Der große Pokemon-Check!
Das Spiel Pokemon GO hat sehr schnell die Gunst der Menschen erobert und wurde innerhalb von zwei Wochen zu einem fast schon eigenständigen Megatrend. Aktuell wird Pokemon GO, das sich in seiner Spielmechanik Elemente des zukünftigen Trends Augmented Reality zunutze macht, von vielen als Entertainmentart betrachtet. Was allerdings viel wichtiger ist und des Öfteren übersehen wird, ist die Tatsache, dass Pokemon GO einen riesigen Schritt in Richtung Etablierung von sowohl VR- als auch AR-Anwendungen auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens bedeutet. Der ökonomische Effekt sowie seine Folgen für die Entwicklung bestimmter Branchen könnten unterschätzt sein.
Aus diesem Grund schnappt sich der wöchentliche TrendScout das Smartphone und startet die wilde Jagd, um mithilfe der Augmented Reality die ökonomische Wirkung der neuen Trendrichtung sowie ihre mögliche Profiteure zu identifizieren.
Der Anfang
Das Pokemon-Phänomen ist nicht neu. Ende der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren die Poket Monster eines der populärsten und zugleich erfolgreichsten Mediafranchises von Nintendo. Die ersten Pokemons tauchten in einem PC-Spiel auf und gewannen sofort an Popularität. Die Trenderscheinung wurde selbstverständlich aufgegriffen und entsprechend kommerzialisiert. Besonders hervorzuheben ist in dieser Hinsicht die ganze Reihe verschiedener TV-Serien und Anime-Verfilmungen, die in der japanischen Kultur und im gesellschaftlichen Leben einen besonderen Stellenwert haben. Sehr interessant ist, dass das Zielauditorium sowohl Jugendliche als auch Erwachsene umfasste, was teilweise auch für den aktuellen Erfolg von Pokemon GO verantwortlich ist.
Zu Anfang des 21. Jahrhunderts ging die Popularität sowie die allgemeine Begeisterung für Pokemons stark zurück und die einst beliebten Monstern wurden in die staubige Schublade verdammt.
The Pokemon Resurrection
Im Vergleich zu allen anderen Spielen, die meisten mit dem starren Sitzen vorm PC-Monitor oder mit einem Smartphone in der Hand assoziiert werden, unterscheidet sich Pokemon GO dadurch, dass der Spieler sich kontinuierlich bewegen muss. Das Spielfundament bilden reale Orte: bekannte Straßenzüge, Städte, Gewässer usw. Das mobile Endgerät spielt dabei die Rolle eines Detektors, der seinen Benutzer über das Auftauchen des einen oder anderen Monsters sofort benachrichtigt.
Aktuell tauchen die meisten Poket Monster in den Zentren der Großstädte und ihren Sehenswürdigkeiten, aber auch auf offenen Feldern und sogar in verschiedenen Gebäuden auf, was aus kommerzieller Perspektive betrachtet der Schlüssel zum Erfolg sein könnte und das nicht nur für seine Entwickler, sondern auch für ganze Industriezweige. Womit wir schon zur Übersicht der möglichen Profiteure gelangen.
Nintendo, Google, Apple und Co.
In erster Reihe ist selbstverständlich der in den letzten Jahren unter die Räder geratene Gaming-Spezialist Nintendo. Den Kursverlauf der letzten Wochen muss man hier nicht weiter beleuchten. Dieser erinnert mit seiner 90-Grad-Steigerung an die Katheten eines rechtwinkligen Dreiecks aus dem Mathe-Unterricht und dürfte mittlerweile schon allen bekannt sein. Pokemon GO könnte für Nintendo die Wirkung eines „goldenen Tickets“ in die Liga der führenden Mobile-App-Entwickler bedeuten, wo das Unternehmen noch bis vor zwei Wochen als hoffnungsloser Outsider galt. Die Marktkapitalisierung des Konzerns stieg innerhalb weniger Tage von 17 auf rund 32 Mrd. USD an. Der einzige, aber nicht unwichtige Faktor, der angesichts des fulminanten anfänglichen Erfolgs für Skepsis sorgt, ist und bleibt die Tatsache, dass das Spiel nicht komplett von Nintendo entwickelt wurde. Pokemon GO entstand aus einerKooperation zwischen dem Softwareentwickler Niantic und The Pokemon Company. Nintendo selbst vergab lediglich die Lizenzrechte. Der eigentliche Geldfluss, obwohl offiziell unbestätigt, könnte mit hoher Wahrscheinlichkeit wie folgt aussehen.
