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31.05.2014 11:00
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Claus Hipp: "Mein Geld steckt in der Firma"

Für was genau steht Bio-Pionier Claus Hipp eigentlich seit Jahrzehnten mit seinem Namen in Werbespots? Ein Gespräch über Glaube, Geld und unternehmerische Verantwortung.
€uro
Das Interview führte €uro-Chefredakteur Lucas Vogel

€uro: Herr Hipp, Sie sind nicht nur Unternehmer, sondern auch gläubiger Katholik. Was bedeutet das konkret für das Unternehmen Hipp?
Claus Hipp: Ich bin der Meinung, dass ein Unternehmer, der glaubt, einen Vorteil gegenüber einem Atheisten hat, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen. Der Atheist kann alle Informationen einholen, sorgfältig abwägen und dann entscheiden. Das kann aber der gläubige Unternehmer auch. Er wird aufgrund seines Glaubens jedoch fester in ­seiner Entscheidung sein. Das ist ein Vorteil.

In der Bibel geht es oft um Kranke, Schwache, Hilfsbedürftige. Reiche spielen nur ­selten eine Rolle, und wenn, dann oft keine gute. Was denkt Jesus über Unternehmer?
Zunächst einmal war Jesus selbst Unternehmer. Er war Zimmermann, und diesen Beruf kann man nicht allein ausüben. Kein Dachbalken lässt sich allein aufstellen. Auch in seinem Freundeskreis gab es Wohlhabende. Die reiche Salome hat die Jünger unterstützt. Aber es gibt nicht umsonst das Sprichwort: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt. Wohl­habende müssen sich anstrengen, Gott zu ­gefallen. Vielleicht mehr als Hilfsbedürftige.

Ihr Unternehmen hat Sie auch reich gemacht. Was bedeutet Geld für Sie?
Mein Geld steckt in der Firma, um zu arbeiten. Ich bin überzeugt davon, dass ich später mal nicht daran gemessen werde, wie viel Geld ich verdient habe, sondern was ich damit gemacht habe.

Ihr Sohn leitet das Familienunternehmen in der dritten Generation. Was unterscheidet Ihrer Meinung nach Unternehmer von Managern?
Unternehmer denken langfristig, oft in Generationen. Manager sind nur für eine begrenzte Zeit bei einem Unternehmen angestellt. Das ist für mich der größte Unterschied und er hat weitreichende Folgen.

Die wären?
Wer langfristig denkt, verzichtet auch einmal kurzfristig auf Erträge, weil er zum ­Beispiel in die Zukunft investiert. Das tut er dann, wenn er der Überzeugung ist, dass sich die Investition später auszahlt - unter Umständen nachdem er die Unternehmensführung abgegeben hat. Wer kurzfristig denkt, investiert weniger in die Zukunft, will schnelle Erträge und läuft auch eher Gefahr, unehrbar zu handeln.

Ist das wirklich so einfach? Der langfristig orientierte Unternehmer hier, der kurzfristige, gierige Manager dort?
Natürlich gibt es auch langfristig denkende Manager, die über Jahre und Jahrzehnte bei einem Unternehmen bleiben. Und umgekehrt gibt es auch Unternehmer ohne Tradition, die das schnelle Geld suchen. Aber grundsätzlich bleibe ich dabei: Die Gefahr, zu kurzfristig zu handeln, ist bei angestellten Managern größer als bei Unternehmern.

Ist das ein Phänomen unserer Zeit?
Nein. Kaiser Vespasian, der kein besonders ehrbarer Mensch war, ging nicht nur mit dem Zitat "Geld stinkt nicht" in die Geschichte ein. Er hat auch gesagt: "Ibi fas ubi pro­xima merces" - dort ist das Recht, wo das schnelle Geld ist. Aber schon damals gab es den Grundsatz: "Non omne quod licet, ­honestum est - nicht alles, was erlaubt ist, ist auch ehrbar." Dieses Spannungsfeld gibt es also schon lange.

Haben Unternehmer ihren Mitarbeitern gegenüber mehr Verantwortung als Manager?
Das ist schwer zu sagen. Aber ich stelle schon Unterschiede fest. In Krisenzeiten wird ein Manager - gerade bei börsennotierten Gesellschaften - schneller Menschen entlassen als ein Unternehmer. Denn sein Gehalt ist an die Entwicklung des Aktienkurses gekoppelt. Und der steigt häufig bei Entlassungen. Ein Unternehmer fragt sich eher, wann die Krise vorbei ist, und weiß, dass er dann wieder Leute braucht.

Macht es einen Unterschied, ob ein Unternehmen börsennotiert ist oder nicht?
Sicherlich werden die Entscheidungen bei notierten Unternehmen stark davon abhängig gemacht, wie sie sich auf den Aktienkurs auswirken. Das hat sich verstärkt, seit die Vergütung der Manager so stark an den Kurs gekoppelt wurde. Das müsste man wahrscheinlich wieder zurückdrehen, wenn man erreichen will, dass börsen­notierte Unternehmen wieder langfristiger ausgerichtet werden.

Wie könnte so etwas gelingen? Muss der Staat Auswüchse bekämpfen?
Nein. Da sind die Aufsichtsräte gefragt. Sie ­legen doch die Vergütungen für den Vorstand fest. In den Aufsichtsräten müsste sich das langfristige Denken wieder stärker durchsetzen. Auch hier wurde in den letzten Jahren zu kurzfristig agiert.

Kann man sich diesen langfristigen Ansatz auch leisten, wenn es in Krisenzeiten um die Existenz des Unternehmens geht?
Unternehmerisch denken heißt nicht, nie ­jemanden zu entlassen. Auch wir mussten schon Angestellte freistellen. Aber das geschieht wiederum nur aus einem langfristigen Ansatz heraus: Ich muss jetzt handeln, um langfristig das ganze Unternehmen nicht zu gefährden. Nur dann bin ich als Unter­nehmer später in der Lage, bei gut laufendem Geschäft, wieder einzustellen.

