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09.11.2019 07:00
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Kunsthändler Achenbach: "Habe mich korrumpieren lassen"

Euro am Sonntag-Interview: Kunsthändler Achenbach: "Habe mich korrumpieren lassen" | Nachricht | finanzen.net
Euro am Sonntag-Interview
Der vielleicht umsatzstärkste Kunsthändler in Deutschland will das Vermögen seiner Kunden vermehrt haben. Den prominentesten aber hat Helge Achenbach betrogen. Jetzt beginnt er von vorn.
€uro am Sonntag
von Michael Hannwacker, €uro am Sonntag

Helge Achenbach, bis vor fünf Jahren Deutschlands bedeutendster Kunstberater, nennt mit großer Überzeugung große Summen, wenn es um die Renditen von ihm vermittelter Gemälde und Skulpturen geht. Das Problem: Heute steht er bei der Familie des verstorbenen Aldi-Erben Berthold Albrecht mit gut 16 Millionen Euro in der Kreide. Er hatte seinen schillernden Kunden mit versteckten Preisaufschlägen beim Kauf von Kunst und Oldtimern übervorteilt.

Im Juni 2014 bei der Rückkehr von der Fußball-WM in Brasilien auf dem Düsseldorfer Flughafen verhaftet, wurde Achenbach im März 2015 wegen Betrugs in 18 Fällen zu sechs Jahren Haft verurteilt. Nach Verbüßung von zwei Dritteln der Strafe kam er im Juni 2018 frei und zunächst bei dem Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff unter. Heute lebt Achenbach mit seiner neuen Freundin, der litauischen Malerin Evelina Velkaite (37), auf einem stillgelegten Bauernhof nahe Kaarst nordwestlich von Düsseldorf, den ihm ein befreundeter Unternehmer gegen ein kleine Miete zur Verfügung gestellt hat. Dort ist der Expräsident von Fortuna Düsseldorf Projektleiter eines Vereins namens "Kultur ohne Grenzen", der Künstlern mit Fluchthintergrund Ateliers auf Zeit zur Verfügung stellt.

Achenbach, der zu seinen Blütezeiten in den Ateliers von Bluechip-Künstlern wie Günther Uecker, Jörg Immendorff, Andreas Gursky oder Gerhard Richter ein- und ausging und mit seinem Büro für Art Consulting seit Anfang der 80er-Jahre millionenschwere Kunstwerke an Großkonzerne (Allianz, IBM, TUI, Volkswagen, Victoria Versicherung) und Privatsammler wie Frieder Burda, Mick Flick, Reinhold Würth oder eben Berthold Albrecht gemakelt hat, ist inzwischen selbst unter die Maler gegangen. Soeben hat der 67-Jährige eine Autobiografie veröffentlicht. Ihr dramatischer Titel: "Selbstzerstörung".

€uro am Sonntag: Ist es eigentlich ein besonders schmerzhafter Stachel im Fleisch, dass Menschen, deren Vermögen Sie durch Ihre Kunstberatung vermehrt haben, Sie wegen vergleichsweise geringfügiger Beträge drangehängt haben?
Helge Achenbach: Eigentlich nicht. Ich habe einen großen Fehler gemacht und dafür meine Strafe erhalten. Das muss ich akzeptieren. Dass ich so töricht war, ist meine Geschichte. Die kann ich nicht auf andere abwälzen.



Ihre ersten Geschäfte mit Berthold und Babette Albrecht beliefen sich auf ein Volumen von circa 60 Millionen Euro. Fünf Prozent Provision ergeben immerhin drei Millionen Euro. Warum war das zu wenig?
Weil schon mal 1,6 Prozent bei der Verwertungsgesellschaft Bildkunst landeten. Und meine Betriebskosten einen weiteren Teil davon auffraßen. Aber ich hatte mich ja darauf eingelassen, wohl auch, weil ich vor dem großen Namen Albrecht eingeknickt bin, um sagen zu können, schaut mal, den habe ich jetzt auch. Wie gesagt, sehr töricht.

