22.08.2020 23:01

Centogene-Chef Rolfs: "Das Erdbeben beginnt gerade erst"

Euro am Sonntag-Interview: Centogene-Chef Rolfs: "Das Erdbeben beginnt gerade erst" | Nachricht | finanzen.net
Arndt Rolfs, Centogene-Chef
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Der Centogene-Chef über die Notwendigkeit, viel mehr Corona-Tests durchzuführen, gesellschaftspolitisches Engagement und den vielversprechenden Markt für seltene Krankheiten.
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€uro am Sonntag

von Julia Gross, €uro am Sonntag

Ganz klar: Abwarten, bis andere etwas tun, ist Arndt Rolfs’ Sache nicht. Seltene Erkrankungen - deren Diagnostik das Kerngeschäft von Centogene ist - bekommen zu wenig Aufmerksamkeit? Da stellt er eben ein Film- und Musikfestival in Berlin, Mexiko und Pakistan auf die Beine. Simultan, selbstverständlich. Lieferketten werden durch Corona unterbrochen? Rolfs schaltet Anzeigen in großen Zeitungen, um Lieferanten aus Deutschland zu finden ("Mittelstandsinitiative Covid-19").

Als Wissenschaftler, der lange in der Virologie gearbeitet hat, stand für ihn und seine Vorstandskollegen schon Ende Januar fest, dass das SARS-CoV-2-Virus eine Pandemie auslösen würde. Seit dem 18. März bietet Centogene Corona-Tests an, zunächst hauptsächlich in Mecklenburg-Vorpommern, inzwischen weltweit. Ende Juni eröffnete Rolfs mit Lufthansa und Fraport in Frankfurt die erste Corona-Teststation auf einem deutschen Flughafen. Mittlerweile lassen sich Centogene-Tests sogar bei Amazon ordern.

€uro am Sonntag: Herr Rolfs, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn macht Corona-Tests für Reiserückkehrer aus Risikoländern verpflichtend, der bayerische Ministerpräsident Markus Söder will Teststationen an allen Flughäfen und Autobahngrenzübergängen. Haben die Ihre Idee geklaut?

Arndt Rolfs: (lacht) Das würde ich natürlich nie unterstellen wollen. Es wird wohl eher so sein, dass mehrere Personen zeitgleich die gleiche gute Idee haben. Wir müssen bei dem jetzt langsam wieder anlaufenden Flug- und Reiseverkehr einen Überblick darüber bekommen, was von außen nach Deutschland hineingetragen wird. Es ist eigentlich eher überraschend, dass sich viele Bundesländer damit so schwertun.

Wie sind denn Ihre Erfahrungen bis jetzt mit den Corona-Tests am Flughafen Frankfurt?

Wir haben dort innerhalb von sechs Wochen über 50 000 Reisende getestet und in der Zwischenzeit über 240 Covid-Positive identifiziert. Von denen sind weniger als die Hälfte aus Risikoländern gekommen. Die anderen hätten bis heute also eigentlich keinen Anlass gehabt, in Quarantäne zu gehen und hätten ihre Infektion womöglich weitergegeben. Das heißt, gerade in Bereichen mit sehr hoher Mobilität - die wir ja auch wollen - ist Testen zwingend und richtig.

Menschen ohne Symptome zu testen wird von verschiedenen Seiten kritisiert. Auch das Robert-Koch-Institut spricht sich für Diagnostik "in der Regel nur bei Krankheitszeichen" aus, weil es sich nur um eine Momentaufnahme handelt. Wieso macht das anlasslose Testen für Sie Sinn, abgesehen davon, dass Sie Geld damit verdienen?

Wenn Sie ein wenig in der Historie der letzten Monate zurückgehen, ist ja zu Beginn alles kritisiert worden, was jenseits der Testung von bereits deutlich symptomatischen Personen war. Das war widersinnig von Anfang an. Da möchte ich schon klar sagen, dass es uns nicht einmal ansatzweise gelungen ist, die RKI-Empfehlungen nachzuvollziehen. Wenn ich eine Infektionskette unterbrechen möchte, dann tue ich das doch zu Beginn, ehe eine Person im Zweifelsfall schon drei, vier, fünf andere infiziert hat, und nicht am Ende, wenn diese Person symptomatisch geworden ist. Wenn wir heute die Möglichkeit hätten, die gesamte Weltbevölkerung synchron an einem Tag zu testen und alle, die positiv sind, in eine Quarantäne schicken, wären wir eine Pandemie mit ungeahntem Ausmaß los.

Diese Möglichkeit besteht leider nur theoretisch …

… zeigt aber die Bedeutung des Testens. So wie es schwierig war, vor drei bis vier Monaten über die systematische Testung in Alten- und Pflegeheimen zu reden, was jetzt Routine ist, so wie es vor drei, vier Monaten ganz schwierig war, über die Testung in Schulen zu reden, was jetzt sogar von der Kultusministerkonferenz empfohlen wird, bin ich sicher: Auch dieses Thema des Testens im Flug- und Reiseverkehr wird sich in nächster Zeit von alleine lösen, und wir werden sukzessive weitere Felder erschließen, in denen das Testen uns schrittweise zurück in eine neue Normalität verhilft.