Wollten Sie immer Unternehmer werden?
Ich wollte Berufsmaler werden. Da hat mein Vater gesagt: "Ob du so gut wirst, dass die Welt auf dich wartet, das weiß man nicht. Aber ich weiß, dass du hier ein gutes Unternehmen hast, aus dem du etwas machen kannst."

Sie haben die Verantwortung für den Betrieb nie gescheut?
Ich bin in die Verantwortung von klein auf reingewachsen. Sie bringt ja auch die Freiheit zu entscheiden. Denn nicht nur muss derjenige, der entscheidet, die Verantwortung tragen. Es muss auch derjenige entscheiden dürfen, der die Verantwortung trägt. Beides zusammen ist ein Grundsatz, der sehr wichtig ist und leider in unserer ­Gesellschaft immer öfter verloren geht.

Inwiefern?
Wir haben in unserer Gesellschaft die Tendenz, dass sich Menschen hinter Mehrheiten verstecken. Aber da die meisten Menschen nicht überdurchschnittlich klug sein können, können auch so getroffene Entscheidungen nicht überdurchschnittlich klug sein.

Wem gegenüber ist man denn als Unternehmer verantwortlich?
In erster Linie gegenüber seinen Kunden. Das sind in meinem Fall die Kinder, die sich gegen schlechte Produkte nicht einmal ­wehren können. Aber auch gegenüber Lieferanten und Mitarbeitern. Alle hängen dran.

Was bedeutet das konkret? Bezahlen Sie Ihre Lieferanten - rund 6000 Biobauern - besser als die Konkurrenz?
Wir zahlen Sie so gut, dass sie begeistert mit uns zusammenarbeiten.

Ist man auch der Gesellschaft verpflichtet?
Natürlich. Ein Beispiel: Bei unserer Schweizer Tochter hatten wir die Wahl, mit einer steuerlichen Gestaltung unsere Steuerlast deutlich zu senken. Unsere Leute vor Ort haben sich deutlich dafür ausgesprochen, die alte Regelung mit höheren Steuern zu belassen. Das Argument: Die Gemeinde, in der die Mitarbeiter leben, braucht die Steuereinnahmen. Wir haben die alte Regelung behalten und zahlen mehr Steuern.

Mehr Steuern zahlen, als man muss - das klingt nicht gerade nach dem berühmten Schweizer Freiheitsdenken.
Das erklärt sich meiner Meinung nach auch daraus, dass Steuern in der Schweiz nicht nur niedriger sind, sondern auch besser verteilt werden. Ich denke, es ist ein großer Vorteil, dass die meisten Steuereinnahmen dort in den Kommunen bleiben. Ein kleinerer Teil geht an den Kanton, ein noch kleinerer an den Bund. Dadurch ist die Verbindung von Unternehmen mit ihrer unmittelbaren Umgebung enger, und auch die Mitsprache, was mit den Steuern passiert, ist direkter.

Ist das ein Modell für Deutschland?
Ich finde dieses Modell besser als das deutsche System, in dem der Bund die meisten Steuern behält und die Gemeinden am ­wenigsten bekommen. Das Schweizer Modell ist transparenter und macht Mitsprache vor Ort möglich. In Deutschland haben viele Menschen das Gefühl, die Steuern kommen in einen großen Topf und die Mittel werden intransparent von Politikern verteilt.

Ist die Schweiz der sozialen Marktwirtschaft Ludwig Erhards näher, als wir es sind?
Eigenverantwortung spielt dort eine größere Rolle. Das finde ich gut und wichtig und steht nicht im Gegensatz zur christlichen Soziallehre. Denn jeder muss im Rahmen ­seiner Möglichkeiten seinen Beitrag leisten.

Sie sind nicht nur in der Schweiz tätig, sondern produzieren auch in Russland. Kann man dort, zum Beispiel beim Thema Korruption, die eigenen Grundsätze des ehrbaren Handelns stets aufrechterhalten?
Wir haben eine Ethik-Charta, die in allen Ländern und für alle Standorte gilt. Aber natürlich herrschen in einigen Ländern andere Sitten. Am wichtigsten ist aber, dass unsere Mitarbeiter diese Idee unterstützen und sich damit wohlfühlen. Wenn sie sich wohlfühlen, machen sie gute Arbeit.

Eine Ethik-Charta und Bio-Babynahrung, das passt. Würden Sie ebenso handeln, wenn Sie etwas anderes produzieren würden?
Sicher passt das zusammen. Wenn wir Bausteingewebe herstellen würden, wäre die Frage, wie dieses Bausteingewebe hergestellt wird, wohl nicht so wichtig wie die Frage, ob die Qualität und der Preis stimmen.

Über Claus Hipp

Claus Hipp, 1938 als zweites von sieben Kindern in München geboren, will eigentlich Künstler werden, wird jedoch früh in den elterlichen Betrieb eingebunden. Neben einer Promotion in Jura und einer Ausbildung zum Maler wird er 1967 Betriebsleiter der Hipp-Werke, die er zum führenden Produzenten für Babynahrung in Deutschland ausbaut. Neben seiner beruflichen Karriere ist Claus Hipp seit 1970 unter seinem Geburts- und Künstlernamen Nikolaus Hipp als freischaffender Künstler tätig. Der gläubige Katholik ist Kunstprofessor in Tiflis, Georgien, und spricht fließend Russisch. In den Jahren von 1960 bis 1977 ist Hipp im Reitsport aktiv und erzielt Siege bei internationalen Turnieren.

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