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05.08.2020 09:00
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"Hygiene steht künftig im Mittelpunkt"

Werbung: "Hygiene steht künftig im Mittelpunkt" | Nachricht | finanzen.net
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Prof. Dr. med. Christian Lackner kennt sich aus mit Hygiene. Er leitete einst das Institut für Notfallmedizin und Medizinmanagement am Universitätsklinikum München und ist jetzt Director Healthcare Division des auf Bau und Immobilien spezialisierten Beratungsunternehmens Drees & Sommer SE. Im Interview mit finanzen.net spricht er über Gesundheit und Wohlbefinden im Büro der Zukunft - und prognostiziert, dass Hygienekonzepte von Krankenhäusern Einzug in die künftige Arbeitswelt halten werden.
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Herr Professor Lackner, was ist mit Blick auf die Arbeitswelt der Zukunft aus Ihrer Sicht die wichtigste Konsequenz aus der Corona-Pandemie?

Prof. Lackner: Die wichtigste Konsequenz ist etwas, das eigentlich schon immer galt, aber von vielen Arbeitnehmern - vielleicht aus falsch verstandener Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber - nicht beherzigt wurde: niemals krank zur Arbeit! Um sich selbst vor einer Verschlechterung der Symptome zu schützen und Kolleginnen und Kollegen nicht unnötig möglichen Ansteckungsgefahren auszusetzen, sollte man unbedingt beachten, dass man mit grippeähnlichen Krankheitssymptomen wie Fieber, Husten oder Kopf- und Gliederschmerzen zuhause bleiben sollte. Hier besteht immer noch die Möglichkeit, bei milden Krankheitssymptomen im Homeoffice zu arbeiten. Denn üblicherweise ist es im Büroalltag kaum möglich, in der Routine über den gesamten Tag die notwendigen Maßnahmen für eine Unterbindung der Ansteckung weiterer Kolleginnen und Kollegen konsequent umzusetzen.

Vor welcher Herausforderung stehen Arbeitgeber jetzt, wenn es um die Wiederaufnahme des Bürolebens geht?

In der ersten Phase werden grundlegende Änderungen vorgenommen, um die Sicherheit der Mitarbeiter zu gewährleisten und Ängste abzubauen. Wir haben vielleicht viele Jahre mit Influenzaviren - also der Grippe - gelebt, aber dies ist das erste Mal, dass unsere Generation eine Pandemie erlebt hat. Wir sind uns jetzt der Gesundheitsrisiken sehr bewusst, ob real oder imaginär. Und Arbeitgeber sind überempfindlich gegenüber dem Haftungspotential, wenn Menschen bei der Arbeit krank werden.

Was ist denn kurzfristig notwendig, damit Unternehmen zu einem halbwegs normalen Büroalltag zurückkehren können?

Zentral ist ein Hygienekonzept. Das umfasst zum einen Verhaltensregeln für die Mitarbeiter: Händehygienepraktiken, die Einhaltung von Husten- und Niesetiketten, soziale Distanzierung, persönliche Schutzausrüstung sowie das Erkennen und Minimieren potenzieller Übertragungswege bei der Arbeit, zu Hause und in der Community. Dazu müssen leicht verständliche Schulungen etwa in Form von Webinaren oder Broschüren für die Mitarbeiter angeboten werden, in deren bevorzugten Sprachen und mit genauen Informationen. Um Abstandsregeln einzuhalten, kann es dienlich sein die Treppen statt Aufzüge zu verwenden und Bodenmarkierungen anzubringen. In Gemeinschaftsküchen sollten keine Speisen, sondern ausschließlich Getränke wie Kaffee oder Tee zubereitet werden. Das Geschirr sollte sofort in die Spülmaschine eingeräumt werden. Und dann braucht man natürlich genaue Absprachen etwa mit Reinigungsfirmen, wie die Hygiene dauerhaft sichergestellt wird. In einer akuten Ausbruchsituation sind deutlich kürzere Reinigungsintervalle umzusetzen, dies auch während den üblichen Dienstzeiten. So kann es sein, dass besonders beanspruchte Flächen, je nach Erregerart, mehrfach am Tag gereinigt werden müssen.

Muss man künftig im Büro einen Mund-Nasen-Schutz tragen?