Centogenes Kerngeschäft, die Diagnostik seltener angeborener Krank- heiten, hat überhaupt nichts mit Coronaviren zu tun. Warum ist Ihnen das Testen so ein Anliegen?

Uns motiviert wirklich die Sorge, wie es mit der deutschen Wirtschaft in den nächsten Jahren aussieht. Ich habe da eher eine pessimistische Perspektive. Ich glaube, wir erleben hier im Osten vielleicht schon deutlich früher als im Westen, dass das wirtschaftliche Erdbeben in Deutschland gerade erst beginnt. Ich schaue hier in Rostock abends immer auf das Hauptgebäude einer großen Reederei. Das war für mich immer das leuchtende Beispiel für innovativen deutschen Mittelstand, da brannte rund um die Uhr Licht. Jetzt ist es dort abends finster. Der Italiener, der Spanier und der kleine Kiosk um die Ecke haben alle zugemacht. Wir werden in den nächsten 18 bis 24 Monaten keinen Impfstoff haben. Deshalb ist klar: Es hilft nur frühzeitige Diagnostik. Wir sehen unsere Testaktivitäten als wesentlichen Beitrag zu einer Gesellschaft, in der wir lieber leben würden.

Ursprünglich hatten Sie ja damit angefangen, Ihre eigenen Mitarbeiter und deren Familien zu testen.

Zweimal die Woche, da haben wir gleich drei Infizierte gefunden und nach Hause geschickt. Seitdem führen wir dieses Unternehmen völlig normal und ohne jegliche Einschränkungen. Weil wir eine gute technische Plattform haben, fällt es uns leicht, in großem Stil Labortests durchzuführen, sodass das vielleicht etwa 30 bis 35 der rund 600 Mitarbeiter für die Laboratorien in Anspruch nimmt und der Fokus auf das eigentliche Geschäft der seltenen Erkrankungen erhalten bleibt.

Sie sind dann in Mecklenburg-Vorpommern auf offene Türen gestoßen, haben schnell auch in Pflegeheimen, bei der Polizei und in Schulen getestet, als "Blaupause für Deutschland", wie Sie sagten. In vielen Bereichen hat der Rest von Deutschland aber bis heute nicht nachgezogen. Ärgert Sie das? Es hätte doch alles viel schneller gehen können.

Um es sehr offen zu sagen: Ich hätte nicht gedacht, dass politische Entscheidungsprozesse sogar in dieser, zumindest für meine Generation, maximal krisenhaften Situation so kompliziert sind und - vorsichtig formuliert - manchmal so an den Notwendigkeiten vorbeigehen. Obwohl mir die Komplexität von Abläufen in demokratischen Entscheidungsprozessen sehr wohl bewusst ist, hätte ich nicht gedacht, dass es so schwerfällt, dieser Krise mit zeitnahen Entscheidungen zu begegnen. Immerhin sieht man, dass bestimmte Prozesse jetzt funktionieren, aber wir haben uns das schneller gewünscht, keine Frage.

Als Centogene einige Produkte ausgingen, haben Sie die Sache selbst in die Hand genommen und einen Aufruf per Anzeige in großen deutschen Zeitungen gestartet. Was ist aus dieser "Mittelstandsinitiative Covid-19" entstanden?

Wir haben in der rekordverdächtigen Zeit von ungefähr fünf Wochen drei Partner gefunden, mit denen wir jetzt pro Tag 60 000 bis 70 000 Spatel für Corona-Tests herstellen. Zudem bekamen wir Hilfe für die sehr schnelle Entwicklung unserer App, mit der wir die Anmeldung und die Rückführung der Testergebnisse sicher und datenschutzkonform abwickeln. Denn wenn Sie mehrere Zehntausend Tests am Tag durchführen, können Sie nicht händisch die Ergebnisse ausdrucken. Das zeigt: Der deutsche Mittelstand ist innovativ und kreativ, man muss nicht unbedingt nach Taiwan oder Korea gehen, um eine Lösung zu bekommen

Gab es auch Ergebnisse, die nicht nur Centogene direkt betreffen?

Ja, wir haben über ein kleines Portal die etwa 1500 Firmen, die sich auf den Aufruf gemeldet haben, untereinander vernetzt. Da ging es zum Beispiel um das Thema Beatmungsgeräte. Es war zu dem Zeitpunkt schwierig, die richtigen Partner zu identifizieren. Da muss man einfach deutlich schneller und unorthodoxer reagieren können.

Eigentlich beschäftigt sich Centogene ja mit der Diagnostik von seltenen angeborenen Krankheiten und macht Geschäfte mit dabei gesammelten Daten. Merken Sie da Einbußen aufgrund der Pandemie?

