Bitcoin: Zwischen digitalem Geld und nervenaufreibender Spekulation

Bitcoin polarisiert wie kaum ein anderes Anlageinstrument. Für die einen stellt die Kryptowährung den Befreiungsschlag vom staatlichen Geldmonopol dar, für die anderen bleibt er ein hochriskanter Zock. Zeit für eine nüchterne Einordnung aus Sicht der Vermögensverwaltung.
Als am 3. Januar 2009 der sogenannte Genesis-Block geschürft wurde, ahnte kaum jemand, welche Sprengkraft diese Idee entfalten würde. Der Zeitpunkt passte perfekt. Die Finanzkrise 2007/08 hatte das Vertrauen in Banken und Notenbanken erschüttert. Bitcoin trat an, um genau dieses Vertrauen durch Codes zu ersetzen. Keine zentrale Instanz, keine politische Einflussnahme, dazu eine feste Obergrenze von 21 Millionen Einheiten. Das klang nach solidem Geld und nach Schutz vor Inflation. Außerdem sollte die neue Kryptowährung weltweit verfügbar sein und somit auch den Menschen Zugang zu einer stabilen Währung ermöglichen, die bis dato nicht das Glück hatten, in Regionen einer "Hartwährung" zu leben.
Versprechen gehalten?
Doch ein gutes Narrativ allein macht noch kein funktionierendes Geldsystem. Die Frage bleibt: Hat Bitcoin geliefert? Unbestreitbar hat sich Bitcoin etabliert. Was Regierungen und Notenbanken anfangs belächelten, rückte spätestens ab 2013 in den Fokus der Regulierung. Der Bitcoin begünstige u.a. Geldwäsche, Terrorismusfinanzierung, Steuerhinterziehung und führe zum Verlust der staatlichen Geldhoheit, lautete die Kritik. Doch es blieb meist bei Warnungen, echte Verbote blieben die Ausnahme. Selbst dort, wo Staaten wie China rigoros mit Handels- bzw. Miningverboten vorgingen, ließ sich der Bitcoin nicht wirklich verbannen. Die dezentrale Struktur macht ein vollständiges Verbot faktisch unmöglich.
Der nächste Meilenstein folgte mit der Integration der Kryptowährung in die klassische Finanzwelt. Futures, erste Unternehmensakzeptanz und schließlich börsengehandelte Fonds in den USA verliehen Bitcoin institutionelle Legitimität. Anfang 2026 erreichte die Marktkapitalisierung rund 1,85 Billionen US-Dollar - mehr als alle Aktien des Tesla-Konzerns zurzeit auf die Waage bringen.
Asset: ja - Währung: nein
Trotzdem taugt Bitcoin kaum als Währungsalternative. Die Volatilität bleibt sein größtes Handicap. Mit Schwankungen von rund 50 Prozent pro Jahr stellt der Coin selbst die hoch volatile Technologiebörse Nasdaq in den Schatten; von klassischen Währungen ganz zu schweigen. Niemand möchte sein Gehalt in einem Gut beziehen, das binnen Wochen massiv an Wert verlieren kann. Im Alltag fehlt es weiterhin an Akzeptanz. Für Zahlungen dürften künftig eher Stablecoins eine Rolle spielen.
Für Anleger ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Bitcoin ist keine Währung, sondern eine eigenständige Anlageklasse. Im Portfolio zeigt er interessante Eigenschaften. Langfristig korreliert er leicht positiv mit Aktien, in Stressphasen jedoch deutlich stärker. Zu Staatsanleihen und Gold verhält er sich meist unkorreliert. Genau darin liegt sein Reiz.
Bitcoin bleibt spekulativ, volatil und emotional. Wer ihn einsetzt, braucht Disziplin, Risikobewusstsein und eine klare Positionsgröße. Als Beimischung kann er Diversifikation bringen. Als alleiniger Heils- und Renditebringer taugt er nicht.
von Udo Rieder, KSW Vermögensverwaltung AG, Nürnberg
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