19.07.2012 15:32
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Zentralbanken wollen Libor-Krise gemeinsam lösen

Libor-Affäre
Der Skandal um fingierte Libor-Zinssätze ruft zunehmend die wichtigsten Währungshüter der Welt auf den Plan.
Führende Zentralbanker wollen sich nach Angaben aus informierten Kreisen zusammensetzen, um der empörten Öffentlichkeit Lösungen zu präsentieren. Während der Wirtschafts- und Finanzkrise hatten große Geschäftsbanken zur Ermittlung des Libors absichtlich zu niedrige Sätze gemeldet. Das für den 9. September in Basel anvisierte Treffen der Notenbankchefs ist ein deutliches Signal - bei der britischen Zentralbank, der Federal Reserve und anderen wichtigen Währungshütern schrillen die Alarmglocken.

   Das wahrscheinliche Treffen geht den Kreisen zufolge von Mervyn King aus, dem Chef der Bank of England. Er habe in einem Brief an seine Kollegen angeregt, die Schwächen des Libor-Zinssatzes gemeinsam zu diskutieren. "Es ist jetzt klar, dass radikale Reformen des Libor-Systems notwendig sind", schrieb King laut einer mit dem Inhalt des Briefs vertrauten Person.

   Gleichzeitig erklärte der Chef der Bank of Canada, Mark Carney, er suche nach langfristigen Lösungen für das Libor-Problem. Carney ist auch Chef des Financial Stability Board (FSB), einer Gruppe, zu der Bankaufseher, andere Regulierer und Finanzminister zählen.

   Basel bietet sich als Treffpunkt an, da hier die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) sitzt, in der alle bedeutenden Zentralbanken organisiert sind. Im September sind sowieso Sitzungen der BIZ anberaumt. In den Räumen der Baseler Organisation treffen sich auch regelmäßig die Vertreter des Finanzstabilitätsrats (FSB).

   Bernanke setzt auf konzertierte Aktion

   Auch Fed-Chef Ben Bernanke sieht den FSB als ein zentrales Instrument bei der Klärung der Libor-Frage an. "Diese Organisation wird sich um die Libor-Kontroverse kümmern, ihre Auswirkungen auf die finanzielle Stabilität und mögliche künftige Schritte", sagte Bernanke. Dem Libor kommt eine immense Bedeutung bei finanziellen Transaktionen rund um den Globus zu. Überweisungen von Billionen von Dollar werden von ihm beeinflusst.

   Barclays hatte im vergangenen Monat als erste Bank ausführlich Fehlschritte eingestanden und sich mit den Aufsehern auf die Zahlung von 451 Millionen Dollar Strafe geeinigt. Gerichtsunterlagen deuten darauf hin, dass Barclays-Vertreter falsche Angaben machten, um den Libor zu verzerren und damit einerseits eigene Gewinne steigerten und andererseits die eigene Finanzsituation rosiger darstellten als sie wirklich war. Der Libor wird täglich von der British Bankers Association gebildet. Er basiert auf Zinssätzen, die ausgewählte Großbanken auf dem Interbankenmarkt für Kredite berappen müssen. Auch andere Geldhäuser - wie etwa die Deutsche Bank - sind in den Libor-Skandal involviert.

   Fed-Chef Bernanke setzt derweil auf eine konzertierte Aktion aller Zentralbanken. "Der Libor wird zwar von einer britischen Institution ermittelt, aber er wird für zehn verschiedene Währungen bestimmt. Also muss es eine internationale Anstrengung sein." In das gleiche Horn bläst US-Finanzminister Timothy Geithner: "Die Briten sind natürlich im Zentrum, aber wir werden es nicht komplett den Briten überlassen."

   Auswege gesucht

   In seinem Brief ging King auch auf tieferliegende Probleme des Libors ein. Die Großbanken melden die Zinssätze, die sie zahlen müssen, selbst. Aber manchmal gibt es für bestimmte Laufzeiten überhaupt keine Werte, auf denen sie ihre Meldungen basieren können. Unter diesen Umständen ist der veröffentlichte Libor eher fiktiv und reflektiert die Schätzungen der Banken anstatt ihre genauen Kreditaufnahmekosten. Auch aus diesem Grund bezeichnete Bernanke vor US-Abgeordneten den Libor als "strukturell fehlerhaft".

   Deswegen suchen die Zentralbanken nach Auswegen, um den Finanzmärkten andere Referenzzinssätze bieten zu können. Bernanke brachte Repo-Märkte ins Spiel, bei denen die Banken für kurzfristige Kredite Sicherheiten hinterlegen müssen. Außerdem wies er auch auf Alternativen im Derivativemarkt hin.

   Beide Vorschläge haben den Vorteil, dass sie auf echten Markttransaktionen fußen. Eine andere Maßnahme wäre eine verbindliche Fixierung des Libor-Satzes. Der traditionsreiche Libor dürfte als Referenzsatz schwer komplett zu ersetzen sein, merkte auch Bernanke an. Er sei in den Märkten zu tief verwurzelt.

   Kontakt zu den Autoren: konjunktur.de@dowjones.com

   (Mehr zu diesem Thema und weitere Berichte und Analysen zu aktuellen Wirtschafts- und Finanzthemen finden Sie auf www.WSJ.de, dem deutschsprachigen Online-Angebot des Wall Street Journal.)

   DJG/apo  (END) Dow Jones Newswires  July 19, 2012 09:15 ET (13:15 GMT)  Copyright (c) 2012 Dow Jones & Company, Inc.- 09 15 AM EDT 07-19-12 Von Paul Hannon und Jon Hilsenrath

Von Paul Hannon und Jon Hilsenrath

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