Trump nominiert Warsh - und die Märkte halten den Atem an

Seit Monaten wird an den Finanzmärkten darüber spekuliert, wen Donald Trump als möglichen Nachfolger von Fed-Chef Jerome Powell ins Spiel bringen könnte.
Die Erwartungen schwankten zwischen zwei Extremen: einem Hüter der geldpolitischen Unabhängigkeit - oder einem loyalen Vollstrecker präsidialer Zinssenkungswünsche. Mit Kevin Warsh scheint Trump sich nun entschieden zu haben. Und prompt geraten die Märkte ins Wanken.
Erfahrung in Politik und Finanzwelt
Warsh ist kein Unbekannter. Sein Lebenslauf liest sich wie aus dem Lehrbuch der amerikanischen Machtzirkel: Stanford, Harvard, Morgan Stanley, anschließend wirtschaftspolitischer Berater von George W. Bush und ab 2006 - mit gerade einmal 35 Jahren - jüngstes Mitglied im Zentralbankrat der Federal Reserve (Fed). Damals, mitten in der globalen Finanzkrise, galt Warsh als geldpolitischer Falke: höhere Zinsen, strikte Inflationsbekämpfung, Skepsis gegenüber einer aufgeblähten Notenbankbilanz. Eigenschaften, die ihn einst kaum zum Wunschkandidaten Trumps machten.
Doch politische Karrieren leben von Wandlungsfähigkeit. In jüngerer Zeit soll Warsh deutlich mildere Töne angeschlagen und sich offen für niedrigere Leitzinsen gezeigt haben - ganz nach dem Geschmack eines Präsidenten, der Zinssenkungen nicht als geldpolitisches Instrument, sondern als politisches Recht versteht. Trumps Ziel ist klar: eine unterstützende Notenbank, billige Refinanzierung für den Staat und Rückenwind für die Konjunktur. Die Unabhängigkeit der Fed wirkt dabei zunehmend wie ein lästiges Detail.
2017 fiel die Wahl auf Powell statt auf Warsh als Fed-Präsident
Schon 2017 hatte Trump mit Warsh geliebäugelt, sich am Ende aber für Jerome Powell als Nachfolger von Janet Yellen entschieden. Sollte der Senat diesmal zustimmen, kehrte Warsh an eine Institution zurück, die zwar wirtschaftlich in ruhigeren Gewässern segelt als während der Finanzkrise, politisch jedoch stärker unter Druck steht als je zuvor. Erfahrung mit Krisen bringt er mit - nur sind die Frontlinien heute andere.
Die Märkte reagierten prompt: Edelmetalle wie Gold und Silber gaben nach sehr dynamischen Kurssteigerungen der letzten Wochen deutlich nach, Kryptowährungen gerieten stark unter Druck, während sich die US-Aktienindizes vergleichsweise stabil zeigten. Ein klassisches Zeichen von Unsicherheit - und davon gibt es reichlich. Denn selbst innerhalb der Republikaner regt sich Widerstand, nicht zuletzt wegen offener Fragen rund um das Vorgehen gegen Powell.
Am Ende stehen die Kapitalmärkte zwischen zwei Polen: dem Wunsch nach einer unabhängigen Zentralbank und der Realität eines Präsidenten, der geldpolitische Lockerung zur Chefsache erklärt hat. Ob Warsh der eine, der andere - oder beides zugleich sein wird, ist offen.
Der Deal-Maker wird es regeln - offenbleibt, zu welchem Preis
Eines allerdings spricht gegen ein dauerhaftes Chaos: Donald Trump. Der selbsternannte Deal-Maker hat wenig Interesse an nachhaltig fallenden Kursen. Sie schaden der Wirtschaft, der Altersvorsorge der Amerikaner - und nicht zuletzt seinem eigenen Vermögen. Die aktuelle Verunsicherung dürfte daher kein Dauerzustand sein. Die Frage ist nur, zu welchem Preis sie beendet wird.
von Dr. Andreas Schyra, Vorstandsmitglied der PVV AG und Dozent an der FOM Hochschule, Essen.
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