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In der Bauindustrie macht sich Ernüchterung breit
Köln (ots) -
- Sondervermögen kommt nicht in der Branche an
- Atradius: Erhöhtes Insolvenzgeschehen zu verzeichnen
- Fachkräftemangel, Bürokratie und Preissteigerungen belasten
Das milliardenschwere Sondervermögen der Bundesregierung ist bislang nicht in
der Bauwirtschaft angekommen. Zwischen Januar und Oktober 2025 lag die Zahl der
Insolvenzen im Baugewerbe mit 3.174 um 9,3 Prozent über dem Vorjahreszeitraum.
"Im Bau macht sich durch die Bank hinweg Ernüchterung breit", sagt Frank
Liebold, Country Manager Deutschland beim internationalen Kreditversicherer
Atradius. In diesem Jahr könnte sich die Situation jedoch leicht entspannen und
verbessern.
Nach einer relativ ruhigen Phase in den Jahren 2020 und 2021 geriet die
Baubranche in den vergangenen Jahren erheblich unter Druck. "Auch wenn es so
scheint, als sei der Höhepunkt der Krise erreicht, sehen für die letzten fünf
Jahren nahezu eine Verdoppelung der Nichtzahlungsmeldungen", sagt Frank Liebold
und ergänzt: "Die Zahlungsmoral ist aktuell angespannt und wir verzeichnen ein
erhöhtes Insolvenzgeschehen." Problematisch sind aus seiner Sicht nach wie vor
die komplexen Genehmigungsprozesse und bürokratischen Hürden, die nach wie vor
für Verzögerungen sorgen, die gestiegenen Preise für Baumaterialien sowie der
anhaltende Fachkräftemangel.
Am herausforderndsten scheint die Lage nach wie vor im Wohnungsbau zu sein. Das
Ziel von 400.000 Wohnungen pro Jahr wurde bislang Jahr für Jahr verfehlt. So
dürften im vergangenen Jahr nur rund 220.000 Wohnungen fertiggestellt worden
sein. "Bedarf und Realität laufen in diesem Bereich weit auseinander", so Frank
Liebold weiter. Denn: Nach aktuellen Schätzungen werden in Deutschland bis zum
Jahr 2027/28 rund 800.000 weitere Wohnungen benötigt. Immerhin: Nach Angaben des
Hauptverbands der deutschen Bauindustrie wurden von Januar bis November 2025
insgesamt 215.500 Wohnungen (Neu- und Umbau in Wohn- und Nichtwohngebäuden)
genehmigt - ein Plus von 11,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Das
ist nach Ansicht mancher Top-Manager der Branche allerdings nur ein geringer
Trost. So sagte etwa Peter Hübner, Vorstand von Strabag: "2025 ist ein
verschenktes Jahr, definitiv!"
Nicht minder herausfordernd ist die Situation bei Gewerbeimmobilien. Seit der
Corona-Pandemie habe sich der Bedarf nach Büroflächen reduziert. "Den
Home-Office-Geist bekommt man nicht mehr in die Flasche zurück", sagt Frank
Liebold.
Hoffnung ruht auf Erholung in diesem Jahr
Es ist davon auszugehen, dass die durch das Sondervermögen geschaffenen
finanziellen Spielräume erst nach und nach wirksam werden. Bislang spiegelten
sich die Impulse weder in den Auftragsbüchern des Baugewerbes noch in aktuellen
Branchenumfragen wider. Hinzu kommt, dass bestehende Auftragsüberhänge erst
abgearbeitet werden müssen, bevor neue Maßnahmen greifen. Für das Jahr 2026
rechnen die Experten von Oxford Economics mit einem moderaten Anstieg der
Bauleistung um 1,4 %, wobei die Wachstumskurve mittelfristig steiler verlaufen
dürfte.
Wohnungsbau stabilisiert, Tiefbau profitiert
Nach einem deutlichen Minus von 4,3 Prozent im Jahr 2025 wird im Wohnungsbau für
dieses Jahr laut Oxford Economics ein leichtes Plus von 1,1 Prozent erwartet.
Positiv zu werten ist wie erwähnt der Anstieg der Baugenehmigungen im Jahr 2025
von 11,3 Prozent. Zusammen mit den Auswirkungen der geldpolitischen Lockerungen
deutet dies darauf hin, dass die Talsohle bei den Investitionen erreicht ist.
"Damit scheint der Weg für eine Stabilisierung in diesem Jahr geebnet und ein
robusteres Wachstum künftig möglich", erklärt Frank Liebold.
Laut Oxford Economics werden sowohl der Tiefbau als auch der Nichtwohnungsbau
durch das Konjunkturpaket gestützt. Der Arbeitskräftemangel bleibt jedoch ein
erhebliches Hindernis für die Fähigkeit des Sektors, seine Auftragsbestände
abzuarbeiten, und das Problem dürfte sich noch verschärfen, wenn die
zusätzlichen, durch das Konjunkturpaket finanzierten Aufträge in die Pipeline
kommen. Die Nichtwohnungsbauaktivitäten werden 2026 voraussichtlich um 2,4
Prozent zunehmen, während der Tiefbau um 1,2 Prozent wachsen wird. Letzterer
dürfte durch den hohen Sanierungsbedarf der deutschen Infrastruktur langfristig
am stärksten zulegen. So müssen nach Schätzungen etwa 4.000 Brücken kurz- und
mittelfristig saniert werden. Frank Liebold: "Für eine Industrienation wie
Deutschland ist eine intakte Infrastruktur überlebenswichtig. Hier muss dringend
investiert werden." Vor diesem Hintergrund sei davon auszugehen, dass sich
dieser Sektor des Baugewerbes gut entwickeln werde.
Fachkräftemangel und Bürokratie als Bremsklötze
Trotz dieser vergleichsweisen positiven Aussichten gilt es aus Sicht von
Atradius weiterhin, dass bestehende Hürden beseitigt werden. Eine
Herausforderung ist sicherlich der anhaltende Fachkräftemangel. "Das
Sondervermögen schafft zwar das nötige finanzielle Fundament, doch der eklatante
Fachkräftemangel wirkt wie ein Flaschenhals. Ohne zusätzliche Kapazitäten wird
es schwierig, die dringend benötigten Infrastrukturprojekte und
Wohnungsbauvorhaben in der Geschwindigkeit umzusetzen, die der Markt jetzt
fordert", sagt Frank Liebold. Nicht minder problematisch sei die überbordende
Bürokratie. So muss man bei einem Tiefbauprojekt vor dem ersten Spatenstich mit
15 bis 25 Genehmigungen und Fachnachweisen rechnen. Für ein Straßenbauprojekt
kann die Zahl der erforderlichen Genehmigungsschritte und Gutachten oft bei über
30 liegen. "Wir sehen zwar das Licht am Ende des Tunnels, aber der Weg dorthin
bleibt steinig", kommentiert Frank Liebold.
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