27.10.2018 01:00

Hochstapler-Masche: Was Tausende geprellte P&R-Anleger erwartet

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Sieben Monate nach der Insolvenz von P&R ist noch völlig unklar, wie viel die 54.000 Anleger von ihrem Geld, das sie in Container investierten, wiedersehen werden. Ihnen bleibt nur eines: Warten.
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von Bernhard Bomke, Euro am Sonntag

Den geschädigten Anlegern des insolventen Containerinvestment-Unternehmens P&R mit Sitz in Grünwald bei München bleibt weiterhin nicht viel anderes übrig, als sich in Geduld zu üben. Daran ändern auch die Gläubigerversammlungen für die insolventen Vertriebsgesellschaften nichts, zu denen Insolvenzverwalter Michael Jaffé die Gläubiger, also die 54.000 Anleger, nach München geladen hatte.


Vor Beginn der ersten Versammlung äußerte ein Investor aus Nordhessen: "Ich hoffe, dass heute der Schleier gelüftet wird, was uns der Sauhaufen von P&R ein­gebrockt hat." Der Rentner hat 200.000 Euro in P&R-­Container gesteckt und fürchtet nun, von dem Geld nicht mehr viel wiederzusehen. Allerdings hatte Jaffé dem Mann und den übrigen gut 2.500 Anlegern, die am Mittwoch in die Münchner Olympia­halle gekommen waren, nicht viel mehr zu bieten als die Bitte um Vertrauen.

Er forderte sie auf, die Füße still­zuhalten und keinesfalls zu versuchen, ­Eigentumsrechte an einzelnen Con­tainern geltend zu machen. Begründung: Die nicht insolvente P&R-Gesellschaft in der Schweiz solle die Vermietung der Container und den Eingang entsprechender Mieteinnahmen un­gehindert sicherstellen können. Die ­Vermietung der Stahlbehälter ist Teil dessen, was Michael Jaffé ein "mehrstufiges koordiniertes Verwertungskonzept" nennt. Darunter versteht der Jurist zum einen die Vermietung und zum anderen den Verkauf der Container.


Durch beides soll möglichst viel Geld in die Insolvenzmasse fließen, aus der wiederum die Ansprüche der Anleger befriedigt werden sollen. Die, so schätzen Anwälte wie Marc Gericke von der Siegburger Kanzlei Göddecke, dürften zum Großteil unerfüllt bleiben. Gericke und Kollegen gehen von zehn bis 25 Prozent Rückfluss aus. Daniel Bauer, Vorstands­chef der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), hält maximal 30 Prozent für realistisch.

Mit anderen Worten: Bis zu 90 Prozent des angelegten Geldes sind voraussichtlich futsch. Bitter nicht nur für den Rentner aus Nordhessen, der mit den von P&R versprochenen Zinszahlungen in Höhe von drei bis fünf Prozent seine Rente aufbessern wollte: "Ich werde nun kürzertreten müssen und kann meine drei Kinder nicht mehr so unterstützen, wie ich es gerne tun würde."

Jaffé erhöht auf 630.000 Container

Den Anlegern bleibt also nicht viel mehr als die Hoffnung, dass die an diverse Leasinggesellschaften vermieteten Container in den nächsten Jahren noch für regelmäßige Mieteinnahmen gut sein mögen. Das könnten bis Ende 2021 im Ideal­fall 560 Millionen Euro sein, erklärte der Insolvenzverwalter auf der ersten Gläubigerversammlung, bei der es um die P&R Gebrauchtcontainer Vertriebs- und Verwaltungs-GmbH ging. Eine erste Abschlagszahlung an die Anleger sei "im besten Fall" im Jahr 2020 möglich. Wie hoch die ausfallen könnte, sagte er nicht.

Immerhin brachte Jaffé eine neue Zahl mit. Bislang hatte er erklärt, von den 1,6 Millionen Containern, die an die 54.000 P&R-Anleger verkauft worden waren, existierten de facto nur 618.000. Diesen Wert korrigierte er leicht nach oben. Tatsächlich seien knapp 630.000 Container vorhanden. Für die Anleger bedeutet das jedoch kaum einen Unterschied. Viele haben bei dem von Heinz Roth gegründeten Unternehmen P&R-­Container gekauft, die es nie gab. Welche Erklärung Roth für den Unterschied zwischen Schein und Sein hat, ist noch nicht bekannt. Der 75-Jährige sitzt seit dem 12. September wegen Betrugsverdachts und wegen befürchteter Fluchtgefahr in Untersuchungshaft.

