ROUNDUP 2: Auftakt für die Zuerst-zum-Hausarzt-Reform

27.01.26 17:43 Uhr

(durchgehend aktualisiert)

BERLIN (dpa-AFX) - Wie schnell kann man zur Orthopädin gehen oder zum Hautarzt? Häufig müssen Kassenpatienten darauf wochenlang warten. Für verlässlichere Termine bei Fachärztinnen und Fachärzten soll nach Plänen der schwarz-roten Koalition künftig eine gezieltere Patientensteuerung sorgen. Und zwar nach der Maxime: in der Regel erst einmal in die Hausarztpraxis. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) bringt das Vorhaben jetzt in Gang. Die genaue Gestaltung des neuen Systems ist noch offen. Alltag werden soll es voraussichtlich 2028.

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Warken sagte nach einem Auftakttreffen zu einem begleitenden Dialog mit Branchenakteuren in Berlin, von der Reform sollten alle profitieren: Patientinnen und Patienten mit mehr Orientierung im komplexen Gesundheitssystem - und Ärztinnen und Ärzte mit einem effizienteren Einsatz ihrer Kapazitäten.

Das Modell

Union und SPD wollen ein verbindliches Steuerungssystem einführen, bei dem man primär - also zuerst - in eine Hausarztpraxis geht. Sie überweist dann bei Bedarf und mit einem Termin in einem bestimmten Zeitraum an Fachärzte. Geht das nicht in einer Praxis, soll man auch zu Fachärzten in eine Klinik gehen können. Das soll eine "Termingarantie" darstellen, wie es im Koalitionsvertrag heißt. Bei Kindern sollen Kinderärzte erste Anlaufstellen sein. Ergänzt werden soll alles durch eine erste digitale Einschätzung noch vor dem Weg zur Praxis.

Die Details

Wie das System genau aussehen wird, soll jetzt konzipiert werden - auch mit weiterhin möglichen direkten Wegen zu Spezialisten. So sollen etwa Termine bei Frauen- und Augenärzten vom Erst-zum-Hausarzt-Prinzip ausgenommen sein. Auch Patienten mit schweren chronischen Erkrankungen stehen dafür im Blick. Sie könnten Jahresüberweisungen bekommen oder ein Fachinternist könnte als steuernder Primärarzt auftreten. Stärker einbinden will Warken auch andere Gesundheitsberufe neben Ärzten. Die offizielle Bezeichnung wandelte sich denn auch schon von "Primärarztsystem" in "Primärversorgungssystem".

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Die Großoperation

Warken machte klar: "Wir können das nicht von heute auf morgen einführen." Der Umbau gehört zu den Großprojekten dieser Wahlperiode, und es ist ein Eingriff in ein komplexes System: 578 Millionen Behandlungsfälle und eine Milliarde Kontakte von Patienten zu Fach- und Hausärzten gibt es nach Daten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung pro Jahr in den bundesweit 98.500 Praxen. Die Ministerin will bis zum Sommer einen ersten Entwurf für ein Gesetz erarbeiten. Die Einführung, wohl in Stufen, wird dann für 2028 angepeilt.

Die Steuerungsinstrumente

Grundsätzlich gilt freie Arztwahl, und die soll nicht abgeschafft werden. Viele gehen auch schon zuerst zum Hausarzt und dann mit Überweisung weiter zur Folgebehandlung oder tiefergehenden Untersuchung bei Spezialisten. Generell verpflichtend sind Überweisungen jedoch nicht, sondern nur für bestimmte Fachärzte wie Radiologen. Damit die Steuerung wirkt, sind auch Instrumente im Gespräch: Wenn man sich daran hält, vielleicht ein Bonus. Wenn nicht, vielleicht eine Extragebühr oder womöglich auch keine Überweisung auf Kassenkosten.

Die digitale Voreinschätzung

Eingebettet werden soll die Steuerung digital: Vorab, indem man telefonisch oder online eine erste Einschätzung zur Dringlichkeit und einen Wegweiser für die nächsten Schritte bekommt. Und dann über Termine, die auf einer neutralen einheitlichen Plattform verfügbar werden. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen schlug schon vor, dass man etwa bei einer Kassen-App seine Beschwerden eingibt und erfährt, ob ein Arztbesuch nötig ist oder auch eine Apotheke helfen kann. Dazukommen sollen dann auch E-Überweisungen.

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Die Reaktionen

Der Sozialverband VdK befürwortet eine bessere Orientierung, warnt aber vor neuen Sanktionen für Patienten. "Wer Hilfe sucht, benötigt Hilfe, keine Strafe", sagte Präsidentin Verena Bentele. Die Ursache für zu viele Arztkontakte sei kein massenhaft praktiziertes "Ärztehopping". Häufig würden Patienten aber von Praxis zu Praxis geschickt, bis sie eine Diagnose oder Behandlung erhielten. Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen forderte: "Ministerin Warken muss nun liefern." Ein gut gemachtes Primärsystem sei überfällig. Es müsse Haus- und Kinderarztpraxen aber nachhaltig stärken, statt sie zu überlasten./sam/DP/nas