In Bereichen, wo der Mindestabstand nicht konsequent realisierbar ist - etwa durch Absperrungen, Markierungen und Zugangsregelungen - ist eine Mund-Nasen-Bedeckung für alle Beschäftigten, aber auch für Kunden und Dienstleister sinnvoll und notwendig. Da insbesondere der hintere Nasenraum der übliche Replikationsbereich der viralen Erreger ist, muss dabei zwingend darauf geachtet werden, dass nicht nur der Mund, sondern insbesondere auch die Nase bedeckt wird. Für ungeübte Träger mag dies anfangs unangenehm erscheinen, dies ist aber je nach Maskenart sehr schnell tolerierbar.

Wie kann man als Arbeitgeber organisatorisch dazu beitragen, die Hygiene am Arbeitsplatz sicherzustellen?

Zum einen durch die Zurverfügungstellung von Desinfektionsmitteln und regelmäßiges Erinnern an die Händehygiene. Und außerdem durch die Entzerrung von Schichtwechseln, Pausen, Besprechungen und andere Anwesenheiten im Büroumfeld, so dies der Arbeitsablauf zulässt. Bei Desktop-Sharing ist auf eine regelmäßige gründliche Reinigung der Flächen zu achten. Neben Türgriffen sind hier vor allem auch Tastaturen, Mäuse und Headsets regelmäßig zu reinigen. Und in Sozialräumen wie etwa der Kantine ist das Einhalten des Mindestabstands von 1,5 Metern durch eine klare Begrenzung der Personenzahl und eine entsprechende Anordnung von Tischen und Stühlen zu organisieren.

Bei Hygiene oft vernachlässigt: Tastaturen, Smartphones und Mäuse müssen regelmäßig gereinigt werden. ©erik-mclean_unsplash.com

Was ist denn mit den Konferenzen und Meetings, die bisher den Alltag vieler Arbeitnehmer geprägt haben?

Die Mitarbeiter sollten ermutigt werden, virtuelle Besprechungstools anstelle von persönlichen Besprechungen zu verwenden, wann immer dies möglich ist. Wenn persönliche Besprechungen unerlässlich sind, sollten diese auf maximal 10 Personen beschränkt werden. Und natürlich muss man auf eine ausreichende Raumgröße achten und durch eine entsprechende Bestuhlung und Hinweisschilder dafür sorgen, dass der Mindestabstand der Teilnehmer eingehalten wird. Da insbesondere Viren bisweilen zu sogenannten Aerosolbildung neigen, muss der Raum nicht nur regelmäßig desinfiziert, sondern auch gut gelüftet werden: Idealerweise sollten Räume mindestens 15 Minuten vor der Nutzung gelüftet werden, insbesondere dann, wenn sich unmittelbar davor andere Personen in dem Raum aufgehalten haben. Während der Sitzung sollte man in einem Rhythmus von 15 bis 20 Minuten mindestens für fünf Minuten die Fenster öffnen. Noch besser ist es, die Sitzung vollständig bei geöffneten Fenstern stattfinden zu lassen, so dies der Vertraulichkeitsgrad zulässt.

Und was muss baulich verändert werden, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden?

Pandemiesichere Büros werden kurzfristig organisatorische Änderungen, mittelfristig neue Arbeitsmuster und langfristig Design-Updates beinhalten, welche die Hygiene in den Mittelpunkt der Arbeitsplanung und Arbeitsplatzgestaltung stellen werden. Neben festinstallierten Desinfektionsmittelspendern ist kurzfristig die Errichtung von Trennwänden ganz wichtig - nicht nur solche aus Plexiglas am Empfang. Wir erleben die Rückkehr der Workstations. Früher ging es dabei vor allem um Privatsphäre und Akustik. Jetzt stellen sie eine physische Trennung zwischen Kollegen dar. Bis wir hoffentlich einen Impfstoff haben, fühlen sich die Menschen durch eine solche physische Barriere wohler. Insgesamt ist es auch nicht überraschend, dass viele Unternehmen das Ende des offenen Arbeitsplatzes und die Rückkehr kleiner privater Büros ankündigen. "Huddle-Räume" und ähnliches könnten vielleicht auch als Büros genutzt werden, bis die Protokolle zur sozialen Distanzierung gelockert sind. Außerdem sollten Sitzbereiche am Empfang entfernt werden, um gar nicht erst die Möglichkeit dazu zu geben, sich zu nahe zu kommen.