Er habe, so erklären Vertraute, offensichtlich bis zuletzt daran geglaubt, sein Geschäftsmodell am Laufen halten zu können. Eine verhängnisvolle Illusion. Spätestens seit 2007 bestand eine Differenz zwischen der Zahl der verkauften und jener der tatsächlich vorhandenen Con­tainer, erklärt Jaffé. Die Folge: Die laufenden Erlöse reichten nicht mehr aus, um die Renditeansprüche der Anleger zu bedienen. Das "System P&R" habe nur aufrechterhalten werden können, "solange genug Neuanlagegelder generiert werden konnten". Neue An­leger bezahlten mit ihrem Geld die Renditen für Altanleger. Ein klassisches Schneeballsystem also. "Das war es von Anfang an", glaubt SdK-Chef Bauer.

Insolvenz acht Jahre verspätet

Bereits im Jahr 2010 hätte P&R wegen drohender Zahlungsunfähigkeit Antrag auf Insolvenz stellen müssen, ­erklärte der Insolvenzverwalter den staunenden Gläubigern, die den Klartext Jaffés wiederholt mit Applaus bedachten - höchst ungewöhnlich für solche Versammlungen. Ohnehin sei am Fall P&R einiges ungewöhnlich, sagt der Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Schirp, der zahlreiche geprellte Anleger vertritt. Bei den P&R-­Versammlungen han­dle es sich mithin keineswegs um reine Standardtermine. "Hier gibt es einen wesentlichen kriminellen Hintergrund."

Jaffés Ausführungen zufolge ging die Rechnung endgültig nicht mehr auf, als infolge der Regulierung solcher Anlagemodelle und nach der Insolvenz des Konkurrenten Magellan im Jahr 2016 erheblich weniger Anleger Interesse bekundeten, ihr Geld in Container zu stecken. "Als schließlich die Liquidität der P&R-Gruppe vollständig aufgebraucht war", so Jaffé, "mussten die deutschen P&R-Gesellschaften im März 2018 Insolvenzantrag stellen." Nach seiner Rechnung also mit acht Jahren Verspätung.

Zusammen mit den Gläubigerausschüssen will Jaffé den optimalen Mix aus Weitervermietung und Verkauf von Containern hinbekommen. "Es kann keinen übereilten Verkauf der Con­tainer unter Wert geben", so der Insolvenzverwalter, der es bei P&R nach Einschätzung eines Gläubigeranwalts mit der "für einen Insolvenzverwalter lu­krativsten Pleite seit Schlecker" zu tun hat. "Wir wissen aber auch um die berechtigte Erwartung der Anleger auf Erfüllung ihrer Ansprüche innerhalb eines überschaubaren Zeitrahmens."

Letzteres hat unter anderem damit zu tun, dass rund ein Drittel der P&R-­Anleger mindestens 70 Jahre alt ist. Eine hohe dreistellige Zahl ist bereits 90 und älter. Doch auch jüngere Semester sind alles andere als amused über den wahrscheinlichen Verlust eines Großteils ­ihrer Einlagen. So wie eine 48-jährige Münchnerin, die am Mittwoch in der Schlange vor der Olympiahalle stand. Sie geht davon aus, dass sie ihre P&R-­Einlage abschreiben muss. Aber sie spricht dennoch nicht von "Sauhaufen", sondern rechnet nüchtern vor, wie viel sie in den vergangenen fast 20 Jahren mit den Stahlbehältern an Zinsen verdient hat. "Unterm Strich habe ich ein Plus gemacht", sagt sie. Damit zählt sie zu den Glücklicheren.

Besonders hart erwischte es dagegen einen 55-jährigen oberbayerischen Handwerker. Er hatte nach viel Pech mit Aktien, einer Lebensversicherung und einer Eigentumswohnung alles auf die Karte P&R-Container gesetzt. "Ich habe alles erlebt", erzählt er. "Die RusslandKrise, die Dotcom-Blase, den Irak-Krieg von George W. Bush und die Finanzkrise." Und die Container? "P&R hat immer gezahlt." Das schaffte Vertrauen. Am Ende waren es fast 500.000 Euro, die er in 200 Container investiert hatte. Das sollte für ihn und seine Frau die Altersvorsorge sein. "Jetzt ist unser ganzes Vermögen verloren", stellt er fest.

