LinkedIn-Trend im Fokus: Was die Wissenschaft über Herkunft und Vertrauenswürdigkeit sagt
Wenn weniger mehr ist: Die neue LinkedIn-Realität
Die Zeiten, in denen LinkedIn-Profile mit Privatschulabschlüssen, Auslandssemestern in Harvard oder Urlauben in der Toskana gespickt waren, scheinen vorbei. Stattdessen liest man immer häufiger von schwierigen Startbedingungen, finanziellen Hürden und dem harten Weg nach oben. Diese Entwicklung ist kein Zufall, sondern entspricht einem tieferliegenden psychologischen Phänomen.
Wie aus einer aktuellen Studie der American Psychological Association hervorgeht, entscheiden Menschen bewusst zwischen der Herkunft und der gegenwärtigen Situation einer Person. Die Forscherin Kristin Laurin von der University of British Columbia untersuchte gemeinsam mit ihrem Team, wie sich die soziale Herkunft auf die Vertrauenswürdigkeit auswirkt - mit eindeutigen Ergebnissen.
In fünf Experimenten mit insgesamt mehr als 1.900 Teilnehmenden konnten die Forscher zeigen: Menschen vertrauen anderen eher, wenn diese in Haushalten mit niedrigem Einkommen aufgewachsen sind. Dabei spielte es eine entscheidende Rolle, ob jemand in der Kindheit oder aktuell wenig Geld hatte.
Kindheitserfahrungen prägen Vertrauenswahrnehmung
Das interessante Forschungsergebnis: Die Kindheitserfahrungen wogen deutlich schwerer als die aktuelle finanzielle Situation. "Unsere Forschung zeigt, dass Menschen eine klare Linie zwischen jemandes Kindheit und seiner aktuellen Situation ziehen", zitiert eurekalert.org Studienhauptautorin Kristin Laurin. Menschen, die in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen waren, wurden nicht nur als moralischer und vertrauenswürdiger wahrgenommen, sondern ihnen wurde auch eher zugetraut, Vertrauen zu rechtfertigen.
Die Wissenschaftler verwendeten ein klassisches Vertrauensspiel: Teilnehmer konnten Lottoscheine an andere Mitspieler übertragen. Je mehr Scheine sie abgaben, desto größer war ihr Vertrauen. Gleichzeitig sollten sie einschätzen, wie viele Scheine sie zurückbekommen würden. Das Ergebnis war eindeutig: Personen mit bescheidener Kindheit erhielten mehr Vertrauen und man erwartete eher, dass sie dieses Vertrauen honorieren würden.
Bei aktuell einkommensschwachen Personen war die Situation anders. Zwar handelten die Studienteilnehmer ihnen gegenüber vertrauensvoll, glaubten aber nicht immer, dass dieses Vertrauen erwidert würde. Die Forscher führen dies auf Altruismus zurück - man hilft Menschen in schwierigen Situationen, ohne notwendigerweise an deren Vertrauenswürdigkeit zu glauben.
Strategische Auswirkungen auf die Karriere
Diese Erkenntnisse haben praktische Konsequenzen für die berufliche Selbstdarstellung. Laurin empfiehlt laut eurekalert.org: "Wenn man aus einer wohlhabenden Familie stammt, könnte es vorteilhaft sein, diese Herkunft weniger zu betonen und sich auf die Gegenwart zu konzentrieren, während es für jemanden, der immer finanziell gekämpft hat, von Vorteil sein könnte, deutlich zu machen, dass er aus bescheidenen Verhältnissen stammt."
Der LinkedIn-Trend lässt sich somit als rationale Reaktion auf diese psychologischen Mechanismen verstehen. In einer Berufswelt, in der Networking und Vertrauen entscheidend sind, nutzen Nutzer ihre bescheidene Herkunft als Vertrauensbonus. Gleichzeitig distanzieren sich Menschen aus privilegierten Verhältnissen von ihrer Herkunft - ein Phänomen, das sich nicht nur online, sondern auch in persönlichen Gesprächen zeigt.
Zwischen Authentizität und psychologischer Wirkung
Die Studie wirft jedoch auch kritische Fragen auf. Die Forscher untersuchten lediglich die Wahrnehmung von Vertrauenswürdigkeit, nicht die tatsächliche Vertrauenswürdigkeit verschiedener sozialer Gruppen. "Wir haben nicht untersucht, ob der Kindheits- oder aktuelle Klassenhintergrund einer Person tatsächlich ihr Verhalten beeinflusst", gibt Laurin laut eurekalert.org zu bedenken. Zukünftige Forschungen sollen klären, wann Vertrauen fehl am Platz ist oder wann Menschen faire Chancen verpassen, anderen zu vertrauen.
Die Ergebnisse zeigen dennoch einen wichtigen gesellschaftlichen Mechanismus auf. In einer Zeit, in der soziale Mobilität und Chancengerechtigkeit intensiv diskutiert werden, offenbart sich ein paradoxer Effekt: Ausgerechnet diejenigen, die es schwerer hatten, ernten mehr Vertrauen. Dies könnte langfristig sowohl positive als auch problematische Auswirkungen haben - von der Stärkung authentischer Aufstiegsgeschichten bis hin zur möglichen Benachteiligung von Menschen aus stabilen Verhältnissen.
Die LinkedIn-Biografien der Zukunft werden zeigen, wie sich diese wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Praxis auswirken. Fest steht: Die Art, wie wir unsere Herkunft präsentieren, ist längst zu einem strategischen Element der Karriereplanung geworden.
D. Maier / Redaktion finanzen.net
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