Das Spiel an sich steht kostenlos zur Verfügung und generiert auf diese Weise zunächst keine Einnahmen. Der Cashflow erfolgt erst dann, wenn der Spieler sich entscheidet, digitalen Content im Spiel zu erwerben. Und sobald das passiert, fängt das Umverteilen des Umsatzes an. Rund 30 % der Umsätze bekommen in erster Linie die App-Store-Betreiber Android bzw. Apple. Weitere 30 % der verbleibenden Einnahmen fließen jeweils an Niantic und The Pokemon Company. Nintendo selbst verdient auf direkte Weise knapp unter 10 %. Indirekt dürfen es aber mehr sein, da der Konzern sowohl rund 32 % Anteile an The Pokemon Company besitzt als auch einen Anteil unbekannter Größe an Niantic.
Aus dieser Perspektive betrachtet ist der aktuelle Hype um die Nintendo-Aktie völlig übertrieben. Warum wird diese Wachstumsstory aber weiter gespielt. Die Antwort liegt höchstwahrscheinlich in der Spekulation, dass Nintendo noch weitere Lizenzen für beliebte Spielklassiker wie Super Mario und Zelda besitzt und diese in Anbetracht des Pokemon-Erfolgs ebenfalls entsprechend kommerzialisieren könnte.
Für viel Optimismus bei den Anlegern sorgt Nintendos Absicht, verschiedene Zusatzgeräte, angefangen mit einem einfachen Armband, auf den Markt zu bringen. „Pokemon GO Plus“ hat alle Chancen, erfolgreich zu werden und den Status eines Massenprodukts zu erwerben. Das Armband erlaubt nämlich die Identifizierung und Erfassung eines Monsters, ohne ständig auf das Smartphone schauen zu müssen. Und weil das Spiel die physische Bewegung des jeweiligen Spielers voraussetzt, erscheint in dieser Hinsicht auch die ferne Spekulation über die Erweiterung von „Pokemon GO Plus“ zu einem echten und konkurrenzfähigen Fitness-Tracker möglich, der mit herkömmlichen Geräten konkurrieren könnte. Sollten sich diese Geräte durchsetzen, so ist es auch möglich, dass die Armbänder durch entsprechende Mobile-Payment-Lösungen erweitert werden, womit wir schon zu weiteren, direkten Profiteuren des aktuellen Trends gelangen.
Restaurants, Cafès und McDonalds Japan.
Die Meldungen der letzten Wochen machen eindeutig, dass ganz viele Restaurants, Cafés aber auch Museen oder Geschäfte sehr stark von den pilgernden Spielern, die auf der Suche nach seltenen Pokemons oder eben Turnier- oder Trainingsplätzen für die Monster sind, profitieren. Auch diese kommerzielle Säule dürfte in der näheren Zukunft von einigen großen Restaurant- und Fast-Food-Ketten angezapft werden.
Allen voran ist in dieser Hinsicht McDonalds Japan. Obwohl das Spiel offiziell erst am vergangenen Donnerstag nach Japan kam, kaufte der Konzern bereits 3.000 Turnier-Arenen, die nun in den Filialen platziert werden, um den Durchlauf seiner Restaurants signifikant zu erhöhen. Zusätzlich meldete der Konzern, verschiedene Pokemon-Sets in den Happy-Meal-Menüs bringen zu wollen. Angesichts der mehr als 150 verschiedenen Pokemons, die bereits existieren, dürfte diese Strategie die Profitabilität der japanischen Vertretung der beliebten Fastfood-Kette sichern und bei Bedarf auch auf andere Länder übertragen. Die Aktie von McDonalds Japan zeigt seit der Einführung der Pokémon-Kampagne eine sehr starke Charttechnik. In dieser Hinsicht ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis andere Fastfood-Ketten, aber auch Restaurants und Cafés mit der Pokemon-Strategie nachziehen.
Ein aktueller Profiteur der Pokemon-Manie ist die Aktie der größten Einzelhandelskette für Videospiele GameStop.
Wie das Unternehmen vor wenigen Tagen mitteilte, stieg der Umsatz in denjenigen Geschäften des Konzerns, in denen sich PokeStops befinden, um satte 100 %. Die Rede ist zunächst nur von rund 462 Filialen, ihre Anzahl wird aber angesichts der großen Profitabilität sehr schnell erweitert werden. GameStop profitiert im Wesentlichen durch den Verkauf des spielbegleitenden Contents und verschiedener Fan-Artikel, die mit dem Pokemon-Trend zusammenhängen. Zusätzlich kommunizierte der Konzern seine Pläne, spezielle Familien-Aktionen in den eigenen Filialen durchführen zu wollen, um den Hype optimal ausnutzen zu können.