Warum haben Sie nie den Mut gefunden, Berthold Albrecht zu sagen, dass Sie mehr brauchten?
Zu Beginn war das eine merkwürdige Form von Scheu. Später, nach einem Atelierbesuch bei dem Bildhauer Tony Cragg, von dem er eine vier Meter hohe Skulptur erwerben wollte, habe ich sogar versucht, es Bert zu erklären. Dann, bei einem größeren Gerhard-Richter- Geschäft machte der Händler mir einen Vorschlag, wie wir die Provision aufteilen. Das betreffende Bild kostete zum EK in New York acht Millionen Dollar, hatte damals schon einen Marktwert von zwölf bis 15 Millionen Dollar. Und der Händler sagte, da macht jeder von uns eine Million Profit. Das habe ich Bert­hold so weitergegeben und er hat das ­akzeptiert. Heute ist das Bild sicher 40 bis 50 Millionen wert. Nur: Unglücklicherweise habe ich diese Dinge nie schriftlich festgehalten und konnte sie deshalb nicht beweisen.

Haben Sie Albrecht jemals in einem Zustand erlebt, in dem Sie lieber kein Geschäft mit ihm machen wollten?
Ich habe ihn immer in einem hoch­anständigen Zustand erlebt. Wenn man die Krankheit, die hier im Raum steht, ernst nimmt, gibt es sicher unterschiedliche Formen. Und ich hatte das Gefühl, dass er sehr routiniert damit umging.

Sie schreiben, Sie kaufen immer noch bei Aldi ein. Warum gehen Sie nicht ­wenigstens zu Lidl?
Gehe ich auch. Aber ich hatte ja zu Bert­hold, nachdem wir uns über die Jahre angefreundet hatten, auch ein sehr herzliches Verhältnis. Umso mehr habe ich mich gegrämt. Ich erinnere mich an eine spannende, schöne Zeit mit ihm, die dramatischerweise und viel zu früh mit seinem Tod endete (der Miteigentümer von Aldi Nord starb im November 2012; Anm. d. Red.).

Juristisch ist Ihre Schuld unzweifelhaft. Sehen Sie sich auch moralisch in der Schuld?
Ja, klar. Ich hätte das einfach nicht machen dürfen. Das Fehlen meiner eigenen Integrität und des Hineinhörens in mein eigenes Wertesystem, der Verlust an Ehrlichkeit, das kann ich mir nicht verzeihen. Ich tröste mich damit, dass diese Sammlung, die damals vielleicht 120 Millionen gekostet hat, heute bestimmt das Doppelte wert ist. Aber es bleibt traumatisch und ist in keiner Weise jemand anderem zuzuschreiben.

Babette Albrecht wurde von ihrem Schwager Theo Albrecht jr. eine gewisse Raffgier vorgeworfen: "Du bist mit Deiner Einstellung und Lebens­führung eine Belastung für unser ­Unternehmen." Sind Sie ihretwegen nicht mehr im Geschäft?
Nein. Verraten hat mich ein damals arbeitsloser Museumsdirektor, den ich als freiberuflichen Mitarbeiter für die Berenberg Bank engagiert hatte. Aber erst, nachdem er selbst kassiert hatte. Doch ich bin nicht wütend auf ihn. Verräter gibt es seit Menschengedenken überall.

Besteht die Sammlung noch, die Sie damals für Babette und Berthold Albrecht zusammengestellt haben?
Ich glaube ja. Und ich hoffe es. Weil Bert­hold nicht wollte, dass sie verkauft, sondern an die Kinder weitergegeben wird. Aber ich hätte es wohl auch mitbekommen. Der Markt ist ja geschwätzig.

"Rechnungen nachträglich zu erhöhen", sei der "größte Fehler meines Lebens" gewesen, schreiben Sie in Ihrer Lebensbeichte (siehe Kasten). Welches war der zweit- und der drittgrößte?
Dass ich meinen Kindern und meinen Exfrauen sehr viel an unangenehmen Dingen beschert habe. Und dass ich nicht mehr auf meine innere Stimme gehört habe. Mit 25 war ich ein absolut seismografischer Mensch, der immer spürte, wenn etwas nicht stimmte. Und dann habe ich mich korrumpieren, mich kaufen lassen.