In unserem Diagnostikgeschäft haben wir auch aufgrund der starken geografischen Diversifizierung so gut wie überhaupt keine Einschränkungen erlebt. Bei der Unterstützung von Pharmaunternehmen mit unseren Daten sehen wir schon einen deutlichen Effekt, da die Firmen alle ihre Entwicklungs- und Vertriebsteams ins Homeoffice geschickt haben.

Wie sehen denn Ihre Investoren Centogenes Corona-Test-Aktivitäten?

Wir haben die hier bei uns implementierte Lösung des häufigen Testens inzwischen auch schon bei Pharmaunternehmen installiert und können so helfen, das Kerngeschäft wieder zum Laufen zu bringen. Investoren haben sehr schnell auch diese strategische Komponente des Testgeschäfts verstanden und gewertschätzt.

Die Aktienkursentwicklung seit Anfang Juli im Umfeld der Kapitalerhöhung ist aber alles andere als positiv. Der Centogene-Kurs hat sich seitdem in etwa halbiert.

Wir haben nur einen geringen Streubesitzanteil. Das führt natürlich dazu, dass über einen kleinen Hebel eine große Kursbewegung ausgelöst werden kann. Genau das ist dann bei der Kapitalerhöhung passiert. Wir waren überrascht, wie nachhaltig der Kurs runtergegangen ist, aber das ändert nichts an der Grundpositionierung und Kernsolidität unseres Geschäfts. Daher sind wir sehr zuversichtlich, dass wir in der nächsten Zeit wieder einen höheren Aktienkurs haben werden.

Die rein genetische Diagnostik seltener Krankheiten beherrschen aber auch viele andere Labore auf der Welt. Wo liegt die besondere Wertschöpfung von Centogene?

Ein Beispiel: Vor eineinhalb Jahren hatte das US-Biotechunternehmen De- nali ein Therapeutikum für eine bestimmte genetische Form von Parkinson entwickelt und plante, dass es etwa fünf Jahre dauern würde, 600 Patienten für die klinische Studie zu rekrutieren. Wir haben auf den Knopf unserer Datenbank gedrückt und sofort dreieinhalbtausend Patienten mit dieser speziellen Parkinson-Form identifizieren können. Das ist natürlich ein enormer Effekt, wenn Sie in der Lage sind, fünf Jahre auf wenige Monate zu verkürzen. Die Pharmabranche ist Geld zu zahlen bereit, um ihre Entwicklung zu beschleunigen und Risiken zu reduzieren, und zu beidem tragen wir ganz massiv bei.

Wozu brauchen Sie die Kapitalerhöhung?

Wir können aus einem Tropfen Blut nicht nur DNA und RNA, sondern auch Proteine und Stoffwechselprodukte nachweisen. Damit können wir Biomarker entwickeln, mit denen sich Aussagen zu Schwere und Fortschritt der Krankheit und zur Prognose treffen lassen. Das wollen wir zum Beispiel ausbauen, das ist für uns ein entscheidender strategischer Punkt. Denn diese Daten sind für pharmazeutische Unternehmen, aber auch die Kostenträger wie etwa Krankenversicherungen, von großer Bedeutung.

Pharmaunternehmen verdienen mit Medikamenten gegen seltene Krankheiten sehr viel Geld, der Markt für diese sogenannten Orphan Drugs wächst um 13 bis 18 Prozent pro Jahr. Wenn Sie so wertvolle Dienstleistungen für diese Firmen erbringen, wann schreibt Centogene denn Gewinne?

Wir verdienen mit unserem Kerngeschäft Geld, wir geben nur mehr aus, weil wir schneller wachsen wollen. Eine vorsichtige Prognose: In zwei bis drei Jahren machen wir Gewinn. Vermutlich wird es deutlich schneller gehen.
 


INVESTOR-INFO

Centogene

Wachstum als Priorität

Corona-Tests bringen Centogene zusätzliche Einkünfte, einen höheren Bekanntheitsgrad und tragen eventuell zur Normalisierung der Aktivitäten bei Pharmapartnern bei. Das Kerngeschäft rund um Diagnostik und Datenbank zu seltenen Krankheiten hat großes Potenzial, daher investiert das Unternehmen stark in dessen Wachstum. Nur ein geringer Teil der Aktien ist frei handelbar, was zu starken Kursschwankungen führt. Spekulativ.

 


Vita

Testspezialist

Der Humanmediziner wurde nach der Promotion an der Uni Mainz und Stationen an der Freien Universität Berlin und dem Berliner Virchow-Klinikum Professor für Neurologie an der Universität Rostock. Arndt Rolfs gründete Centogene 2006. Im November 2019 folgte der Börsengang an die Nasdaq, der rund 56 Millionen Dollar einbrachte. Der Opernliebhaber lebt mit seiner Familie in Berlin und wird am Sonntag 61 Jahre alt.


Bildquellen: CENTOGENE N.V.

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