Die Marktteilnehmer begegnen diesen Nachrichten mit hohem Optimismus und die Aktie von GameStop verzeichnet in den letzten Wochen ebenfalls eine positive Chartdynamik.
Ein weiterer Gewinner zeichnet sich in der Aktie von ZAGG.
Das größte Problem des dauerhaften Spielens an der frischen Luft ist, dass der Smartphone-Akku dem Dauerbetrieb nicht allzu lange standhalten kann und schnell leer wird, was natürlich das Spielvergnügen verdirbt. Die Lösung sind sogenannte Batteriepacks, mit deren Hilfe die leeren Akkus ganz ohne Stromanschluss unterwegs geladen werden können. In den USA gehört Zagg zu genau solchen Smartphone-Zubehör-Spezialisten, die schon sehr bald davon profitieren könnten. Zumal das Unternehmen sein Engagement zum Jahresbeginn durch die Mophie-Übernahme zusätzlich verstärkte. Die US-Analysten sind sich einig, dass Zagg kurz vor einer steigenden Nachfrage nach den Batteriepacks steht. Die Aktie wurde neulich von den Craig-Hallum-Experten mit einem „Buy“-Rating und einem Kursziel von 12,50 USD versehen.
Was ist zu erwarten?
Es ist offensichtlich, dass der momentane Pokemon-Hype nur der erste und aus ökonomischer Sicht durchaus ernstzunehmende Vorbote des bevorstehenden Megatrends von Augmented bzw. Virtual Reality ist, die immer noch in den Kinderschuhen stecken. Das kolossale ökonomische Potenzial, obwohl zunächst schwer zu quantifizieren, dürfte auf jeden Fall vorhanden sein. Wie sich der Trend weiter entwickelt, lässt sich momentan nicht prognostizieren, was aber sicher kommt, ist eine Vielzahl von AR-Pokemon-Klons, die den Mobile-App-Markt schon sehr bald regelrecht überfluten werden, um am aktuellen Erfolg teilzuhaben. In dieser Hinsicht dürfen die Anleger nicht den Überblick verlieren und ihren Blick verstärkt in Richtung große Gaming-Spezialisten richten, über die wir schon öfter berichtet haben. Denn die Nachricht über den Erfolg und das immense, zukünftige Wachstumspotenzial von AR- und VR-Apps dürfte spätestens mit dem Pokemon-Hype bei allen Vertretern der Branche angekommen sein. Aus diesem Grund ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Großkonzerne der Gamingindustrie auf diese Trenderscheinung reagieren werden. Zumal sich fast alle großkapitalisierten Konzerne in der letzten Zeit den einen oder anderen Mobile-App-Entwickler ins Portfolio kauften.
Einer der ersten, der in dieser Situation reagieren könnte, wäre Activision Blizzard. Das Unternehmen verfügt sowohl über das nötige Kapital als auch über die Expertise, dank der früheren Akquisition des Candy-Crush-Entwicklers King Digital. Zumal das passende Spielformat mit der Mobile App „Skylanders“ bereits vorhanden ist. Die Anwendung ist allerdings zunächst nur auf iPhone und iPad spielbar.
Ein weiterer Kandidat wäre selbstverständlich Electronic Arts. Die Analysten von Profit Confidential kamen zu dem Ergebnis, dass EA im Jahr 2015 der größte Publisher von Spielen für Xbox One, und PS4 gewesen ist und, was viel wichtiger ist, den ersten Platz bei den Downloads von Mobile-Apps eingenommen hat. In dieser Hinsicht verfügt auch EA über eine durchaus starke Expertise bei der Entwicklung und Vermarktung von Mobile-Games.
Und anschließend ist kein geringerer als der Windows-Konzern Microsoft zu nennen. Das Unternehmen hat ebenfalls sehr gute Chancen, seine Profitabilität mithilfe von AR-und VR zu steigern. Neben dem eigentlichen Kerngeschäft, das von Monat zu Monat immer stärker wird, entwickelt Microsoft neben der Spielkonsole Xbox auch verschiedene Videospiele. Der größte Vorteil ist, dass Microsoft mit HoloLens eine eigene AR-Brille hat. In dieser Hinsicht ist die Spekulation durchaus zulässig, dass der Konzern neben der eigentlichen Business-Ausrichtung seiner AR-Entwicklung auch den „spielerischen“ Aspekt testen könnte.
Abschließend bleibt anzumerken, dass der Erfolg und die rasante Verbreitung des einfachen AR-Spiels auch die überzeugten AR- und VR-Experten überraschte. Damit dürfte der Vorhang des bevorstehenden Trends um Augmented und Virtual Reality nun endgültig gefallen sein und die Welt darf gespannt auf Neuerscheinungen warten!