Und es bleibt ihm ein Rätsel: "Warum hat P&R die Anleger nicht rechtzeitig darüber informiert, dass es Zahlungsprobleme gab? Wir wären bereit gewesen, eine Weile auf Zinszahlungen zu verzichten, wenn P&R dadurch hätte gerettet werden können."

Einen anderen Ansatz wählen Anwalt Schirp sowie die neue Bürgerbewegung "Finanzwende", die der Grünen-Finanzpolitiker Gerhard Schick gegründet hat. Schirp reichte vergangene Woche eine Klage gegen die Finanzaufsicht Bafin ein, der er schwere Versäumnisse bei der Aufsicht über P&R vorwirft. Der konkrete Aufhänger: Das P&R-Angebot 5004 hätte von der Bafin, die solche Anlagemodelle seit Anfang 2017 zur Genehmigung vorgelegt bekommen muss, nicht genehmigt werden dürfen, sagt der Anwalt. Die Bafin argumentiert dagegen, ihr Auftrag bestehe nicht darin, die Plausibilität solcher Anlagen zu prüfen. Schirp kündigt in diesem Kontext noch mindestens zwei Dutzend Klagen an.

Bürgerbewegung kontra Bafin

Die Bürgerbewegung Finanzwende wiederum sammelte vor der Olympia­halle Unterschriften für ein Schreiben an den Bafin-Präsidenten Felix Hufeld. Das Motto: "Bafin, aufwachen! Stopp endlich Betrügereien wie P&R!" Die Behörde müsse endlich ihren Job machen, forderte ein Sprecher der Organisation. Sein Vorwurf: Die Finanzaufsicht nehme den Schutz von Banken und Versicherungen viel ernster als den von Verbrauchern. Diese Einschätzung wäre bei den Gläubigerversammlungen mehrheits­fähig gewesen, hätten die Anleger da­rüber abstimmen dürfen. Ihr großteils wohl verlorenes Geld brächte ihnen aber auch das nicht zurück.

Die Historie von P&R:

Gründung: Ende 1975 gründen Heidrun Pfeifer (Geschäftsführerin bis 1992) und Heinz Roth das Unternehmen P&R Pfeifer und Roth GmbH. Die beiden ­halten jeweils 50 Prozent an der Firma. Wesentlicher ­Unternehmenszweck: der Vertrieb und die Verwaltung von Containern.

Wachstum: Ab 1978 werden weitere P&R-Gesellschaften gegründet, darunter im Jahr 1982 die P&R Equipment & Finance Corp. in der Schweiz. Diese Gesellschaft steuert fortan den weltweiten Einkauf von Containern.

Erfolg: Das Unternehmen, das bis zuletzt seinen 1980 bezogenen Sitz in der Nörd­lichen Münchner Straße 8 in Grünwald bei München hatte, meldet für seine Anlagen, die mangels Regulierung zum grauen Kapitalmarkt gezählt werden, immer wieder neue Rekordzahlen. Mitte 1999 verwaltet P&R für über 20.000 Investoren Con­tainer, im Frühjahr 2005 bereits für mehr als 40.000 Anleger, Ende 2011 waren es etwa 57.000 und 62.000 Investoren Anfang 2013.

Platzierungsrekord: Im Jahr 2013 sammelt P&R bei Anlegern die Rekordsumme von einer Milliarde Euro ein.

Regulierung: Der Gesetzgeber änderte das Vermögensanlagegesetz. Die Folge: P&R musste für den Vertrieb seiner Anlagen ab 1. Januar 2017 Prospekte erstellen und der Finanzaufsicht Bafin vorlegen.

Heinz Roth: Im Juni 2017 zieht sich der ­Firmengründer aus der Geschäftsführung ­diverser P&R-Gesellschaften zurück.

Insolvenzen: Am 15. März 2018 werden für die P&R Container Vertriebs- und Verwaltungs-GmbH, die P&R Gebrauchtcontainer Vertriebs- und Verwaltungs-GmbH und die P&R Container Leasing GmbH Insolvenz­anträge gestellt. Am 26. April 2018 folgen Insolvenzanträge für die P&R Transport- Container GmbH sowie für die P&R AG.

Containerschwund: Im Mai 2018 teilt In­solvenzverwalter Michael Jaffé mit, dass es von den 1,6 Millionen Containern, die von P&R an Anleger verkauft wurden, offenbar nur 618.000 tatsächlich gibt.

Verhaftung: Heinz Roth wird am 12. September 2018 wegen des Verdachts des Betrugs und wegen Fluchtgefahr verhaftet.






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Bildquellen: donvictorio / Shutterstock.com
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