen. Damals verkaufte er entsprechende Coachings selbst, in Berlin hat er "special guests" dabei, die die Marke Belfort nutzen, um Kurse in Sachen Rhetorik oder Immobilien für schwindelerregende Preise und gegen Vorkasse an den Mann zu bringen.

Blindes Vertrauen in den "Wolf"

Während eine Minderheit die Veranstaltung als pure Unterhaltung wahrnimmt, ist die Mehrheit sichtlich beeindruckt von dem 52-Jährigen auf der Bühne. "Belfort hat gezeigt, dass man nach Misserfolgen wieder aufstehen kann", sagt ein junger Mann, der in der Marketingabteilung einer kleinen Firma arbeitet und sich für das Coaching in Berlin im März angemeldet hat.
Viele andere wollen ihm ebenfalls ­nacheifern.

Der Mann, dem nichts genug ist, dem Reichtum wichtiger ist als alles andere und der keine Gelegenheit ungenutzt lässt, inspiriert vor allem junge Männer. Kaum jemand ist über 40 Jahre alt, die wenigen Frauen im Saal sind meistens die Begleiterinnen der Möchtegern-Millionäre. Auch Unternehmen verkauft er seine Motivationskünste. 100.000 Dollar erhalte er inzwischen von Firmen, deren Mitarbeiter er in Sachen Verkaufstechniken trainiere. Pro Tag. Sagt Belfort. Welche Firmen das sind, sagt er nicht. "Ich bin einer, der handelt. Ich gestalte meine eigene Welt. Ich glaube daran, Gelegenheiten beim Schopf packen zu können. Arme Menschen sind zögerlich. Reiche Menschen treffen schnelle Entscheidungen und handeln sofort", so und ähnlich lauten die Glaubenssätze des Jordan Belfort.

Von Adlern und Enten

Mit viel Verve reiht das Verkaufstalent munter immer weiter Banalitäten und Worthülsen aneinander, streut hier und da eine Anekdote aus seinem Leben ein, lässt Filmausschnitte einspielen, schmiert Pfeile, Kringel und unleserliche Worte auf mehrere Flipcharts und hält sich dabei weder mit einem Konzept noch mit dem Bemühen um Stringenz auf. "Sie möchten reich sein? Das reicht nicht!", sagt Belfort, und "wir leben in einer Welt, in der wir handeln müssen." Einige Zuhörer machen sich eifrig Notizen. Welchen Teil ­dieses kruden Erfolgsrezepts sich einige der jungen Anzugträger in ­diesem Augenblick notieren, bleibt ihr Geheimnis.

In der Welt des Jordan Belfort gibt es nur zwei Arten von Menschen: die Enten und die Adler. Die Enten sind Bedenkenträger, die ihre Chancen ungenutzt lassen. Egal wie toll und logisch eine Idee ist, sie finden immer einen Haken und einen Grund, warum sie nicht handeln. Die anderen sind die Adler, die Ergebnismenschen, die "Sachen einfach anpacken". An diesem Morgen ist im Berliner Estrel-Hotel keine einzige Ente, da ist sich Belfort sicher. "Die kommen nämlich gar nicht erst." Stattdessen sei der Raum voll mit Adlern - allerdings Adler mit gestutzten Schwingen. "Denn ihr habt angefangen, euch zu verhalten wie Enten. Ihr bewegt euch immer im Kreis."

Ein paar Tage nach der Jordan-Belfort-Show meldet sich das Verkaufstalent noch einmal per E-Mail bei seinen Berliner Zuhörern. Als Freund und Mentor bedankt er sich für die fantastische Veranstaltung, die er mit seinen Zuhörern verbringen durfte, und bedauert, zu wenig Zeit gehabt zu haben, um seine Erfolg versprechenden Strategien mit allen zu teilen. In einem dreitägigen Seminar in London Ende Februar für umgerechnet 2.700 Euro könne man das nachholen. Alles, was Belfort jetzt hören will, ist ein "Yes".

zur Person:

Der echte Wolf der Wall Street

Jordan Belfort wurde 1962 in New York als Sohn eines Buchhalters geboren. Zunächst begann er Zahnmedizin zu studieren, schmiss jedoch schnell hin, als man ihm sagte, dass Zahnärzte nur Wohlstand, aber keinen Reichtum erwarten dürften. Reich wurde er kurz darauf an der Börse - allerdings mit illegalen Methoden. Noch immer schuldet er seinen damaligen Betrugsopfern mehrere Millionen Dollar. Er arbeitet heute als Motivationstrainer und Unternehmensberater.
Bildquellen: Pakhnyushcha / Shutterstock.com, Nagy Bagoly Arpad / Shutterstock.com
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