Was verursacht diesen schleichenden Verlust an Integrität?
Das hat natürlich etwas mit Größenwahn zu tun. Du hast Erfolg, hast Claqueure, und plötzlich reflektierst du nicht mehr selbstkritisch, sondern du machst dir etwas vor. Wenn ich mir vorstelle, dass ich so eine lächerliche Rechnung kopiere und sie blöderweise auch noch "Collage" nenne, den Preis erhöhe und nicht Manns genug bin zu sagen, ich mache diese Geschäfte nicht für diese kleine Kohle, dann ist das doch ein Wahnsinn. Und da ist natürlich auch dieser Punkt, dass man als Egoist, als Egozentriker, als Narzisst, sowieso schon zu komischen, spektakulären ­Sachen neigt.

Wegbegleiter nennen Sie schon mal ­einen Menschenfänger. Ist dies Ihre hervorstechendste Qualität?
Nein. Ich liebe Kunst und möchte Liebschaften entwickeln. Menschenfänger ist zu negativ. Vielleicht eher: ein Verführer.

Musste es Kunst sein? Oder hätten Sie auch Autos verkaufen können?
Eher noch Immobilien. Weil man da auch gestalten kann. An Kunst gefällt mir, dass sie von Menschen geschaffen ist und im besten Falle etwas Wertiges hat. Mich hat aber auch immer fasziniert, ein Grundstück zu erwerben und mit einem spannenden Architekten etwas Großartiges zu entwickeln, so wie ich das sehr früh mit David Chipperfield im Düsseldorfer Hafen gemacht habe. Auch das Development-Geschäft ist ein kreativer Prozess.

Gerhard Richters Gemälde "Die Kerze", das Sie 1982 für 18 000 Mark erwarben, zwei Jahre in Ihr Wohnzimmer hängten und dann veräußerten, erzielte 2011 bei Christie’s in London fast zwölf Millionen Euro. War das Ihre lukrativste Wette?
Es gab ja viele solche Fälle. Ich habe mal einem Sammler ein Bild von Jackson Pollock für 750 000 Mark gekauft, das heute sicherlich 150 Millionen Dollar wert ist. Oder frühe Bilder von Andy Warhol für 5000 Dollar, die heute bei 100 Millionen liegen dürften. Und das ist ja kein Hexenwerk. Es geht ja nur darum, dass man sehen kann. Man muss die Qualität spüren, muss das Sujet erkennen, man muss den Mut haben, dazu zu stehen und zu kaufen. Dann passiert vielleicht manchmal das Zauberhafte, dass sich der Wert so unglaublich entwickelt.

Gab es eigentlich Konkurrenz in Ihrem Metier? Hatten Sie ernst zu nehmende Wettbewerber?
Jeder gute Galerist war ein Konkurrent. Larry Gagosian, David Zwirner, Johann König, all diese Kerle konnten Konkurrenten sein. Es gab auch immer wieder Leute in der Beratungsbranche, gerade in Amerika. Aber ich habe das nie so empfunden.

Wie häufig kam es vor, dass Sie Vor­ständen sozusagen zum Dank für deren Aufträge Kunstwerke für ihre Privatsammlung zum Spottpreis überlassen mussten?
Schon ein paar Mal.

Können Sie Namen nennen?
Um Gottes Willen, nein. Ich will die Leute ja nicht unglücklich machen. Die dreisteste Geschichte passierte in einem Reisekonzern in Hannover, 1984. Da sagte der Vorstand fürs Bauen, Sie kriegen diesen Auftrag, aber nur, wenn Sie meiner Frau - sie hatte selbst eine ­eigene Galerie - eine zehnprozentige Provision zahlen. Und ich überlegte ­tatsächlich, mach ich das oder mach ich das nicht?

Und Ihre Antwort?
Ich dachte, ich brauche das. Ich brauche den Umsatz. Den brauchte ich wirklich. Das war die Entjungferung. Bei diesem Deal habe ich meine Jungfräulichkeit verloren.

Wie viele Kunsthändler kennen Sie, die mit Ihrem "Pech" auch im Gefängnis ­sitzen könnten?
So ein Nachkarten wäre kleinkariert. Gewiss ein paar. Es gibt auch Unternehmer, die mir sagen, das, was du gemacht hast, hätte mir auch passieren können. Aber das soll mich nicht reinwaschen.