Wie werden Bürogebäude zukünftig konzipiert, um die neuen Hygieneanforderungen konsequent umzusetzen?

Langfristig prognostizieren Experten, dass das verstärkte Bewusstsein der Gesellschaft für ansteckende Krankheiten eine neue Art von Büro einleiten könnte - eines, das Elemente mit einem Krankenhaus gemeinsam hat. Eines der Leitprinzipien ist die Auswahl von Materialien, die einer starken Reinigung mit ätzenden Produkten standhalten. Man wird feststellen, dass poröse Oberflächen wie natürliches geöltes Holz vermieden werden, wobei Stein oder Laminate bevorzugt werden. Ich erwartete auch lösungsgefärbte Teppiche mit feuchtigkeitsbeständigem Träger, damit sie gegebenenfalls starkem Shampoonieren standhalten können. Diese haltbareren Materialien sind nicht unbedingt teurer als die bekannteren Alternativen. Dies ist wichtig, da in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nur wenige Unternehmen über ein Budget für eine teure Neuausrichtungen verfügen. Der Kostenunterschied ist nicht groß - es geht mehr darum, achtsam zwischen den Optionen A und B zu wählen. Ein weiteres Merkmal von Krankenhäusern, das wahrscheinlich zu einem festen Bestandteil des Büros wird, sind Waschbecken: Die Rezeption und die öffentlichen Bereiche sollten mit ihnen ausgestattet werden.

Wird es jemals eine Rückkehr zum normalen Büroalltag geben, wie wir ihn vor der Corona-Pandemie kannten?

Eher nicht, denn wir müssen uns tendenziell auf weitere Pandemien einstellen. Und grundsätzlich sind bestimmte Hygieneregeln ja auch losgelöst von Covid-19 sinnvoll. Wir brauchen mittelfristig völlig neue Bürokonzepte. Einige innovative Unternehmen interessieren sich bereits für die Idee des verteilten Büros. Wenn man statt eines überfüllten zentralen Hubs verteilte Gruppen kleinerer Büros schafft, die möglicherweise auch näher am Wohnort des Personals liegen, kann dies auch den Verkehr reduzieren und auch die Ausbreitung von Infektionskrankheiten über den öffentlichen Personennahverkehr mindern. Wenn kleinere Gruppen von Menschen zusammenarbeiten, würde dies die Notwendigkeit von Verbindungen und einer verbesserten psychischen Gesundheit befriedigen, ohne jedoch eine massive Exposition zu riskieren, bei der eine Person das Virus bekommt und alle anderen sich selbst isolieren müssen. Eine gestaffelte Belegschaft kann potenziell zum neuen Standard werden, wobei kleinere Gruppen an wechselnden Tagen und Schichten hinzukommen, um Stoßzeiten während der Hauptverkehrszeit vermeiden.

Gebote der Stunde aus Sicht des Infektions- und Arbeitsschutzes: Abstand, Rückverfolgbarkeit sowie Mund- und Nasenbedeckung. © Luis Alvarez - gettyimages.com

Prof. Dr. med. Christian Lackner, Director Healthcare Division der Drees & Sommer SE

Prof. Dr. med. Christian K. Lackner ist ein Kliniker im Immobilienunternehmen. Lackner tauschte seine langjährige Tätigkeit als Vorstand des Instituts für Notfallmedizin und Medizinmanagement am Uniklinikum München gegen eine leitende Beraterfunktion innerhalb der Healthcare Division des auf Bau und Immobilien spezialisierten Beratungsunternehmens Drees & Sommer. Große Kliniken berät er seit vielen Jahren bei Detailplanungen für den Massenanfall von Verletzten (MANV) oder von Infizierten (MANI). Er strukturiert große Notaufnahmen oder Intensivstationen in den Routineprozessen und unterstützt Klinika bei der Harmonisierung und Fortschreibung dieser Planungen auf regionaler und Landesebene.

Mehr zu den Anforderungen an die neue Arbeitswelt erfahren Sie hier: Themendossier Arbeitswelt

Bildquellen: Drees & Sommer , Erik McLean / unsplash.com, Luis Alvarez / gettyimages.com
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