Haben Sie eine Vorstellung, wie viele Kunstwerke in den Schweizer Freilagern lagern?
Gigantisch viele, zig Milliarden. Ich hatte kürzlich einen Beratungsauftrag und sollte mir in einem solchen Speicher etwas anschauen. Das war sehr beeindruckend. Da stand in einem kleinen Räumchen Kunst für schätzungsweise eine halbe Milliarde. Und es war ein Mensch, der das alles besaß. Eigentlich schade, dass die Kunst da vergammelt.

Wer verwahrt in diesen Lagern Kunst?
Das sind Händler, das sind Sammler, das sind Spekulanten, vielleicht auch Erben oder Erbengemeinschaften. Ein tolles Geschäft für die Vermieter.

Die Kunstwerke, die sich zum Zeitpunkt Ihrer Verhaftung in Ihrem Besitz oder dem Ihres Unternehmens befanden, sind allesamt bei Van Ham in Köln versteigert worden. Haben Sie Kenntnis, wer sich dabei die besten Stücke ­geangelt hat?
Leider nicht. Manchmal höre ich von Freunden, dass sie etwas ersteigert ­haben. Und neulich war ich auf einem Abendessen eingeladen und entdecke an einer Wand acht wunderschöne Papierarbeiten von einer österreichischen Künstlerin. Als ich sie gegenüber meinen Gastgebern lobe, gucken die nach unten und gestehen, dass sie die von meiner Auktion haben - für 400 Euro für alle acht. Ich sehe das inzwischen gelassen. Aber meine Sachen wurden regelrecht verschachert.

Würden Sie vom Erfolg Ihres Buches profitieren?
Nein. Die Rechte liegen bei einem Unternehmen, das mir ein Grundgehalt zahlt. Man kann ja mit Büchern auch nicht soviel verdienen.

Was verhindert eigentlich, dass Sie - mit Ihren Händler- und Menschenfänger-Genen - dort weitermachen, wo Sie aufgehört haben? Sie sind doch nicht der einzige überführte Betrüger in der Szene.
Ich habe schon eine Scheu, mich wieder in diesem Kontext zu bewegen. Außerdem mache ich die Arbeit hier für die Stiftung sehr gern, weil das ja auch ein Versöhnen mit der Gesellschaft ist. Was aber jetzt passiert: Gelegentlich, immer öfter, kommen Menschen zu mir und bitten mich um Rat. An diesem Prozess nehme ich gerne teil und ich habe Hoffnung, dass mir da etwas gelingt - was ein paar befreundete Unternehmer gern wollen -, dass ich so erfolgreich sein kann, das am Ende vielleicht meine Schulden weg sind. Das wäre meine Mission. Ich habe die Zielsetzung, anständig zu sterben. Die Chancen sind da.

Wie weit sind Sie denn schon?
Ich bin ganz stolz, dass ich 100 Euro pro Monat von meinem pfändungsfreien Monatsgehalt an die Stadtsparkasse Düsseldorf überweise, um die Schulden für meine Kreditkarte abzustottern, die bei meiner Verhaftung wohl mit 20.000 Euro belastet war. Und ich zahle dem Finanzamt jeden Monat 140 Euro als Rate meiner Einkommensteuer von 2014. Das ist doch eine Geste! Und ich bin auch sehr interessiert, Frau Albrecht all das Geld, das sie zu kriegen haben meint, zurückzuzahlen. Sie hat ja schon einiges kassiert. Aber sie soll alles haben. Was mir allerdings noch wichtiger ist: Heute empfinde ich als größtes Glück, dass ich diese Wahrhaftigkeit wieder für mich gefunden habe. Und ich bin glücklich, so wie ich heute lebe.

Vita

Der gefallene König
1952 in Weidenau bei Siegen geboren, startet der studierte Sozialpädagoge 1977 mit einem Großauftrag für die Klöcknerwerke in Duisburg und gründet 1984 die Achenbach Art Consulting Gesellschaft in ­Düsseldorf. Fünf Jahre später betreibt er acht Büros in Deutschland. 2014 wird Achenbach wegen Betrugs verhaftet, 2015 verurteilt, 2018 kommt er frei. Enthüllungsjournalist Günter Wallraff ist sein ­Bewährungshelfer. Helge Achenbach, heute mittellos, ist geschieden und hat acht Kinder.







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Bildquellen: Michael Hannwacker/Finanzen Verlag

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